Glücksburg : Letzte Ruhe unter Schleswig-Holsteins Bäumen

Für immer Teil des Waldes werden - das geschieht mit den Urnen, die im Glücksburger Ruheforst beigesetzt werden.
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Für immer Teil des Waldes werden - das geschieht mit den Urnen, die im Glücksburger Ruheforst beigesetzt werden.

Der einzige Waldfriedhof Schleswig-Holsteins in einem Landeswald hat sich innerhalb kürzester Zeit zum Bestseller entwickelt.

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13. April 2012, 04:53 Uhr

Glücksburg | Von den Kräften der Eiszeit zu einem mächtigen Schiff geformt, das über die Ostsee Kurs auf Dänemark nimmt. Gleichzeitig behütet durch eine von uralten Buchen, Eichen und Ahornen ummantelten Kathedrale, die einfache Bänke und ein großes Kreuz aus Holzstämmen überdacht. Besonders, fast magisch ist die vom sanften Wellenrauschen umspülte Aura, die vom Andachtsplatz des Glücksburger Ruheforstes ausgeht.
Die Eröffnung des bisher einzigen Waldfriedhofs Schleswig-Holsteins in einem Landeswald war Ende 2010 mit einem dicken Fragezeichen verbunden, das sich in ein Ausrufezeichen verwandelt hat. 100 Menschen wurden auf den bewaldeten, zur Flensburger Förde abfallenden Hängen bereits beigesetzt, fast 1000 Grabstellen sind verkauft. Ein Regenbogen-Biotop für deutlich zu früh geborene und verstorbene Kinder komplettiert nun das Angebot der so beliebten, 13 Hektar großen letzten Ruhestätte.
Verstorbene werden und bleiben Teil des Waldes
"Mit einer so großen Nachfrage hätten wir nie gerechnet", sagt der verantwortliche Förster Klaus-Dieter Schmidt bei einem Rundgang über den Moos weichen, von blühenden Buschwindröschen-Teppichen belegten Waldboden - mitten hindurch von Gräbern, auf die fast Nichts hindeutet. Lediglich kleine Metallplaketten in einigen Metern Höhe an den Stämmen ausgewählter Bäume markieren die Ruhebiotope. Zwölf biologisch abbaubare Urnen können in jedem Biotop beigesetzt werden. Diese werden in kurzer Zeit zersetzt. "So werden und bleiben die Verstorbenen ein Teil des Waldes", sagt Schmidt. Grabsteine oder Blumenschmuck gibt es im Ruheforst nicht. "Die Natur übernimmt die Pflege der letzten Ruhestätten" sagt der Förster.
Seit kurzem markiert der Stamm einer imposanten, vom Leben gezeichneten Eiche eine ganz besondere Plakette - das Regenbogen-Biotop. "Hier können kostenfrei Kinder beigesetzt werden, die zu früh und still geboren sind", sagt Glücksburgs Bürgermeisterin Dagmar Jonas. Diese Babys sind so klein, dass sie an sich nicht beerdigt werden müssten. Rechtlich gelten sie als klinischer Sondermüll. "Ihre Eltern und Familien brauchen oft aber einen Ort, an dem sie trauern und Frieden finden können." Das falle vielen in einem Wald einfacher als auf einem herkömmlichen Friedhof. "Hier wandert der Blick aufs Meer, hier kann man frei atmen", hat Förster Schmidt beobachtet, der im Ruheforst für jeden Verstorbenen ein Grab findet - unabhängig davon, ob oder woran er glaubt.
Hohe Qualitätsanforderungen
Viele Biotope des Ruheforstes werden komplett verkauft - an Familien oder gute Freunde, die im Glücksburger Wald mit Blick auf die Förde zusammen unter mächtigen Baumkronen ruhen wollen. Die Käufer kommen aus dem ganzen Land, aus ganz Deutschland und dem Ausland. "Nur 20 Prozent sind Glücksburger, die weiteste Urne kam bisher aus Amerika", erläutert Schmidt, der regelmäßig Führungen durch den Ruheforst anbietet. Viele Käufer von weiter her verbinden mit Glücksburg schöne Erinnerungen, hatten an der Förde eine Ferienwohnung oder ihr Segelboot.
Im Sommer tobt wenige Meter neben dem Waldfriedhof das Strandleben - für Glücksburgs Stadtrat John Witt kein Widerspruch: "Der Tod gehört zum Leben - und sollte auch in einem Ferienort nicht ausgegrenzt werden." Aus touristischer Sicht sei der Ruheforst am Meer landesweit ein Alleinstellungsmerkmal, sagt Witt.
Warum gibt es bisher erst einen Friedhof in einem Landesforst? "Es gibt hohe Qualitätsanforderungen an die Lage, die Baumarten, die Bestandsstruktur und den Pflegezustand", sagt Schmidt. Zudem müsse eine Träger und eine Kommune gefunden werden, die willig ist, ihren Flächennutzungsplan zu ändern. Ist das geschafft, bringt der Ruheforst auch dem Wald Frieden. Der darf sich dann mindestens 100 Jahre ungestört entwickeln.

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