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Sylter Rundschau

21. Oktober 2017 | 10:56 Uhr

Polen auf Sylt : Mehr als eine Minderheit

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Mehr als fünf Prozent der Sylter Bevölkerung sind polnischer Abstammung. Doch wie leben und integrieren sich Polen auf der Insel?

18 polnische Schüler aus Warschau waren Ende vergangener Woche zu Besuch auf der Insel - Zusammen mit 16 Sylter Schülern begaben Sie sich auf eine gemeinsame Spurensuche, um sich mit der NS-Vergangenheit auseinander zu setzen (wir berichteten).

Doch nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart verbindet Polen und Deutschland miteinander. „Deutschland ist der mit Abstand wichtigste Handelspartner Polens. Mehr als ein Viertel der polnischen Ausfuhren geht nach Deutschland. Umgekehrt ist Polen auch für den deutschen Außenhandel von großer Bedeutung und nimmt dort seit Jahren Rang zehn ein“, informierte Nikolas Häckel, Bürgermeister der Gemeinde Sylt, in seiner Begrüßungsrede für die polnischen Schüler am vergangenen Donnerstag. „In ganz Deutschland stammt inzwischen jeder zehnte Einwohner mit Migrationshintergrund aus Polen. Damit sind Polen und ihre Nachkommen die zweitgrößte Minderheit in Deutschland“, erklärte Häckel. Und auch auf Sylt seien derzeit knapp 1500 polnische Staatsbürger gemeldet, „das sind mehr als fünf Prozent der Sylter Bevölkerung“, so der Sylter Bürgermeister. Hierbei nicht eingerechnet sind zudem diejenigen, die ihren polnischen Pass mittlerweile abgegeben und die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben.

Die Sylter Rundschau ist vor diesem Hintergrund der Frage nachgegangen, wie Polen und Deutsche mit polnischem Migrationshintergrund auf der Insel leben und wie sich das Zusammenleben mit Syltern gestaltet.

Karolina Turek, die von sich selbst sagt, komplett eingedeutscht zu sein, hat nur die ersten drei Jahre bei ihrer polnischen Großmutter in Landsberg an der Warte verbracht und ist dann zu ihren Eltern auf die Insel nachgezogen. Auf Sylt kenne sie keine speziell polnischen Vereine oder Gemeinschaften, sie sei wie jeder andere Sylter aufgewachsen, habe deutsche Freunde, ebenso wie ihre Eltern. Polnisch spreche die Krankgenschwester trotzdem fließend und sie genieße es zweimal im Jahr in die Eigentumswohnung ihrer Eltern in Polen zu fahren. In ihrem Herzen trage sie eigentlich zwei Heimaten: Sylt wo sie lebe, wo sie Familie und Freunde habe und eben Polen, das Land mit dem sie Sentimentatlitäten und Kindheitserinnerungen verbinde.

Aber nicht alle der auf Sylt gemeldeten Polen leben auch tatsächlich dauerhaft auf der Insel. Hayo Feikes, Inhaber des Westerländer Strandhotels Roth, beschäftigt beispielsweise in seinem Hotel in der Sommersaison zirka 20 Polen, ungefähr ein Drittel der Belegschaft hat damit einen polnischen Hintergrund. „Viele sind uns treu geblieben und kommen Jahr für Jahr wieder, inzwischen teilweise sogar schon in zweiter Generation.“ Die Verständigung untereinander sei kein Problem, da Feikes bei seinen Mitarbeitern auf mindestens grobe Deutschkenntnisse Wert lege. Und klappe der Austausch doch einmal nicht, könne sein jahrzehntelanger Mitarbeiter und inzwischen Geschäftsführerassistent Jan Kasimir Knopp, der selbst vor über dreißig Jahren von Danzig auf die Insel kam, als Dolmetscher einspringen. Dass ein großer Teil der Mitarbeiter aus Polen komme, sei aus wirtschaftlicher Sicht für Hotelier Feikes unerlässlich: „Uns fehlt es an deutschem Nachwuchs im Hotel- und Gastronomiegewerbe. Ohne die Polen könnten wir den Betrieb überhaupt nicht aufrecht erhalten.“

Manfred Gerth Obermeister der Baugewerbe- und Tischlerinnung Sylt, schätzt dass auch in der Baubranche einige Hundert Polen auf der Insel seien, die zum Arbeiten nach Sylt kommen - „Tendenz steigend“. Auch viele polnische Bauunternehmer gebe es inzwischen auf der Insel, so der Tischler. Das Verhältnis sei allerdings nicht allzu positiv, da diese ihre Dienste oft günstiger als die in der Innung organisierten Betriebe anbieten – die Konkurrenz sei groß, klagt Gerth.

Auf der Insel bleiben, das wollen die meisten aus Polen kommenden Arbeitnehmer längerfristig nur eben nicht. „Nach der Saison zieht es viele wieder nach Hause, wo sie sich mit dem hier verdienten Geld Häuser bauen“, weiß Feikes vom Hotel Roth. Trotzdem wünscht sich sein Assistent Knopp mehr polnische Betreuung für die meist sehr katholischen Polen, beispielsweise in Form von polnischen Messen und Beichten.

In der katholischen Kirche St. Christophorus in Westerland, so berichtet Beate Lüngen, Mitarbeiterin im Pfarramt, kümmere sich Pfarrer Hoppe durchaus im Rahmen seiner Möglichkeiten um polnische Kirchgänger und spreche selbst ein paar Brocken polnisch. „Am festen Gemeindeleben nehmen aber insgesamt eher wenige Gläubige mit polnischem Migrationshintergrund teil“, sagt Lüngen. Schwester Franziska aus dem Steyler Orden in List, der zur Westerländer St. Christophorus Kirche gehört, spricht von ungefähr 30 Kirchgängern polnischer Abstammung. „Diese tun sich zwar gerne zusammen, haben aber auch zum Rest der Gemeinde eine gute Verbindung“, findet sie. Richtig bewusst werde sie sich der Polen und Polnischstämmigen vor allem bei der Erstkommunion oder Firmung: „Da merkt man erst, wie viele Kinder auf der Insel einen polnischen Hintergrund haben.“

Elisabeth Warda, Inhaberin der Lister Reinigungsfirma Lisbet, empfindet ebenfalls, dass zwar „richtig viele Polen“ in nahezu jedem Gewerbe, beispielsweise in der Reinigung, im Handwerk aber auch bei der Bank und in der Post, auf der Insel zu finden seien, diese untereinander aber nur wenig Berührungspunkte hätten. Für die Zukunft hofft die Unternehmerin, dass sich die auf Sylt arbeitenden Polen stärker miteinander verbinden und einbringen „und nicht nur zum Arbeiten und Geldverdienen auf die Insel kommen“.

 

 

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