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Keitumer Fischrestaurant : Legendär: Die Geschichte von Fisch-Fiete

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Das Keitumer Fischrestaurant ist ein Stück Inselgeschichte und etwas sehr Syltiges. Wie Fisch-Fiete begann, ist aber nur wenigen bekannt.

Die Nachricht vom Aus für das bundesweit bekannte Keitumer Restaurant Fisch Fiete hat viel Bedauern ausgelöst. In unserem Artikel erinnern wir daran, mit wie viel Arbeit und Entbehrung der Familienbetrieb vor gut 60 Jahren aufgebaut wurde. Auch das ist ein Stück Sylter Geschichte.

Besser als im Adlon! Danke! Ihr Curd Jürgens“ Mit schwungvoller Handschrift schrieb der Welt-Star am 9. August 1955 diese Zeilen ins Gästebuch von Fisch-Fiete. Da war das kleine Friesenhaus in Keitum, dass Karl-Friedrich Paegler als scheinbar nicht renovierbare Bruchbude erworben und in zweijähriger Arbeit zu einem gemütlichen Fischrestaurant verwandelt hatte, gerade mal ein knappes Jahr alt. Aber es war schon erste Adresse für die damalige Prominenz, die auf Sylt urlaubte.

Bis Tochter Annegret sagen konnte, „meine Eltern haben ein Restaurant“ und sich nicht schämte, wenn sie auf die Frage, was denn der Papa von Beruf sei, sagen musste, „mein Vater ist Fischmann“, waren bittere, entbehrungsreiche Jahre vergangen.

Karl-Friedrich Paegler war 1947 aus russischer Kriegsgefangenschaft zu Frau und Kindern nach List gekommen. Dort hin hatte sie sich, aus Hinterpommern kommend, vor den Russen geflüchtet. Der ehemalige Stolper Husar Paegler fand sich in einer fremden, ablehnenden Welt wieder. Krank, mittellos, aber voller Tatendrang versuchte er seine Familie zu ernähren, Arbeit und Wohnraum zu finden. Bei seiner Entlassung aus der Gefangenschaft hatte ihm der Arzt empfohlen, „wenn Sie nach Sylt gehen, sorgen Sie dafür, dass Sie jeden Tag Dorschleber bekommen. Damit können Sie sich aufpäppeln und wieder gesund werden. Auf so einer Nordseeinsel muss es doch genügend Fisch geben.“

Mit den aus der Gefangenschaft aufgesparten Tabakrationen bezahlte Fiete, wie er schnell von den Fischern genannt wurde, ihre Ware. Die Fischer erkannten in ihm einen „fixen Kerl“, dem sie schnell vorschlugen, doch ihre Fische zu verkaufen, die ansonsten vorwiegend an Händler gingen, die ihnen so niedrige Preise für die Fänge zahlten, dass sie kaum davon leben konnten.

Fiete sah im Fischverkauf eine Chance, so eine berufliche Existenz aufzubauen. Seine Frau war entsetzt. „Fischhändler, das war in den Augen der Leute kein angesehener Beruf. Mit so jemandem verkehrte man nicht, das war nicht standesgemäß“, schreibt Tochter Annegret, in ihren Erinnerungen an die Anfänge von „Fisch-Fiete“ (Annegret Sievers, Das Fisch-Fiete Kochbuch, 1986, Collection Rolf Heyne). „Niemals kriegst du mich dazu, dass ich das mitmache', sagte meine Mutter verzweifelt. Ich kann mich noch erinnern, dass sie weinte und flehte“, notiert Annegret Sievers weiter.

Es wurde ein „schäbiger dreirädriger Fischkarren“ angeschafft, die Mutter in einen bodenlangen Kleppermantel gesteckt, ihr eine Schaffnertasche umgehängt und so zogen Fisch-Fiete und seine Frau Sommer wie Winters, bei Hitze und Eiseskälte über die Insel, um Fische zu verkaufen. „Das hat viele Tränen damals gegeben, und mein Bruder und ich haben zum ersten Mal gespürt, wie hart es ist, wenn man sich eine Existenz aus dem Nichts aufbauen will. Wieviel übermenschliche Kraft es kostet, an jedem bitterkalten Wintermorgen aufzustehen, von Haus zu Haus zu fahren und immer nur ein paar Pfennige zu verdienen“.

Annegret Sievers erzählt in ihren Erinnerungen auch, dass mit dem Tag, „als mein Vater Fischmann wurde, auch meine Kindheit endete“, denn der ehemalige Gutsverwalter und Stopler Husar gab den Befehl aus, dass „jeder jetzt mit anpacken muss“. Und „was mein Vater beschloss, musste befolgt werden - er duldete keinen Widerspruch“.

