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Mahnplakette beim Rathaus: „Es wird keine Verlegenheitslösung geben“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

von
erstellt am 08.Mai.2014 | 11:24 Uhr

Die Vergangenheit verspätet aufzuarbeiten macht die Aufgabe nicht einfacher. Diese Erkenntnis setzt sich momentan bei den Mitglieder des Arbeitskreises der Gemeinde Sylt durch, der Ideen entwickeln will, wie die Gemeinde an die Taten und an die Opfer von Heinz Reinefarth erinnern soll.

Den Anstoß für diesen Arbeitskreis hat die Kirchengemeinde Westerland gegeben. Nachdem dort eine Anfrage aus Polen auflief, ob auf Sylt eigentlich bekannt sei, dass der ehemalige Bürgermeister ein Kriegsverbrecher war. „Wir haben uns dann im Kirchengemeinderat dazu Gedanken gemacht – Reinefarths Taten waren ja auf Sylt bekannt, aber es ist bisher öffentlich in keiner Weise damit umgegangen worden“, sagt Pastor Christoph Bornemann. Nachdem die Kirchengemeinde das Thema in die Politik getragen hatte, wurde nach einigen Diskussionen der oben genannte Arbeitskreis gegründet, in dem unter anderem Mitglieder der einzelnen Fraktionen, Bürgervorsteher Peter Schnittgard Pastor Bornemann und die Inselhistorikerin Silke von Bremen ehrenamtlich mitarbeiten.

Einige Ergebnisse hat die Gruppe schon vorzuweisen: So wird Philipp Marti am 70. Jahrestag des Warschauer Aufstands, dem 7. August, seine Dissertation zu Reinefarth auf Sylt vorstellen. Zudem soll ab dem 31. Juli in Westerland die Ausstellung „Im Objektiv des Feindes“ gezeigt werden, die Fotografien deutscher Kriegsberichterstatter der Wehrmacht im besetzten Polen zeigt und historisch einordnet. Außerdem soll – so viel steht auch schon fest – in der Nähe des Rathauses eine Mahnplakette angebracht werden, die den Zusammenhang zwischen dem ehemaligen Westerländer Bürgermeister und der blutigen Niederschlagung des Warschauer Aufstands herstellt.

Doch wie man diesen Zusammenhang genau in Worte fassen kann – diese Frage bereitet den Mitgliedern des Arbeitskreises momentan Kopfzerbrechen. Aus verschiedenen Gründen: Es geht bei der Auseinandersetzung mit Reinefarth ja nicht nur um ihn als Einzelperson, sondern auch darum, wie auf Sylt, in Schleswig-Holstein, in Deutschland nach dem Krieg mit der Nazi-Vergangenheit umgegangen wurde und wie Reinefarth und viele andere mehr oder minder unbescholten ihre zweiten Karrieren beginnen konnten. „Darum, dass dieser Umgang nicht in Ordnung war“, wie Pastor Bornemann sagt. Kann man dies auf einer Plakette vermitteln?

Zudem steht der Arbeitskreis vor der Frage, ob der Name Reinefarth genannt wird – oder ob die Plakette zwar die Taten eines ehemaligen Westerländer Bürgermeisters benennt, ihn namentlich aber nicht erwähnt. Bornemann ist sich bei diesem Punkt unschlüssig, Silke von Bremen auch: „Ich bin geprägt von der Philosophie der Stolpersteine, bei denen die Namen der Opfer als Ehrerbietung genannt werden, damit man sie niemals vergisst. Einen Menschen wie Reinefarth möchte ich vergessen – aber dass, was er getan hat aufarbeiten.“ Andererseits könne sie verstehen, dass aus polnischer Sicht eine Namensnennung wichtig sei. „Ich freue mich auf die Diskussion, die wir am 19. Mai im Arbeitskreis führen werden. Ich weiß, dass sich alle Mitglieder sehr intensiv mit dem Thema beschäftigen.“ Dieser letzte Punkt ist ihr wichtig: Auch wenn die ernsthafte Auseinandersetzung mit Reinefarth auf Sylt viel zu spät stattfände, werde sie nun ausgesprochen ernsthaft betrieben. Von Bremen ist sich deshalb sicher: „Egal zu welcher Lösung wir also kommen werden – eine Verlegenheitslösung wird es nicht sein.“

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