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Sylter Köpfe : Lieber Buchhändler als Polizist

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

In der SR-Serie Sylter Köpfe erzählt Uwe Becher (54), dass er eigentlich Polizei werden wollte. Jetzt führt er seit 32 Jahren seine eigene Buchhandlung.

shz.de von
erstellt am 19.Okt.2013 | 06:00 Uhr

Eigentlich wollte Uwe Becher als Teenager ja zur Polizeischule nach Berlin. Nun ist der 54-Jährige mit den 32 Jahren, die er seine Buchhandlung in der Friedrichstraße schon führt, einer der am längsten auf Sylt ansässigen Buchhändler. Das mit der Polizei habe ihm damals seine Mutter verboten, erzählt der freundlich wirkende Mann mit der ruhigen Stimme lachend: „Damals gab es diese Unruhen wegen der Hausbesetzer-Szene in Kreuzberg – das fand sie zu gefährlich.“ Außerdem galt bei Bechers die goldene Regel: „Gerechte Entlohnung bekommst Du nur als Selbstständiger.“

Seine Eltern, erzählt der ruhige Mann mit der leisen Stimme, kamen als DDR-Flüchtlinge mit dem damals dreijährigen Uwe auf die Insel und bauten sich „mit sparsamsten Mitteln“ auf Sylt eine Existenz auf. Dass er auf seine Eltern hörte, und statt in die Polizeischule in die Buchhändlerausbildung in die damalige Badebuchhandlung Charlott Frank in Westerland ging, hat Becher nicht bereut: Mit lediglich 21 Jahren machte er sein eigenes Geschäft auf – seit 32 Jahren berät er Sylter und Gäste in der Buchhandlung Becher am Anfang der Westerländer Friedrichstraße.

Und auch ein Leben auf der Insel sei für ihn das Richtige gewesen: „Ich habe ein sehr inniges Verhältnis zu Sylt“, sagt der geschiedene Vater zweier Kinder. Seine Theorie: Wer sich die Insel als Zugezogener anlesen und erarbeiten muss, der liebt sie am Ende mindestens so sehr wie diejenigen mit langjährigen Sylter Familientraditionen.

Ob er für immer hier bleiben wird, weiß −Becher allerdings nicht: Ende diesen Jahres stehen für ihn und seine Buchhandlungen Veränderungen an: „Am 31. Dezember übergebe ich die Buchhandlung an Verena Liedelt.“ Unter neuer Leitung soll sich die Ladenfläche verdoppeln, das Sortiment wird unter anderem durch Geschenkartikel erweitert. Zumindest für ein Jahr wird Uwe Becher im neuen Geschäft als Verkäufer arbeiten. Was dann kommt, weiß er noch nicht: Bedauern, sagt er, würde er diese Veränderung nicht: „Ich habe immer nach einem Schnitt gesucht. Vielleicht auch, weil ich sehr früh mit diesem Beruf angefangen habe – in einem Alter, in dem sich andere noch ausprobieren.“

Bevor es für ihn den „fließenden Übergang“ in einen neuen Lebensabschnitt gibt, blickt er zurück auf 32 Jahre als Sylter Buchhändler. Vieles daran gefiel ihm, die persönliche Beratung seiner Stammkunden zum Beispiel. Viele von ihnen hat er aufwachsen gesehen, hat die Entwicklung ihres Lese-Geschmacks begleitet. Überhaupt: Seit den 80er Jahren, sagt Becher, sei die Hemmschwelle vieler Menschen gesunken, eine Buchhandlung zu betreten: „Die Leute gehen heute lockerer mit Literatur um“ – das Elitäre ist verschwunden. Allerdings – gelegentlich bedauert er diese Entwicklung, wenn’s um die Lese-Vorlieben geht.

Auch in Zeiten eines flacheren Leseverhaltens und einer verbreiteten Bestseller-Hörigkeit ist er stolz darauf, eine recht große Auswahl an Klassikern im Laden stehen zu haben. „Es ist für mich eine Verpflichtung als Buchhändler, dass ich nicht nur die beliebten Standards anbiete“, sagt er. Zudem verkaufen sich die Klassiker bei ihm, betont Becher: „Bestseller muss ich öfter zurück schicken.“Was er bedauert: „Im Gegensatz zu früher wird kaum noch sozialkritische Literatur gelsen.“ Auch politische Biografien, die in den 80ern noch jahrelang verkauft wurden, seien nicht mehr so gefragt: „Es ist alles viel schnelllebiger geworden.“

Schuld daran: Sicherlich auch das Internet, das den Buchhändlern seit Jahren das Leben schwer macht. Dass Amazon und Co. kleinen Buchhandlungen wie der seinen irgendwann endgültig das Garaus macht, dass möchte Becher nicht befürchten. Er glaubt daran, dass gerade das Bedürfnis nach persönlicher Beratung zunehmen wird. Und damit kein falscher Eindruck entsteht: Nur Hochliterarisches müssen seine Kunden auch nicht kaufen. Becher selbst liest auch gern mal einen Thriller.


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