Fietes Durchsetzungswille war es aber auch zu verdanken, dass die Familie aus der Behelfsunterkunft in List in eine Wohnung nach Westerland ziehen konnten, obwohl die Stadt mehrmals seinen Wohnungsantrag abgelehnt hatte. „Da hatte mein Vater eine seiner genialen Ideen (und ich glaube nach wie vor, dass es Ideen, Fleiß und eine gewisse Hartnäckigkeit sind, die einen vorwärts bringen): er lud all seine Möbel, die nur aus Kistenbrettern gezimmert waren, auf einen Pferdekarren und kutschierte mit uns nach Westerland. Das war 1949, an dem für die Sylter so wichtigen Tag, als das Kasino eingeweiht werden sollte und viele Prominente vom Festland erwartet wurden“. Das Entsetzen bei Bürgern und Polizei war groß, doch Karl-Friedrich Paegler unbeugsam und fordernd. Erst wenn man ihm die Wohnung zusprechen würde, sei mit seinem Abzug zu rechnen, ließ er die Staatsgewalt wissen. Er bekam die Wohnung.

Aus heutiger Sicht war es sicher auch eine geniale Idee, den Fischhandel zu betreiben, denn der florierte schnell sehr gut, galt Fietes Ware doch als ausgezeichnet. Als er dann auch noch selbst räucherte, wuchs sein Ruf als Fisch-Spezialitäten-Händler und es war nur noch ein kleiner Schritt, bis Fiete überzeugt war, dass die Familie mit ihrem Talent für gute bodenständige Fischgerichte und dem ausgeprägten Sinn für Qualität, ein Restaurant eröffnen sollten.

Vom ersten Gedanken bis zur Eröffnung am 5.Juni 1954 vergingen wohl zwei Jahre. Doch schon der Eröffnungstag zeigte, dass Fisch-Fiete eine Erfolgsgeschichte werden würden. Mit Bangen sah die Familie der Restaurant-Premiere entgegen, wusste man doch nicht, ob genügend Gäste kommen würde. Mindestens 50 brauchte man pro Tag, um kostendeckend zu arbeiten. Es kamen 250 Gäste! „Und genauso viele am folgenden und am übernächsten Tag. Und nach einem Monat nahm mein Vater meine Mutter in die Arme und sagte: ‘Anni, ich glaube, wir sind über den Berg“, schreibt Annegret Sievers in ihren Erinnerungen. Für die damals 12-Jährige begann mit dem Restaurant ein hartes Leben, musste sie fortan gleich nach der Schule in der Restaurantküche helfen.

Doch bei aller Mühsal beschreibt Annegret Sievers ihre Erfahrungen als gute, als solche, die ihr „ein Gefühl für den Existenzkampf und die Achtung vor der Arbeit anderer Menschen“ gelehrt hat. Ihre positive Haltung, die sie wohl auch vom Vater geerbt hatte, ließen sie ihre Familie und das Restaurant als Orte der Geborgenheit erleben. Es überrascht also nicht, dass sie später, nach einer Ausbildung als Hotelfachfrau in Paris, mit ihrem Mann Fisch-Fiete übernahm und mit großem Erfolg weiterführte.

Es ist sicher für sie und die ganze Familie bitter, das Restaurant jetzt schließen zu müssen. Die vielen Reaktionen von Insulanern und Gästen auf das Ende von Fisch Fiete bezeugen den bis zuletzt guten Ruf des mit so viel Energie und Qualitätsbewusstsein aufgebauten und geführten Restaurants, das immer noch zu den ersten Adressen auf Sylt zählte.

Für Thomas Sievers, dem Enkel und aktuellem Chef des Traditionshauses, ging es in letzten Jahren auch immer darum, „die großartige Geschichte von Fisch-Fiete“ als ständige Herausforderung zu begreifen. „Die gute Küche, die legendären Rezepte und die besondere Atmosphäre in unserem Haus“ waren ihm „die wichtigsten Maßstäbe für unsere tägliche Arbeit. „Zum Glück“, so Sievers noch vor wenigen Monaten, „sind uns die Gäste über all die Jahre immer treu geblieben, kommen immer wieder neue zu uns, die wir ebenfalls begeistern können”. Für Sievers war „Fisch-Fiete mehr als ein Restaurant: Es ist eine Sylter Insitution“. Damit hatte er recht. Leider gehört diese Syltadresse wohl nun zur Vergangenheit. Es sei denn, „das noch ein Wunder geschieht“.  





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erstellt am 20.Nov.2015 | 18:50 Uhr

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