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Gastronomie auf Sylt : „Manne Pahl" wurde vor 30 Jahren vom Schweizer Pius Regli übernommen

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Die „Schweizer Botschaft“ auf Sylt: Das Ambiente im Restaurant hat sich im Laufe der vergangenen 30 Jahre nicht wesentlich verändert.

„Ich wollte eigentlich gar nichts", stellt Pius Regli über seine Lebensplanung fest. Er sagt das so entspannt und überzeugend, dass man ihm einfach glauben muss. Da sitzt er nun im Erker seines Restaurants Manne Pahl, an dem Tisch, auf dem das kleine Schildchen „Reserviert“ steht. Hier sitzt der Chef, könnte auch auf dem Schild stehen, aber Pius ist kein Chef, der sich so bezeichnen lassen möchte. Er ist eher der Typ Kumpel, einer, den man gern anspricht, weil man schon erwartet, dass er sympathisch sein wird. Wenn Pius dann mit seinem Schweizer Sound ins Plaudern kommt, freut sich das Gegenüber und verstummt, um möglichst viel von dieser wohlig stimmenden Tonlage genießen zu können. „Ich möchte, dass er mal meine Grabrede hält“, sagt Reinhard Mey über seinen Freund Pius. Vielleicht zeigt diese Bemerkung aber eines der Geheimnisse, warum ein illustres Publikum so gern in sein „Wohnzimmer“ kommt. Von diesen Geheimnissen muss es eine Menge mehr geben, denn seit genau 30 Jahren kommen in die „Schweizer Botschaft“ in Kampen mehr Freunde des Hauses als es Plätze hat. Eine Reservierung ist deshalb ratsam.

Das Manne Pahl punktet mit Gemütlichkeit, die nicht plüschig oder aufgesetzt wirkt, sondern authentisch ist. Mit den hier und da vorhandenen historischen Kacheln, den teils kunstvoll bemalten Holzvertäfelungen, den gedeckten Farben und mit schwarzem Leder bezogenen Sitzmöbeln, strahlen die auf verschiedenen Ebenen verteilten Räume des 1910 erbauten Hauses die Behaglichkeit aus, die zeitlos und zugleich ansprechend wirkt. Es ist die Stube des Wirts, der hier selbst gern sitzt, sich mit seiner langsam in die Geschäfte hineinwachsenden Tochter Sarah austauscht, mit Freunden plaudert, sein Team dirigiert, Gäste begrüßt, Telefonate entgegen nimmt und als Epizentrum des Hauses auf unnachahmliche Weise genau die Atmosphäre verbreitet, die es braucht, um Gästen das Gefühl zu geben, willkommen zu sein.
„Ich kann eigentlich gar nichts“, sagt Pius Regli, wenn man auf seine berufliche Laufbahn, seine Karriere als Gastronom zu sprechen kommt, um heraus zu finden, wie er es in den vergangenen drei Jahrzehnten geschafft hat, eines der bekanntesten Restaurants Sylt aufzubauen und bis heute zu den angesagten und begehrten Adressen zu gehören, die in keinem Reiseführer fehlen dürfen und auch bei Insulanern beliebt sind. Klar, die gutbürgerliche Kochkunst ist zuverlässig, das Speiseangebot ist mit seinen Klassikern wie Wiener Schnitzel oder Kalbsfrikadelle gleichbleibend auf Top-Niveau und der Service von dieser Lässigkeit, Freundlichkeit und Kompetenz, die den Behaglichkeitsfaktor hoch hält. Auf einem Foto aus dem Jahr 1986 als Pius Regli das Manne Pahl übernahm, sieht man ihn und seine Mannschaft im Eingang unter der Markise stehen, auf der die Worte „Das freundliche Restaurant“ eingewebt sind. Mehr Konzept gab und gibt es für das Manne Pahl nicht.

Pius Regli hatte das ehemalige Café, das der Konditor Manne Pahl 1948 gegründet hatte und das Ende der 1970er Jahre von der Warstein-Brauerei zu einem Restaurant umgebaut wurde, angeboten bekommen. Das war wieder einer dieser Zufälle, von denen das Leben des Schweizer bestimmt ist. So kam er auch nach Sylt.

Rolf Seiche, der legendäre Promi-Wirt, dessen Name untrennbar mit der Entwicklung Kampens zu einem schillernden Ort für das süße, ausgelassene Leben des deutschen Jetsets wurde, hatte Pius Regli und seine Fähigkeiten als Kellner in Zermatt kennen gelernt und ihn überzeugt, nach Sylt zu kommen, um in seinem zu der Zeit absolut angesagten Kampener Disco Village zu arbeiten. „Ich kannte die Insel nur aus dem Film ‚Heißer Sand auf Sylt‘ und dachte, dass es dort immer warm und sonnig ist und die Leute den ganzen Tag in Badehose rumlaufen“, erinnert er sich. Der Schock war groß als der Sonnenhungrige bei Eiseskälte und Sturm auf Sylt ankam und umgehend beschloss, das unwirtliche Eiland wieder zu verlassen. Eine Nacht im Champagnerrausch, nicht fahrende Züge und die schnelle Bekanntschaft mit „Menschen, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich sie mal kennenlernen dürfte“, hielten Pius Regli dann doch.

Rolf Seiche, der ein untrügliches Gespür für gute, lebensfrohe und anspruchsvolle Individualisten und ebenso eines für talentierte Gastronomen gehabt haben muss, beschäftigte Pius nicht nur in seinem Village, er machte ihn bekannt mit den Gästen und ihren Gepflogenheiten, die auf Sylt ihre Lebenslust in ausgelassenen Partys und großzügigen privaten Festen zelebrierten. „Es war eine irre tolle Zeit. Sylts goldene Jahre. Eine Stimmung, die mit heute überhaupt nicht zu vergleichen ist“, schildert Pius Regli die wilden 80er Jahre.

Davon profitierte das Manne Pahl in seinen Anfangsjahren auch. Der Wandel der Zeit hat zwar manches etwas ruhiger werden lassen, aber - zum Glück - nicht die Lust auf das gute Leben und die Sehnsucht nach Ausgelassenheit nicht gelöscht. Aber es gibt auch den Wunsch nach Gelassenheit, die mehr will als Champagner, gutes Essen und Party. Gesucht werden auch die kleinen Fluchten: Sich mit anderen auszutauschen, gute Gespräche zu führen, die Gedanken laufen zu lassen und sich dabei am richtigen Platz zu fühlen.

„Ich kann nur Menschen und Leben“, sagt Pius Regli. Deshalb „hab ich hier eine großartige Aufgabe, ja eigentlich mit dem Manne Pahl ein Geschenk bekommen“. Und wenn man dann mit ihm über die Partyfreuden und die stillen Stunden, die ausgelassenen Feste und die intensiven Begegnungen plaudert, die er „erleben durfte“, dann ahnt man, warum das Manne Pahl so gut funktioniert. „Du muss als Gastronom authentisch und ehrlich sein.“ Das ist es wohl, was sensible Künstler wie Reinhard Mey an Pius und seinem Manne Pahl so schätzen.

 

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erstellt am 10.Jun.2016 | 17:16 Uhr

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