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Sylt-Pendler : „Man kann ja keinen Patienten ausfallen lassen“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Der unzuverlässige Transfer zwischen Festland und Sylt erhitzt seit langem die Gemüter. Besonders hart sind die Folgen, wenn es um die Verantwortung und die Pflege hilfsbedürftiger Menschen geht.

Astrid Schmitz ist Pflegedienstleiterin beim Fitz Pflegedienst auf Sylt. Um 5:18 Uhr steigt sie in Langenhorn in den Zug, ihr Dienst beginnt um 6:15 Uhr. Das Mitarbeiterteam besteht aus acht Fachkräften, von denen vier auf dem Festland wohnen. Insbesondere am Morgen werden sie alle sehnsüchtig erwartet- von Menschen, die dringend ihre Unterstützung brauchen. Doch die zuverlässige Pflege der hilfsbedürftigen Menschen wird mehr und mehr zur Herausforderung. Allein in der letzten Woche fiel unter anderem an vier Tagen(!)der erste Zug aus, welcher um 4:58 Uhr ab Husum in Richtung Westerland fährt; Astrid Schmitz und ihre Kollegen kamen eine halbe Stunde zu spät zum Dienst. „Wir sind inzwischen ziemlich verzweifelt!“, erklärt Astrid Schmitz leise.


Eine hohe psychische Belastung


 

„Dies betrifft natürlich alle Pendler und die meisten Betriebe auf Sylt, insbesondere aber die Altenheime, die Pflegedienste, das Krankenhaus und all diejenigen, die nah am Menschen arbeiten.“ Die Pendler seien bekanntermaßen einiges gewohnt: Dass die Toiletten nicht funktionieren, die Waggons überfüllt oder sehr verschmutzt seien, dass Züge zu spät oder gar nicht fahren. „Wenn auf dem Nachhauseweg ein Zug ausfällt, hake ich das inzwischen als vertane Lebenszeit ab und versuche, entspannt zu bleiben“, erklärt sie. „Morgens jedoch hat ein Zugausfall wirklich schwerwiegende Konsequenzen, auch für unsere Patienten. Für mich und meine Kollegen bedeutet der Ausfall des ersten Zuges: Wir fangen sofort an zu telefonieren, mit dem Chef, mit unseren Betreuungspersonen oder deren Angehörigen. Man überlegt fieberhaft, wie du trotzdem allen gerecht werden kannst und dieses Gefühl begleitet dich den ganzen Tag- eine hohe psychische Belastung. Eine halbe Stunde erscheint zunächst gar nicht so lange, doch wenn jemand auf dich wartet und auf die Toilette muss, dann kann diese Zeit zur Qual werden. Auch für Patienten, denen wir Insulin spritzen, würde sich eine spätere Gabe natürlich negativ auswirken und die Patientin, die regelmäßig morgens einen wichtigen Termin hat, muss rechtzeitig versorgt sein, bis sie abgeholt wird. Ein wahnsinniger Kraftakt, wenn der Tagesablauf schon früh morgens ins Wanken gerät! Wir haben ja wenig Möglichkeiten, irgendwo Zeit aufzuholen. Du kannst die Patienten nicht beschleunigen, schon gar nicht die Demenzkranken, dann läuft nämlich gar nichts mehr ordentlich.“ Sie seufzt und meint sarkastisch: „Wir können ja schlecht einen Patienten ausfallen lassen, um wieder in den richtigen Zeitplan zu kommen.“

 


Kollegen vom Festland sind angespannt


Astrid Schmitz zu Hause bei Dorothea Gunia...
Astrid Schmitz zu Hause bei Dorothea Gunia...
 

Ihr Chef, Peter Petzold, fügt hinzu: „Wenn die Hälfte der Mitarbeiter bei Dienstbeginn nicht vor Ort ist, müssen die Übrigen einen wahnsinnigen Spagat hinlegen, um das irgendwie auszugleichen, und das seit einem Jahr. Und die Kollegen vom Festland sind schon total angespannt, bevor sie überhaupt beim Patienten ankommen.“ Sie wären auch bereit, noch früher als jetzt schon zu starten, doch womit sollten sie fahren? Astrid Schmitz fragte beim Nahverkehrsverbund Schleswig-Holstein (Nah.SH) an: Wenn es schon nicht vermeidbar sei, dass morgens der Zug aus Husum ausfalle, könne es dann nicht der zweite sein? Natürlich täte es ihr leid für die Pendler, welche diesen Zug nutzen, doch immerhin hätten sie ja noch die Möglichkeit, einen Zug früher zu nehmen. Sie (und viele andere) hätten diese Chance nicht. Der Nah.SH antwortete, sie seien nicht zuständig, würden die Anfrage aber an die DB Regio als Betreiber der Marschbahnstrecke weiterleiten. Diese antwortete auch zügig: Man könne verstehen, dass sie sich über die Deutsche Bahn AG geärgert habe, für die Unannehmlichkeiten bitte man um Entschuldigung. Die alten Wagen seien sehr störanfällig, es sei eine große Herausforderung, überhaupt ein Ersatzkonzept in diesem Umfang zu initiieren und aufrecht zu erhalten. „Es gab also keine Antwort auf meine Frage“, so Astrid Schmitz.

Und dann ist da noch eine Firma namens Paribus (Paribus-dif-netz-west-bereitsteller GmbH & Co.KG), mit ihr hat die DB Regio einen Mietvertrag geschlossen, über 90 Wagen, 15 Loks und einigen Triebwagen. Ist sie als Eigentümerin nicht auch verantwortlich für den katastrophalen Zustand der Fahrzeuge? „Es ist zum Verzweifeln! Die Verantwortlichkeiten werden hin und her geschoben. Ich weiß ja nicht mal, an wen ich mich noch wenden kann!“, so Astrid Schmitz. „Obwohl sich so viele, allen voran die Pendlerinitiative, total engagiert einsetzen für eine Verbesserung der Lage, wissen wir morgens beim Aufstehen nie, ob wir pünktlich zur Arbeit kommen!“

 


Wir suchen dringend Verstärkung


 

Sie hoffe inständig, dass keiner ihrer Kollegen kündigt, weil er dem Druck nicht mehr gewachsen ist: „Das wäre dann wirklich eine Riesenkatastrophe für uns. Wir suchen (wie so viele andere auch) dringend Verstärkung, doch bei dem Wohnungsnotstand auf der Insel ist das Wunschdenken.“ Wütend fügt sie hinzu: „Ich bin Krankenschwester und will einfach meine Arbeit gut machen, werde aber häufig daran gehindert. Unser Team wird weiterkämpfen, doch wie lange die Kräfte noch reichen werden, das kann keiner sagen.“

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