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Mit Video : Kunst-Ausstellung von Flüchtlingen: „Das geht mir so unglaublich nahe“

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Nur um Kunst geht es dabei nicht : „Bilder der Flucht“ lautet der Titel einer Ausstellung, die jetzt in Westerland gezeigt wird.

Lodernde Flammen, großflächige Muster und stürmische See: Die Werke, die die Stadtgalerie Alte Post in Westerland seit Donnerstag in einer neuen Ausstellung zeigt, lassen sich nur schwer einer Stilrichtung zuordnen. Einen gemeinsamen Hintergrund haben die Bilder, die von der Gemeinde Sylt präsentiert werden, aber dennoch: Sie alle wurden von Menschen gemalt, die ihre Heimat nur unfreiwillig verlassen haben und jetzt auf der Nordseeinsel leben. „Bilder der Flucht – Asylbewerber auf Sylt malen ihre Welt“, lautet der Titel der Bilderschau, die bis zum 19. Dezember auf der Insel gezeigt wird. Rund 15 Männer präsentieren hier ihre Werke, die unter der Anleitung von Kunsttherapeutin Inge Dethlefs entstanden sind.

Seit zwei Jahren lebt Hasan Ali Amiri auf Sylt. In seiner afghanischen Heimat herrscht Krieg, seine Eltern und Freunde hat er seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. „Wenn ich male, muss ich nicht denken - denn dann konzentriere ich mich nur darauf“, sagt der 37-Jährige, der seit mehreren Jahren in seiner Freizeit malt.

Feierlich eröffnet wurde die Ausstellung von Bürgermeister Nikolas Häckel. „Nehmen Sie nicht nur Eindrücke mit, sondern auch die Emotionen, die uns begreifen lassen, was Flucht bedeutet“, sagte er einleitend. In der Ausstellung gehe es um reale Bilder und echte Menschen, die in ihren Werken von ihren Schicksalen erzählen. „Hinter jedem Bild steckt eine Aussage, auch wenn es zunächst harmlos erscheint“, so Häckel.

Auch Khabat Katavano (27) malt schon seit langem – allerdings, nach eigenen Angaben, nur für sich selbst. Ausgestellt hat der Mann, der in Syrien zuvor Jura studierte, bis jetzt noch nie. Seit rund neun Monaten lebt er auf Sylt. Bei ihm wird deutlich, wie sehr ihm die künstlerische Tätigkeit dabei hilft, sich – zumindest für den Moment – von negativen Erlebnissen zu lösen. „Wenn ich sauer bin, möchte ich einfach nur malen, nur malen“, sagt er. Sein Lieblingsbild ist ein an den großen Aquarellisten Emil Nolde angelehntes großformatiges Werk (Foto links), weil er die Farben großartig fände, erzählt er auf Englisch.

„Inge Dethlefs unterstützt uns sehr“, sagt der Mann mit den klugen Augen. Sie ist für Katavano mehr als nur eine künstlerische Anleiterin, sie ist zugleich Beraterin in Lebens-und Berufsfragen. Sie will ihn dabei unterstützen, dass er in einem Jahr ein Psychologiestudium in Deutschland beginnen kann.

Die engagierte Frau hatte vor anderthalb Jahren begonnen, mit kunstinteressierten Asylbewerbern zu malen und ihnen die Möglichkeit gegeben, ihre Erlebnisse von der Flucht nach Deutschland in Bildern auszudrücken. An den Bildern merke sie, was für Traumata diese Menschen mit sich herumtragen, sagt Dethlefs, während sie auf ein Bild blickt, das einen Strand zeigt, über dem große, bedrohlich wirkende Wolken hängen. „Das geht mir so unglaublich nahe“, sagt sie.

Die Bilder unterschiedlicher Techniken und Formate sind in ihrer Malwerkstatt in Braderup sowie in der Unterkunft der Asylbewerber entstanden. In dem Gebäude wurden Küche und Keller provisorisch zur Malwerkstatt umfunktioniert. Finanziert hat die auf Sylt lebende Künstlerin alles aus eigener Tasche: Farben und Leinwände bekam sie zum Teil aus Nachlässen verstorbener Kollegen. Die Stadtgalerie stellt die Gemeinde kostenlos zur Verfügung.

Was Dethlefs dazu bewegte dieses Projekt umzusetzen? „Ich wollte einfach etwas tun, als ich die vielen Neuankömmlinge in der Süderstraße gesehen habe“, sagt die Kunsttherapeutin. Mit Farben und Pinseln sei sie kurzerhand zu den Asylsuchenden gegangen und habe mit ihnen gemalt. „Das war ein Riesenspaß“, sagt sie rückblickend mit leuchtenden Augen.

Zahlreiche Gäste waren am Donnerstagabend gekommen, um einen ersten Blick auf die besonderen Werke zu werfen. „Die Idee, über den kreativen Ausdruck Traumata zu verarbeiten, finde ich sehr gut“, zeigte sich Kerstin Ledendecker aus Bielefeld begeistert. Einige Bilder seien sehr kraftvoll und böten viel Raum für Interpretationen. Auch Traute Nierth, Morsumer Künstlerin, war beeindruckt: „Da sind tolle Werke dabei“, sagte sie am Rande der Veranstaltung. Besonders gut gefalle ihr das Bild mit den schwarz-weißen „Gittern“ (Foto rechts), das Ahmed Salem aus dem kurdischen Syrien gemalt hat. Am liebsten male er Blumen oder Wasser, wie auf dem Bild links unten, sagt der 35-Jährige.

Viele Menschen liefen in Grüppchen durch die Ausstellung und tauschten sich über ihre Interpretationen der Gemälde aus.

Bereits im Sommer wurden Bilder der Künstler in der Stadtkirche St. Nicolai mit Erfolg ausgestellt. Jetzt zeigen die Asylbewerber weitere neue beeindruckende und bedrückende Bilder. Die Ausstellung wird unter anderem von den Künstlern betreut, die auch Fragen zu ihren Bildern beantworten. In einem Erklärungs-Heft können Interessierte außerdem die Einschätzung Dethlefs zu einigen Bildern lesen.

„Bilder der Flucht – Asylbewerber auf Sylt malen ihre Welt“. Ausstellung der Gemeinde Sylt, Stadtgalerie Alte Post, Westerland. 3.-19. Dezember. Öffnungszeiten: Montag - Freitag 14 – 17 Uhr, sonnabends 10 – 13 Uhr .


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erstellt am 04.Dez.2015 | 15:54 Uhr

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