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Sylter Köpfe : Margot Mehn: Sterbebegleiterin auf Sylt

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

In der Serie Sylter Köpfe erzählt Margot Mehn, wie sie Sterbebegleiterin im Hospizverein Sylt geworden ist und was diese Arbeit für sie bedeutet.

shz.de von
erstellt am 16.Dez.2013 | 06:00 Uhr

Der Tod ist Teil des Lebens. Für alle steht er am Ende des Daseins. Für einige ist er schon vorher ein Wegbegleiter. Margot Mehn sammelte die ersten intensiven Erfahrungen mit dem Sterben als Krankengymnastin auf der HIV-Station eines Krankenhauses, später in der Sylt-Klinik für krebskranke Kinder und heute als Sterbebegleiterin des Hospizvereins Sylt. Viel hat die Westerländerin über den Tod erfahren – und noch immer die ungebrochene Stärke, anderen Kraft zu spenden.

Das Leben erblickte die Wahl-Sylterin im westfälischen Hamm. Schon in jungen Jahren trat ihre sportliche Begabung zu Tage. In den Zeugnissen prangte stets eine Eins und als Jugendliche erwuchs sie zu einer engagierten Leistungsturnerin.

Dass der Gedanke reifte, später beruflich „etwas mit Sport und Kindern zu machen“, verdankt sie der Mutter einer Freundin: „Eine bemerkenswerte Frau, die als Sportlehrerin in faszinierender Weise Kinder betreute. Als ich etwa zwölf war, durfte ich ihr helfen.“

Prompt schloss sich der Schulzeit die Ausbildung zur Sport- und Gymnastiklehrerin an, fernab der Heimat: In Glücksburg an der Ostsee wurde sie 1965 in einer Privatschule aufgenommen, wo die Aspirantin zweieinhalb Jahre später den staatlich zugelassenen Abschluss erreichte. Zu jener Zeit fand sich auch das private Glück: Durch eine Freundin lernte sie in Flensburg ihren späteren Mann kennen. Im hohen Norden fühlte sich das Paar wohl, Margot Mehn unterrichtete zunächst an einer Schule in Husum und dann in Kappeln. Die Geburt zweier Töchter komplettierte die Harmonie – heute ist die ältere Tiermedizinerin im Münsterland, die jüngere Erzieherin auf Sylt. Und der ganze Stolz von Margot Mehn ist der achtjährige Enkel Marlon, der bei Oma immer willkommen ist.

Nach Sylt verschlug es das Ehepaar 1978, als Manfred Mehn eine Lehrstelle an der Berufsschule Westerland antrat. Die erste Begegnung mit der Insel sagte der Gattin wenig zu: „Es war Januar, es war grau, es regnete und stürmte. Ob ich das hier aushalten kann, habe ich mich gefragt“, erinnert sich Margot Mehn schmunzelnd. Sie konnte und arbeitete fortan als Sportlehrerin in den Grundschulen von Westerland und Wenningstedt. „Zwei Mal haben wir mit Kindern die Insel in Etappen umwandert, das waren besondere Erlebnisse. Einige Schüler waren in manchem Inselort zuvor noch nie gewesen.“

Es hätte eigentlich alles so weiter gehen können, doch Margot Mehn suchte in der Lebensmitte eine neue Herausforderung. Mit 42 Jahren drückte sie noch einmal die Schulbank und absolvierte die Ausbildung zur Krankengymnastik mit der Zusatzqualifikation Psychomotorik. Aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters war es nicht leicht, eine Stelle für das in die Ausbildung integrierte Anerkennungsjahr zu finden. Dass Margot Mehn schließlich in einem Kölner Akutkrankenhaus fündig wurde, sollte sich nachträglich gleichsam als Fingerzeig für den weiteren Lebensweg erweisen. „Ich arbeitete auf der HIV-Station und da blieb es nicht aus, dass die Tätigkeit über die Krankengymnastik weit hinaus ging. Ich nahm an vielen Schicksalen teil, tröstete Patienten und Angehörige, sah junge und alte Menschen sterben.“

Der Beruf wurde für Margot Mehn zur Berufung. Denn nach Sylt zurück gekehrt, widmete sie sich auch hier fortan Menschen, die besonderer Aufmerksamkeit bedurften: In der Wenningstedter Sylt-Klinik, die sich der Nachsorge krebskranker Kinder verschrieben hat. 13 Jahre lang traf Margot Mehn dort Monat für Monat auf neue kleine Patienten. „Aufgrund des begrenzten Zeitraums der Kuren musste man die motorischen Probleme zügig erfassen und geeignete Übungen anwenden, die Einschränkungen wie Amputationen oder Narben berücksichtigten. Und natürlich gab es auch hier viele intensive Gespräche.“

Wenn die Schützlinge wieder abgereist waren, kam hin und wieder eine Nachricht. Manchmal war es ein gemaltes Bild oder ein Brief. Manchmal war es die Nachricht eines Krankenhauses, dass ein Kind verstorben sei. „Um besser verstehen zu können“, sagt Margot Mehn, nahm sie 1997 an der Ausbildung zur Sterbebegleiterin teil, gleich im ersten Kurs des neu gegründeten Hospizvereins Sylt. Und als sie 2009 pensioniert wurde, dehnte sie dieses Engagement noch aus, betreute im Niebüller Hospiz regelmäßig Kinder und Jugendliche, deren Angehörige verstorben waren.

Und noch einmal wurde Margot Mehn zur Schülerin: Am Hamburger Institut für Trauerarbeit absolvierte sie eine dreijährige Ausbildung zur „Trauerbegleiterin für Kinder und Jugendliche“, die sie just im vergangenen Frühjahr abschloss. Diese Ausbildung vertiefte die innere Quelle, aus der die ehrenamtliche Trauerbegleiterin bei ihren Gesprächen im Hospiz wie auch mit Betroffenen auf der Insel schöpft, „um zu verstehen, dass jedes Leben endlich ist, um Wege zu finden, den schmerzlichen Verlust zu bewältigen“.

Viel zu geben, das kostet viel Kraft. Margot Mehn findet sie bei ausgiebigen Radtouren durch die Sylter Natur, „das macht meinen Kopf frei“. Das allein genügt? Margot Mehn lächelt. „Es liegt wohl irgendwie in meinem Naturell, dass ich das Gesehene und Gehörte für mich gut verarbeiten kann. Vielleicht ist es Bestimmung.“ Das Telefon vibriert. Eine junge Frau ist am anderen Ende der Leitung und bittet Margot Mehn um einen dringlichen Gesprächstermin.




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