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Sylter Märchenerzählerin : Linde, erzähl’ uns bitte Märchen

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Märchenerzählerin Linde Knoch über Bildsprache, kindliches Verständnis und den Unterschied von modernen Geschichten und überlieferten Märchen.

Im Dezember ist Märchenerzählen als immaterielles Kulturerbe der Unesco in Deutschland anerkannt worden. Auf Sylt ist Märchenerzählen untrennbar mit Linde Knoch verbunden:

Mama, heute bin ich von den Märchen satt“, sagte einmal ein Mädchen nach einer Märchen-Erzählstunde bei Linde Knoch. Und die 76-jährige weiß genau, was das Kind meint: „Die Seele hungert nicht mehr, wenn sie ein Märchen gehört hat. Und Kinder sprechen sowas aus.“

Aber auch Erwachsene reagieren auf die erzählten – wohlgemerkt nicht vorgelesenen – Geschichten oft sehr sensibel. Dennoch haben sie manchmal Schwierigkeiten, das Gehörte auch zuzulassen: „Die Bildsprache ist eine ganz besondere Sprache“, sagt die Westerländerin. „In einem Märchen, das ich regelmäßig erzähle, lässt die Prinzessin die Freier kommen und stellt sie vor ein Rätsel. Wer dieses nicht löst, der wird geköpft. Das heißt auch im übertragenen Sinne, er ‚verliert seinen Kopf‘.“ Das sei eine Bildsprache, die auch heute noch benutzt werde, erklärt sie. In Ausdrücken wie „Ich bin ganz kopflos gewesen vor Angst“ oder „ich weiß gar nicht, wo mir der Kopf steht“.

Kinder könnten diese Bildsprache wunderbar einordnen. „Die sehen keinen abgetrennten Kopf, bei dem Blut fließt“, sagt Linde Knoch, „sondern sie sehen das Bild im übertragenen Sinne. Und das haben die Erwachsenen durch die Aufklärung weitestgehend verloren.“ Heute werde leider oft gesagt ‚Das ist doch unlogisch‘ – doch genau diese Symbolsprache sei es, die immer schon eine Brücke für alle Kulturen und Völker war.

Das war auch ein Punkt der Begründung der Unesco, warum Märchenerzählen auf die Liste der immateriellen Kulturerbe aufgenommen wurde. Für Linde Knoch eine wunderbare Wertschätzung für das, was sie seit über 30 Jahren macht.


„Das hat mich sofort elektrisiert“


Das erste Mal mit dem Märchenerzählen in Berührung gekommen ist sie 1984. „Damals bin ich auf einem Kongress der Märchengesellschaft einer Märchenerzählerin begegnet und habe das erste Mal jemanden gehört, der diese Geschichten mündlich frei erzählt. Das hat mich so elektrisiert, dass ich sofort gewusst habe: Das will ich auch machen!“

Dieses Erlebnis änderte das Leben der heute 76-Jährigen, die schließlich in die Lehre zur Märchenerzählerin ging. „Ich habe sechs Jahre lang Seminare besucht, um diese bestimmte Methode des Märchenerzählens zu lernen.“ Anfang der 90er Jahre begann sie schließlich, selbst Seminare zu geben. „Von der Lehre in die Praxis, das ist einfach so ineinander übergegangen, weil irgendwann die Märchengesellschaft bei mir angefragt hat“, erinnert sie sich. Nicht nur an Seminaren teilzunehmen, sondern auch die erlernte Methode weiterzugeben, sei eine wundervolle Erfahrung gewesen.

Die Methode, die sie von ihrer Lehrerin lernte, vertraue dem Rhythmus der mündlichen Sprache, erklärt Linde Knoch. „Ich habe die Beobachtung gemacht, dass Kinder – vor allem wenn sie klein sind – fast singen, wenn sie etwas erzählen. Ganz rhythmisch.“ So würde auch die Methode funktionieren: „Wenn ich ein Märchen erzähle, spreche ich nicht sachlich alle Fakten hintereinander weg, sondern betone vor allem die Bild-Worte, die wichtig sind.“


Der Rhythmus prägt sich ein


Ein Märchen-Buch, aus dem sie vorliest, braucht Linde Knoch nicht. Daher heißt es auch „Märchen erzählen“ und nicht „Märchen vorlesen“: „Der Rhythmus des Geschriebenen trägt mich und prägt sich ein“, sagt sie. Ob ein Märchen nun lang oder kurz ist, mache dabei keinen Unterschied. Es sei die Bildsprache, die sich einpräge. „Ich muss mich nicht an die Wörter erinnern, sondern ich lebe in den Figuren, die in dem Märchen vorkommen.“ Genau das sei nicht nur ein wunderbares Erlebnis für die Zuhörer, sondern auch für sie: „Ich finde die Figuren immer in mir. Die böse Stiefmutter bin ich genauso wie die schöne Königstochter oder der Held, der in die Welt hinaus zieht.“ Beim stummen Lesen erschließe sich bei einem Märchen nicht viel. Aber wenn man den Charakteren Temperamente gebe, dann lebt die Geschichte, sagt sie. Um das perfekt zu können, habe sie viele Jahre lang Sprachgestaltung gemacht.

