Biike auf Sylt : Lodernde Feuer, flammende Reden

Westerland, 18.37 Uhr – das Biikefeuer am Campingplatz brennt.
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Westerland, 18.37 Uhr – das Biikefeuer am Campingplatz brennt.

In den Ansprachen bei den Biikefeiern auf Sylt ging es um Zurückliegendes und Zukünftiges, um Ärgerliches und Erfreuliches

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21. Februar 2018, 20:40 Uhr

Bei Temperaturen knapp über null Grad und leichtem Nordwestwind zogen Tausende Insulaner und Gäste gestern Abend zu den neun Feuerplätzen zwischen Hörnum und List, zwischen Westerland und Morsum. Rund um die Biike wärmten sich die Besucher, sangen die Sylter Hymne „Üüs Sölring Lön“ und hörten hochdeutsche sowie friesische Biikereden. Wie jedes Jahr ging es dabei um aktuelle insulare Themen, die den Bürger ebenso wie den Politikern unter den Nägeln brennen.


„Werdet aktiv, engagiert Euch, mischt Euch ein“

Westerland

Im Mittelpunkt der Rede von Nikolas Häckel am Biikefeuer südlich des Campingplatzes standen Themen wie Zusammenhalt, Ehrenamt und auch Heimat. Biike wäre ein Tag der Gemeinschaft – im allerbesten Sinne, sagte der Bürgermeister der Gemeinde Sylt. „Der Gemeinschaft, die Menschen trägt, die Hoffnung und Halt gibt, die durch Zusammenhalt stärkt.“ Die Biiken seien Orte des Zusammenkommens und des Zusammenhalts: „Sie wollen und sollen uns an die Tradition der Sylter Friesen erinnern und den Erhalt unserer Heimat anmahnen. Denn nur gemeinsam können wir unseren Kindern und Kindeskindern eine lebens- und liebenswerte Heimat übergeben“, so Nikolas Häckel. „Was macht eine liebens- und lebenswerte Heimat aus? Mehr als eine gute Infrastruktur, mehr als Dauerwohnraum für Sylter – es geht dabei um viel mehr: Es geht um Gemeinschaft, um Gesellschaft, um das Miteinander. Es geht darum, dass Dir eine Hand gereicht wird, wenn es schwierig wird, dass Dir jemand zuhört – auch, wenn er anderer Meinung ist. Es geht darum, dass Du nebenan einen Liter Milch leihen kannst und jemand Oma liebevoll umsorgt, wenn Du unterwegs bist. Es geht darum, dass man in einer intakten Gemeinschaft niemals Einsatz aufrechnen muss, weil jeder irgendwann davon ‚gut hat‘, wie wir hier auf der Insel sagen.“

Der Sylter Bürgermeister warb intensiv für ehrenamtliches Engagement: „ Ohne unsere Feuerwehrleute könnten wir uns nicht entspannt zurücklegen und uns darauf verlassen, dass im Notfall immer schnelle, kompetente Hilfe da ist. Die Sportvereine brauchen Trainer, Musikvereine Musiker, Senioren engagierte Betreuer, die Flüchtlingshilfe motivierte Helfer und Sprachlehrer, die Politik ehrenamtliche Politiker. Mein Appell: Werdet aktiv, bringt Euch ein, engagiert Euch, packt mit an, mischt Euch ein, helft, wo und wann immer Ihr könnt. Nur gemeinsam sind wir stark!“

Auch zum „Dauerbrenner Dauerwohnraum“ äußerte sich Nikolas Häckel: „Dauerhaft bezahlbare Wohnungen für Sylter zu schaffen und zu erhalten, als Basis einer funktionierenden Gemeinschaft und Gesellschaft, das beschäftigt uns alle seit Jahren.“ Die Gemeinde Sylt tue sehr viel dafür, schaffe Jahr für Jahr mehr als hundert Dauerwohnungen für Sylter und habe bis heute mehr als 65 Millionen Euro in Dauerwohnraum investiert, betonte der Bürgermeister. „Denn nur, wer ein Zuhause mit Perspektive hat, kann sich auch engagieren. Es geht darum, eine liebens- und lebenswerte Gemeinde zu bleiben und kein reines Urlaubsresort zu werden, das seine einzigartige Natur zur Kulisse des Kommerzes degradiert und seine eigentlichen Bewohner langsam ausrangiert.“


