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Flüchtlinge auf Sylt : Lieber Langeweile als Angst und Hass

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

In der Süderstraße in Keitum wohnen zwölf Asylsuchende / In ihren Heimatländern sind die Männer teilweise gefoltert worden

von
erstellt am 23.Jan.2014 | 06:00 Uhr

Heitere Stimmung kann unter den jungen Männern in der Süderstraße 44 innerhalb von Sekunden in nachdenkliche Bedrückung wechseln. Die zwölf Asylsuchenden, die hier gemeinsam unter einem Dach leben, stammen aus Syrien, Afghanistan und Serbien. Neben Küche, Toilette und Fernseher teilen sie Erinnerungen an Tod, Angst und Hass, die sie aus ihren Heimatländern vertrieben haben. Lenkt man das Gespräch auf Familie und Freunde, die noch immer in den Kriegsgebieten leben, ist es so weit – die Stimmung schlägt um, die Mienen werden ernst.

„Ich halte regelmäßig telefonischen Kontakt zu meinen Eltern“, berichtet etwa Neek Mohammad, „sie sind froh, dass ich in Sicherheit bin“. Der 27-Jährige floh vor zwei Jahren aus seinem Dorf in der Nähe der ostafghanischen Provinzhauptstadt Dschalalabad. „Dort waren zu viele Taliban – ich musste weg“, sagt der schmächtige Endzwanziger in holprigem Englisch. Nach langer Flucht über den Landweg bis nach Deutschland kam Neek in ein Auffanglager in Neumünster. Von dort ging es für den gelernten Elektriker nach Sylt.

Auch seine Mitbewohner Mustafa und Yaman haben eine Flucht hinter sich. „Ich sollte zum Militärdienst eingezogen werden, aber ich wollte weder für Assad noch für die Freie Syrische Armee kämpfen“, erklärt der 24-jährige Yaman. Auf die Frage, warum er seine Heimat verlassen habe, zeigt Landsmann Mustafa seine Handgelenke, auf denen sich tiefe Narben abzeichnen. Auch Dellen auf seinem Kopf zeugen von Misshandlungen. „Ich kann erst zurück, wenn Assad weg ist“, sagt er ernst, „ich war politisch aktiv.“ Bisher hat sich kein Sylter Politiker diese Geschichten vor Ort angehört.

Einmal in Deutschland angekommen, werden die Asylbewerber zunächst über eine Quotenregelung auf die Bundesländer, dann auf die Kreise und schließlich auf die Kommunen verteilt. „Zurzeit betreut die Inselverwaltung 42 Asylsuchende, die in List, Keitum und auf dem Fliegerhorst wohnen. Ab Februar werden es noch zwei Personen mehr sein“, weiß Ordnungsamtleiterin Gabriele Gotthard. Eine siebenköpfige Familie sei momentan noch auf dem Festland untergebracht, weil es dem Ordnungsamt an passendem Wohnraum für die Flüchtlinge fehle. Doch anders als die fremdenfeindlichen Reaktionen Keitumer Nachbarn es noch im Juni letzten Jahres vermuten ließen, ist die Bereitschaft der Sylter, der Gemeinde Wohnraum für die Unterbringung von Flüchtlingen zu vermieten, sehr groß. „Ich schaue mir fast täglich solche Wohnungen an“, berichtet Beate Lück-Wummel aus dem Ordnungsamt. „Auch wenn die Hilfsbereitschaft riesengroß ist, so brauchen wir doch weitere Angebote.“

In der Süderstraße 44 fließt der Tag derweil ereignislos dahin. „Manchmal spielen wir Fußball, kochen gemeinsam und besuchen zweimal die Woche die Deutschkurse“, sagt Neek Mohammad. „Aber da ist leider viel Langeweile.“ Gerne hätte er mehr Kontakt zu Syltern. Wie seine Mitbewohner hofft er auf eine Zukunft in seiner Heimat – wann diese allerdings anbrechen wird und ob man ihre Asylanträge in Deutschland annimmt, weiß keiner der zwölf jungen Männer.

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