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Interview mit Pastor Schulz aus Morsum : „Manchmal lauern die Paparazzi hinter den Büschen“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Pastor Ekkehard Schulz spricht im Interview über Promi-Hochzeiten, Touristen mit Sinnkrisen und Zweitwohnungsbesitzer.

Sie betreuen nicht nur die Schäfchen ihrer eigenen Kirchengemeinde, sondern müssen auch für viele Menschen, die nur zeitweilig auf Sylt weilen, ein offenes Ohr haben. Ein geregelter Alltag ist Sylts Pastorinnen und Pastoren fremd, denn sie sind an vielen Fronten gefordert. Welchen Anteil speziell auswärtige Gläubige am seelsorgerischen Pensum haben, darüber sprach unser Mitarbeiter Frank Deppe stellvertretend mit Ekkehard Schulz, der seit 19 Jahren als Pastor in Morsum wirkt.

Als Pastor auf einer Urlaubsinsel zu arbeiten – da unterscheidet sich Ihr Alltag sicherlich von dem vieler Amtsbrüder und -schwestern auf dem Festland.
Gewiss. Man betreut hier ja quasi gleich drei Gemeinden: Die Sylter selbst, die Zweitwohnungsbesitzer und die Urlauber. Das macht die Arbeit einerseits vielfältiger, bewirkt aber auch eine permanente Beanspruchung.

Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen bilden eines festen Bestandteil des seelsorgerischen Alltags. Wie verteilen sich diese Feierlichkeiten hinsichtlich Einheimischen und Auswärtigen?

Generell ist in Morsum beim Anteil der Zweitwohnungsbesitzer und Urlauber an den Hochzeiten und Taufen eine zunehmende Tendenz zu verzeichnen. Sie machen derzeit ungefähr zwei Drittel dieser Amtshandlungen aus. Bei den Beerdigungen ist die Zahl geringer, beläuft sich aber dennoch etwa auf ein Drittel.

Warum möchten viele Auswärtige diese Feierlichkeiten denn gerade in Morsum begehen?
Zumeist verbinden sie positive Urlaubserlebnisse mit Morsum oder haben hier eben ein Zweitdomizil. Unsere schöne Kirche ist auch ein wichtiges Argument. Und dann gibt es durchaus auch gebürtige Morsumer, die längst woanders leben, sich aber zu solch besonderen Anlässen auf ihre Wurzeln besinnen.

Auch mancher Prominente hat schon vor Ihrem Altar gestanden...
Das kommt natürlich auch vor. Die Abgeschiedenheit und die Stille der kleinen Kirche sind dabei häufig ein Anreiz anstatt mit großem Pomp und Publikum zu heiraten. Allerdings lauerten auch schon mal Paparazzi in den Büschen – und einmal musste ich einen besonders aufdringlichen Fotografen der Kirche verweisen.
Inzwischen liegt es ja im Trend, außerhalb des Standesamtes oder der Kirche zu heiraten. Erhalten Sie auch Anfragen derart: Herr Pastor, wir würden uns gerne am Deich oder am Kliff das Ja-Wort geben?
Nein, das gab es noch nicht. Trauungen am Strand werden schon mal gewünscht, aber dann verweise ich an andere Inselorte. Was ich aber tatsächlich mache, sind Taufen am Strand, und da kommen pro Jahr schon so zehn bis 15 zusammen.

Nutzen Gäste die Urlaubszeit für das seelsorgerische Gespräch, für das ihnen im Alltag die Zeit fehlt – was sind in diesem Fall markante Themen?
Urlaubszeit ist üblicherweise eine schöne Zeit, kann aber auch durchaus eine Krisenzeit sein, in der sich mancher fernab vom strukturierten Alltag grundlegende Lebensfragen stellt. Das betrifft etwa die Ehe, den Beruf oder auch eine Sinnkrise. Manchmal bekomme ich schon im Vorfeld entsprechende Anrufe vom Festland: Herr Pastor, sind Sie am nächsten Wochenende da – ich möchte gerne mit Ihnen reden.

Dabei entwickeln sich auch dauerhafte menschliche Beziehungen?
Ja, auch wenn sie etwas anders gelagert sind als zu den Morsumern, die ich ja rund ums Jahr sehe und betreue. Aber zu einigen Menschen, die nicht dauerhaft im Dorf wohnen, ist schon ein vertrauensvolles Verhältnis erwachsen.

Bringen sich Morsumer Zweitwohnungsbesitzer durch persönliches Engagement oder finanzielle Zuwendungen in die kirchliche Arbeit ein?
Oh ja. Bei Veranstaltungen wie beispielsweise dem Stiftungsfest oder dem Frühstück am Deich stellen sie einen Teil der Helfer. Andere unterstützen konkrete Projekte durch Spenden – und viele sind dankenswerterweise Mitglieder im Förderverein Sankt Martin.

Einheimische, Zweitwohnungsbesitzer und Urlauber – allen stets die nötige Zuwendung zu schenken, kann man das wirklich 365 Tage lang bewältigen?
Es ist in der Tat manchmal schwer, die richtigen Gewichtungen zu finden. Denn um allen Ansprüchen gerecht zu werden, dafür müssten viele Tage schon 36 Stunden haben.


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erstellt am 11.Dez.2015 | 18:30 Uhr

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