„Der Blick schweift auch nach Kiel und Berlin“

Kampen / Wenningstedt-Braderup

„Die Biike bleibt, die Insel um die Feuer herum ist aber ständigem Wandel unterworfen“, sagte Kampens Bürgermeisterin Steffi Böhm bei der gemeinsamen Biike der Norddörfer. „Die Politik in Land und Bund, Sturmfluten und Orkane greifen immer wieder in unseren Alltag ein. Mal zum Guten, mal zum Schlechten.“ In einer sich rasant entwickelnden Welt, die keine Zeit und keine Entfernungen mehr kenne, in der jederzeit überall mit allen kommuniziert und gehandelt werden könne, sei das Angebot der Sylter Gemeinden an Einwohner und Gäste, an Freunde und Fremde ein wärmendes Feuer in einer kalten Winternacht. Wenn aber die Feuer niedergebrannt sind, gehe es um die Aufgaben, die zu bewältigen seien – zum Beispiel um „eine vernünftige Verkehrsanbindung zu unserer Insel auf den Schienen, auf den Straßen und aus der Luft, was im 21. Jahrhundert eigentlich gar kein Thema sein darf. Eine Mondlandung scheint heutzutage aber einfacher zu sein, als von Hamburg nach Sylt zu kommen!“

Es gehe um eine Zukunft, in der es lebenswerten und bezahlbaren Wohnraum für Sylter gebe, sagte die Kampener Bürgermeisterin. „Eine Zukunft, in der Einheimische und Gäste gemeinsam die Schönheit unserer Insel genießen können. Eine Zukunft, die den Belangen des Umweltschutzes und des Küstenschutzes Rechnung trägt und in der eine Entfaltung des Einzelnen weiterhin möglich ist. Eine Zukunft, in der unsere Kinder ihre Schulausbildung weiterhin auf Sylt bekommen. Eine Zukunft, in der die medizinische Versorgung von Einheimischen und Gästen gesichert ist. Eine Zukunft, in der wir vertrauensvoll, aber unabhängig mit unseren Partnern auf der Insel und dem Festland zusammenarbeiten.“ Wenn dies gelänge, würde die Biike weiter ein Angebot an alle sein, den 21. Februar gemeinsam mit den Syltern auf der Insel zu verbringen. „Hier schweift unser Blick auch in Richtung Kiel und Berlin. Die Insel hat einen sehr hohen Stellenwert im Tourismus in Schleswig-Holstein, in ganz Deutschland. Gern wird vom Leuchtturm im Tourismus gesprochen, da haben auch Land und Bund eine große Verantwortung, damit der Leuchtturm auch weiterhin so strahlt wie bisher!“, so Steffi Böhm.


„Wir sind ein Dorf mit Herz!“

Tinnum

„Seit der letzten Biike wird über die Bahnverbindung von und nach Sylt gesprochen und man hat das Gefühl, nichts ist passiert, da die Missstände sich bis heute leider nicht verbessert haben“, sagte Manfred Uekermann. „Wir Sylter, die Pendler und unsere Gäste sind am Ende der Geduld und fordern Lösungen, nicht nur Versprechungen, die nicht eingehalten werden.“ Der erste wichtige Schritt wäre die Umsetzung der Zweigleisigkeit zwischen Niebüll und Klanxbüll – hier seien das Land und der Bund gefordert, so der Ortsbeiratsvorsitzende. „Wir sind zwar ein Dorf, das keinen eigenen Strand hat, dafür sind wir ein Dorf mit Herz!“, betonte Manfred Uekermann.