Linde Knochs Repertoire besteht heute aus über 200 Märchen, die sie erzählen kann. „Das ist irgendwie eine Gabe, ein Geschenk. Wie ich dazu gekommen bin, weiß ich nicht“, sagt sie und lacht.


Weniger denken als fühlen


Sie lese ausschließlich überlieferte Texte, keine neuen Märchen. „Es gibt natürlich auch heute wundervolle Geschichten“, sagt sie, „aber diese alte Art, weniger zu denken als zu fühlen, die die Kinder noch haben, ist vielen Schreibenden heute verloren gegangen.“ Und die alten Märchen seien immer noch hochaktuell, weil sie die Menschheitsprobleme genauso ansprechen wie früher.

„Viele Märchen sind viel älter, als wir meinen“, sagt sie. Es gäbe zum Beispiel eine Schrift auf einer Tafel, die in Ägypten gefunden wurde und etwa 2000 vor Christus verfasst wurde. „Der Text ähnelt unserem ‚Dornröschen‘. Sie haben das natürlich damals nicht Märchen genannt, aber diese alten Geschichten transportieren die Menschheitserfahrung, wie sie immer gewesen ist. Da geht es um Verwünschung und Erlösung, um Proben, Gewinnen und Verlieren, Eifersucht, Tod, Leben und Mann und Frau. Es geht einfach um alle Tatsachen, die uns heute auch noch bewegen“.

Viele moderne Geschichten, sagt die gebürtige Rheinländerin, seien wunderbare „Weisheits-Geschichten“, die den Zuhörern auf der Verstands-Ebene gut tun. Wie zum Beispiel die Ringparabel, die auch in Lessings Nathan der Weise thematisiert wird. Ein Märchen würde die Zuhörer jedoch in der Seele ansprechen. „So wie die Geschichte ‚Der süße Brei‘ von den Gebrüdern Grimm. Da wird erzählt, dass ein Kind mit seiner Mutter alleine lebt und sie leiden Hunger. Das heißt nicht unbedingt nur, dass sie nichts zu Essen haben, sondern sie sind auch seelisch arm. Jetzt macht sich das Kind auf und sucht die Lösung. Die Mutter bleibt Zuhause, weil sie nicht weiß, was sie machen soll. Und das Kind erfährt schließlich Hilfe.“ Das sei ein Märchen, das sie sehr gerne Kindern erzähle, weil es ihnen Mut macht und besonders stärkt.

Erwachsenen erzähle sie andere Märchen: „Es passiert öfter, dass im Märchen eine junge Frau ihren Liebsten verliert. Der Mann wird vielleicht von einer wunderbaren Frau verführt und lässt sich verzaubern. Und die Zurückgelassene muss losziehen, verschiedene Aufgaben erfüllen und schafft es schließlich, ihn zu retten.“


Im Märchen gibt es eine gute Lösung


Ein Zeichen der Volksmärchen sei es, dass es eine gute Lösung gibt. „Märchen sind Hoffnungsgeschichten, die Zuversicht vermitteln“, sagt sie, betont aber, dass das nicht heiße, dass die Welt in der Geschichte dann in Ordnung ist. „Auch nach einer Hochzeit kann im nächsten Märchen der Partner wieder verlorengehen“.

Auch mit 76 ist Linde Knoch noch sehr aktiv: Auf der ganzen Insel, aber vor allem in der Keitumer Gemeinde , erzähle sie regelmäßig Märchen. Es gebe Gemeindemitglieder, die immer kämen, aber auch Gäste von außerhalb würden das Angebot gerne annehmen. Zudem hat sie acht Bücher geschrieben: Märchenbücher für Kinder, für alte Menschen, ein Buch über das Märchenerzählen. Auch eine CD hat sie aufgenommen. „Ich staune manchmal selbst, was da so zusammenkommt. Aber wenn man das macht, was man liebt, dann zählt man eh nicht mit.“

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erstellt am 17.Feb.2017 | 05:50 Uhr

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