Seniorpartner in School : Lebenshilfe auf dem Schulhof

Für manche Schüler Alltag: Heftige Auseinandersetzungen in der Pause. Foto: dpa
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Für manche Schüler Alltag: Heftige Auseinandersetzungen in der Pause. Foto: dpa

Mobbing, Gewalt oder Stress mit den Eltern: In Schleswig-Holstein bemühen sich 36 Seniorpartner um die Stärkung von Kinder in seelischen Notlagen - ehrenamtlich und streng vertraulich.

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20. November 2012, 11:23 Uhr

Flensburg/Kiel | Sie sind nicht selten die letzte Hoffnung für Kinder, die ihre großen und kleinen Probleme alleine nicht lösen können: Die Mediatoren vom Landesverband der Seniorpartner in School (SiS). Menschen, die ehrenamtlich ihre Erfahrung und Hilfe anbieten - streng vertraulich.
36 Seniorpartner sind derzeit in Schleswig-Holstein im Einsatz. In Zweierteams stehen sie den Schulen einmal in der Woche bis zu fünf Stunden zur Verfügung. Ein Ehrenamt, das viel Geduld und Verständnis erfordert. Manchen Kindern reicht es, einmal zu kommen und sich die Sorgen von der Seele zu reden. Andere Fälle sind schwieriger und brauchen eine monatelange Mediation. "Wir liefern keine Lösung − wir helfen den Kindern, selbst eine Lösung zu finden und ihre soziale Kompetenz zu stärken".

Ausgrenzung ist für viele Kinder ein Problem

Viele Jungen und Mädchen stünden heute unter starkem Druck, sagen die Mediatoren. Sie müssen den Erwartungen in der Schule gerecht werden, zu Hause helfen, oft auch noch auf die jüngeren Geschwister aufpassen. Das führt zu Überlastungen. Noch stärker leiden Kinder, deren Eltern die falsche Schulform gewählt haben.
Eines stellen die Mediatoren immer wieder fest: Für die Kinder ist Ausgrenzung ein großes Problem. "Ich habe keine tollen Klamotten, kein iPad und ich bin auch nicht toll", sei das Selbstbild vieler Kinder. Die Folge: Sie verschließen sich und werden häufig zu Mobbing-Opfern. Denn Markenkleidung und die neuesten Multimediageräte sind für viele Schüler Statussymbole. Und obendrein Mobbing-Werkzeug: Um einen Mitschüler zu ärgern, haben Kinder in ein Foto einer nackten Frau aus dem Internet den Kopf seiner Mutter montiert und sie so als Prostituierte dargestellt. Der Schüler wurde ausgelacht, jeder konnte dieses Bild auf sein Handy herunterladen.

Ziel der Mediatoren: Die Kinder stärken

Zu den Mediatoren kommen auch Schüler, deren Eltern Eheprobleme haben. Das Kind ist ratlos, weiß nicht, auf wessen Seite es sich schlagen soll. Ein anderer Fall: Die jugendliche Tochter leidet sehr unter den Depressionen ihrer Mutter. Oder: Die Mutter ist gestorben, der Vater ist die ganze Woche nicht da, und am Wochenende trinkt er, verbietet dem Kind den Kontakt mit Freunden. Gewalt im Elternhaus oder Drogenabhängigkeit sind weitere Auslöser für das Leiden der Kinder. Hier sind die Mittel der Mediatoren begrenzt, sie können nur versuchen, die Kinder zu stärken: "Wir dürfen den Eltern nicht sagen: Sie müssen zur Drogenberatung. Wir sind nur im Kontakt mit den Kindern".
Ihre Schweigepflicht dürfen die Mediatoren erst in dringenden Fällen brechen, etwa wenn ein Kind Selbstmordgedanken äußert. Für schwere Fälle gibt es zudem ein Sozialnetzwerk, in dem SiS, Klassenlehrer, Schulsozialarbeiter und der schulpsychologische Dienst eingebunden sind, sagt SiS-Leiter Gerd Dambrowsky (60). Auch bei Straftaten ist SiS nicht zuständig.

Das klassische Familienbild kommt nur noch selten vor

Die Alltagsprobleme auf dem Schulhof spiegeln eine gesellschaftliche Entwicklung. Computersucht und soziale Netzwerke mit gefährlichen Verführungen, statt Bücher und Spielen an frischer Luft, bedauern die Seniorpartner. Die Eltern wissen häufig nicht, wofür sich ihr Nachwuchs interessiert. Zudem sind viele Familien zerbrochen. "Das klassische Bild − Mutter, Vater, Kind − stimmt leider nicht mehr. Die Ehepartner scheiden sich schnell, und das Kind muss plötzlich nur noch mit einem Elternteil aufwachsen", sagt Dambrowsky. Häufig wechselnde Partnerschaften sind ein weiterer Stressfaktor für die Kinder.
In ganz schwierige Situationen kommen Kinder mit Migrationshintergrund, die aus strengen, patriarchalischen Familien stammen. Vor allem Mädchen aus solchen Familien können sich nur schwer integrieren, weil sie nicht mit Mitschülern zu Hause spielen oder sich gar in einen deutschen Jungen verlieben dürfen. Sie fühlen sich zerrissen zwischen Familie und Freundeskreis. Schlimmstenfalls werden ihre Freunde von den älteren Geschwistern bedroht. "Bei aller Liebe zu fremden Kulturen in Deutschland - es gibt doch Grenzen", so Dambrowsky.

Die Sorgen der Kinder zu sehen, "tut weh"

Für die Lehrer ist die Arbeit der Seniorpartner eine Entlastung. Manche Schulen jedoch brauchen keine Mediatoren - sie haben selbst ein starkes Netzwerk. Hier kümmern sich der psychologische Dienst, Sozialarbeiter oder Beratungslehrer um die Problemfälle. "Aber es gibt Schulen mit einem gut funktionierenden System, die uns dennoch benötigen", weiß Dambrowsky. "Wir sind kostenfrei, belasten die Schulen nicht und brauchen nur einen freien Raum. Schulleiter, die uns noch nicht kennen, muss man einfach noch überzeugen".
Und eine weitere Erfahrung hat der SiS-Leiter gemacht: Die Schulen im ländlichen Bereich sind aufgeschlossener gegenüber den Angeboten der Seniorpartner als städtische Schulen. Warum das so ist, weiß er allerdings nicht: "Gute Frage - wir analysieren das derzeit, um eine fundierte Antwort zu finden". Haben die Mediatoren einem Kind helfen können, ist die Freude darüber der Lohn für ihre Arbeit. "Aber es tut weh, wenn man sieht, welche Sorgen die Kinder schon haben", sagt Dambrowsky.

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