„Wir haben Familien mit Kindern und Nachbarn auch im Winter. Das ist meiner Meinung nach wichtiger und darum beneiden uns die anderen. Unser Ort ist ein lebendiges Dorf.“ Neuer gemeindlicher Wohnraum werde am Bereich des Kindergartens und dem Liiger Hörn geschaffen, dort würden „hoffentlich noch dieses Jahr“ zehn neue Doppelhäuser durch die KLM gebaut. „Das alles ist und war nur möglich, weil wir uns im Ortsbeirat einig sind und uns gemeinsam für den Ortsteil einsetzten“, erklärte der Tinnumer CDU-Politiker.


„Ein Ort der Begegnung für Insulaner und Gäste“

Keitum

In der Rede von Oliver Ewald ging es zunächst um ein Thema, welches das Kapitänsdorf in den letzten Jahren stark beschäftigt hat: „Die Therme wurde abgerissen, das Gelände modelliert und im Frühjahr werden die Flächen begrünt sowie anschließend der Bauzaun entfernt“, sagte der Ortsbeiratsvorsitzende. „Die Arena wird weiter zu einem Veranstaltungsort ausgebaut und permanent öffentlich zugänglich sein. Die Gestaltung des Grundstücks wird im Rahmen von ‚Keitum im Dialog‘ gemeinsam geplant. Dieser Platz wird sicherlich ein Ort der Begegnung für die Insulaner und für unsere Gäste werden.“

Das insulare Wohnraumentwicklungskonzept hätte für eine große Anzahl an neuen Wohnraum auf der Insel gesorgt. Dies wäre ein „toller Erfolg“, so Ewald. „Zur Fortführung des Konzeptes bedarf es jedoch einer Überarbeitung. Das ist insbesondere für die Dörfer und damit auch für Keitum von elementarer Bedeutung, damit auch in unserem Dorf Wohnraum geschaffen werden kann.“ Der bisher angedachte Weg zur Sicherung und Schaffung von Dauerwohnraum über Quoten wie die 40/60 Regelung sei aber nicht im Einklang mit der Bevölkerung getroffen worden, sondern erscheine oft willkürlich und ungerecht. „In ‚Keitum im Dialog‘ wurden schon richtige Ansätze diskutiert und ausgearbeitet, wie Dauerwohnraum gesichert und geschaffen werden kann, ohne in das Eigentumsrecht der Hausbesitzer einzugreifen“, erklärte der CDU-Politiker. „Auf diesen wertvollen Grundsätzen kann aufgebaut werden und sie sollten sich dann auch im neuen Wohnraumentwicklungskonzept wiederfinden.“


„Veränderungen erleben wir zur Zeit sehr deutlich“

Morsum

„Leben ist Wandel – Wandel bedeutet Veränderung. Veränderungen erleben wir hier in Morsum zur Zeit sehr deutlich“, sagte Holger Weirup. Für das Dorf wären die Schließungen von Gaststätten ein herber Verlust, so der stellvertretende Ortsbeiratsvorsitzende. „Traditionsbetriebe wie die Fränkische Weinstube, Nes Pük oder Friesenpesel haben geschlossen. Alles Betriebe, die ihren festen Gästestamm hatten und in der gastronomischen Vielfalt eine deutliche Lücke hinterlassen.“ Weirup erwähnte auch den seit langem geschlossenen „Morsumer Kayser“. Morsum appelliere an die Eigentümer, endlich tätig zu werden. Baugenehmigungen seien erteilt worden und damit die Möglichkeit gegeben, dass nach jahrelangem Leerstand eine neue Gaststätte entsteht. „Diese Ruine ist für Morsum kein Gewinn, hier scheinen ausschließlich Spekulationsinteressen im Vordergrund zu stehen“, beklagte der SPD-Politiker.

Holger Weirup berichtete auch über das unerlaubte Abfeuern von Raketen und Böllern in der Silvesternacht. Hier sei eine zunehmende Rücksichtslosigkeit im Dorf festzustellen. „Dieses Jahr wurde mitten im Ort geballert. Dort wo Reetdachhäuser, Höfe mit Scheune und Tiere in der Nähe sind. Versuchte Aufklärungsgespräche fruchteten nicht, im Gegenteil: völliges Unverständnis auf Seiten der Feuerwerker“, so Weirup. „Muss erst wieder ein Haus brennen, um den Menschen deutlich zu machen, warum es auf Sylt das Abbrennverbot gibt? Müssen unsere älteren Mitbürger in der Silvesternacht wieder auf gepackten Koffern sitzen?“ Gemeinsam mit Politik, Verwaltung und Polizei wären alle aufgefordert, neue Lösungsansätze zu erarbeiten.


