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Sylter Rundschau

17. Oktober 2017 | 08:12 Uhr

Malerei, die auch stören darf

vom

Ein Besuch im Sylter Atelier des international renommierten Künstlers Rainer Fetting, der seit einigen Jahren regelmäßig auf der Insel arbeitet

shz.de von
erstellt am 10.Aug.2013 | 05:59 Uhr

westerland | Heckenrosen, Sonnenuntergänge, Paare am Meer, Schafe und Dünenlandschaften - das sind die Motive von Rainer Fetting (63). Es sind die Bilder, die in den letzten sieben Wochen auf Sylt entstanden sind. So romantisch, klischeehaft, lieblich oder gar beliebig sich die Motivwahl anhört, Fettings Bilder sind alles andere als leichte Kost. Es ist kraftvolle, farbstarke, expressive Malerei. Eine, die wild und ungestüm erscheint. Doch wenn Fetting einen Begriff nicht mag, dann ist es der von den "Wilden".

"Neue Wilde" kam 1977 als Terminus in den Kunstbetrieb. Das war die Zeit, als Fetting zusammen mit Malern wie Salomé oder Helmut Middendorf in Berlin die Galerie am Moritzplatz gründete. Die Kunstkritik brachten den Begriff ins Spiel, um damit die expressive Malerei der damals jungen Künstler, ihren Widerstand gegen die herrschende Auffassung vom "Tod des Tafelbildes" auf eine knackige Formel zu bringen. Fetting lehnt solche Schlagworte grundsätzlich ab, er hat keine für seine Kunst. Die wurde aber mit dem ungeliebten Begriff international beachtet, weltweit in großen Ausstellungen präsentiert und führte Fetting schließlich nach New York, wo er neben seinem Berliner Wohnsitz bis 1994 lebte und arbeitete. Seit einigen Jahren ist Sylt neben Berlin einer von Fettings Schaffens- und Lebensorte.

So richtig hat das aber auf der Insel noch keiner bemerkt. Rainer Herold allerdings schon. Der Hamburger Galerist und Kunsthändler pflegt eine fast freundschaftliche Beziehung zu dem scheuen und eher zurück gezogenen lebenden Künstler. Sein internationaler Ruhm, seine begehrte Malerei, die gute Preise erzielt, hat nicht dazu geführt, dass sein Name aufhorchen lässt. Wenn man allerdings die Willy-Brandt-Skulptur erwähnt, die den Ex-Kanzler in nachdenklich-redender Pose zeigt und dann sagt, dass die von Rainer Fetting ist, dann hört man schon die achtungsvoll gemeinte Bemerkung "ach, der".

Mit Herold besuchen wir das Sylter Atelier von Fetting. Der Geruch von Farbe durchzieht leicht die Räume, der Boden des lichten Dachstuhls ist bedeckt mit Fotografien, Malutensilien, manches Gemälde liegt auch auf dem Boden, andere stehen aneinander gelehnt an den Wänden des Raumes, der nicht besonders groß ist. "Viele Bilder sind schon für Berlin verpackt". Fetting steht der Wechsel in seine Hauptstadtwohnung immer ein bisschen bevor. "Sylt ist besser". Die Bilderernte aus den vergangenen sieben Wochen, die Fetting auf der Insel gelebt hat, ist beträchtlich, "aber gezählt hab ich die Bilder nicht. Wozu auch?"

Manches ist noch nicht fertig, einiges in verschiedenen Variationen auf die Leinwände gebannt. Man meint diesen Bilder eine geradezu körperliche Arbeit anzumerken, so direkt, vital und ungehemmt wirken sie. Von seinen Betrachtern verlangt Fetting, "dass sie sich mal was trauen sollen. Sonst genügt auch eine Tapete." Sein Kunst darf auch stören, will das Klischee, die Vorstellung von etwas Bekanntem in Überraschung wechseln lassen. "Heckrosen wollen alle, aber die gibt es jetzt nur noch mit Nackten im Bild", schmunzelt Fetting, während er ein solches Gemälde aus dem Rahmenstapel herauszieht. Die Lust an der Provokation steht dabei weniger im Vordergrund als die ständige Arbeit an der Malerei selbst, am Experiment Malerei, an ihrer Ernsthaftigkeit, ihrer Chance auf Hintergründigkeit und technische Raffinesse. Wie ein Bild gearbeitet ist, welche Werkzeuge dabei zum Einsatz kommen, welchen zeitlichen und emotionalen Aufwand er betreiben muss, um ein Bild als fertigt zu betrachten - über all das will er nicht sprechen. "Kommt doch alles falsch rüber". Fetting kann so etwas sagen, ohne dabei arrogant oder abweisend zu wirken. Ein Geheimnis will er aber nicht um seine Malerei machen, zeigt gern die Fotografien, die als Anregung, nicht als Vorlage für malerische Motive dienten.

Die Fotografie beschäftigt Fetting seit Jahrzehnten. Ein dickes Katalogbuch, das auf dem Atelier-Tisch liegt und seinen Namen trägt, belegt mit hunderten von Alltagsfotografien die Leidenschaft für dieses Medium, seinen Blick für spannungsreiche Momente, für Atmosphäre und Kompositionen. Diese Fähigkeit ist es wohl auch, die seine Malerei gerade der Bilder-Ballung des Ateliers sehr konsequent und souverän wirken lässt. Schauen, speichern, malen und erkennen, so nähert sich Fetting Landschaften, Menschen, Situationen. So entsteht eine Malerei, die fast beunruhigt, aber nie beliebig ist.

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