„Wir müssen unsere Traditionen pflegen“

List

„Unsere Gemeinde verändert sich. Das ist gerade im vergangenen Jahr anhand der vielen neuen Kräne in den zahlreichen Baustellen Lists nicht zu übersehen“, erklärte der stellvertretende Bürgermeister Manfred Koch. „Und sicherlich fragen sich so manche von uns und auch den Gästen, ob das gerade neu entstehende List noch ihre Heimat oder das alte beliebte Urlaubsziel sein kann. Ja ist unsere Antwort darauf!“ List müsse seine Zukunft in Angriff nehmen und dabei darauf achten, dass die einmalige Natur durch Bauprojekte und damit für die Menschen keinen Schaden nimmt und außerdem „unsere Traditionen, unsere Wurzeln nicht vergessen werden. Im Gegenteil, wir müssen Sie pflegen!“

Zu den Bauarbeiten auf dem Gelände des ehemaligen Offiziersheimes sagte Koch: „Viele Projekte nennen sich Leuchtturm Projekte. Der Lanser Hof ist wirklich eines. Wir freuen uns, auch auf die vielen Mitarbeiter des Lanser Hofes, die in List ihre neue Heimat finden werden.“ Auch hätten endlich die langgeplanten Arbeiten des gemeindeeigenen Mietwohnungsbaus am Hermannshain begonnen. Ein endlos scheinender Bürokratiemarathon neige sich glücklicherweise seinem Ende entgegen. „Eine Ausgewogenheit von Tourismus, Arbeitsplätzen in List und Dauerwohnraum, mit dem Erhalt der dörflichen Infrastruktur, alles eingebettet in unsere fantastische Naturlandschaft, ist das Ziel aller Anstrengungen für die Zukunft“, betonte der Lister stellvertretende Bürgermeister.


„Ein wichtiger Schritt für die Dorfgemeinschaft“

Rantum

In Sachen Dauerwohnraum sei der Ortsteil der Gemeinde Sylt mittlerweile auf einem guten Weg, sagte Frank Zahel in seiner Biikerede. „Wir haben hier einen Partner, mit dem wir zur Zeit auf Augenhöhe Gespräche führen.“ Vergangene Verhandlungen mit der BImA seien dagegen fast aussichtslos gewesen, weil nicht auf die Belange der Menschen vor Ort eingegangen wäre. Aber: „Das Wohnraumentwicklungskonzept muss dringend überarbeitet und fortgeführt werden. Hier haben Kreis und Land ihre Unterstützung zugesagt.“

Positiv bewertete der Ortsbeiratsvorsitzende, dass ab Ostern endlich die Linksabbiegerspur in die Hafenstraße gebaut würde und der Spielplatz am Sandwall eingeweiht werden konnte. Kurz vor der Fertigstellung stünden der Umbau der Kurverwaltung und der damit verbundene Erhalt des Saals. „Ein wichtiger Schritt für uns, der sicher einen Teil zur Dorfgemeinschaft beitragen wird“, so Frank Zahel.


„Wir brauchen Menschen, die sich aktiv einbringen“

Archsum

„Ich wünsche mir für Archsum und die gesamte Gemeinde Sylt, dass sich in der nächsten Legislaturperiode wieder junge Menschen finden werden, die an Kommunalpolitik Interesse haben“, sagte Jürgen Kamp. „Wir müssen wegkommen vom passiven ‚Facebook-Verhalten‘. Wir brauchen Menschen, die nicht nur feststellen und anklagen, sondern sich auch aktiv einbringen beim politischen Generationswechsel“, so der Ortsbeiratsvorsitzende.

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