Kriegsverbrecher Reinefarth gelang in Schleswig-Holstein einmalige politische Karriere

Heinz Reinefarth als SS-Gruppenführer im Oktober 1944.
Heinz Reinefarth als SS-Gruppenführer im Oktober 1944.

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22. Januar 2015, 05:15 Uhr

Mit der Niederschlagung des Warschauer Aufstands beging er das größte Einzelkriegsverbrechen des Zweiten Weltkrieges – angeklagt worden dafür ist Heinz Reinefarth jedoch nie. Dem SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei gelang vielmehr eine einmalige politische Nachkriegslaufbahn: zuerst als Bürgermeister von Westerland, dann als Landtagsabgeordneter. Der Schweizer Historiker Philipp Marti hat die zwei Karrieren von Heinz Reinefarth in einer Dissertation untersucht. Er sagt: „Bis zu seinem Tode war Reinefarth unfähig, seine NS-Vergangenheit selbstkritischen aufzuarbeiten.“

Am 3. August 1944 hatte Heinrich Himmler Reinefarth zum Verantwortlichen für die Niederschlagung des Aufstands in Warschau gemacht. Bei einer Lagebesprechung am 5. August gab Reinefarth den Befehl, die gesamte nichtdeutsche Bevölkerung der Stadt sei als Feind anzusehen und umzubringen. „In den ersten Tagen des Einsatzes verübten Angehörige der ,Kampfgruppe Reinefarth‘ im Stadtteil Wola schlimmste Verbrechen an der Zivilbevölkerung“, so Historiker Marti. Reinefarths Einheiten exekutierten gefangene Zivilisten oder nutzten sie als menschliche Schutzschilde. Gruppen von bis zu 300 Polen, häufig Frauen und Kinder, mussten vor den deutschen Kampffahrzeugen gehen; andere bildeten Wälle, hinter denen deutsche Infanteristen Deckung nahmen. Überlebende berichten, dass Schulkinder mit Gewehrkolben erschlagen wurden, um Munition zu sparen. 50  000 Zivilisten verloren bei dem Massaker ihr Leben.

Reinefarth wurde mit dem Eichenlaub zum Ritterkreuz geehrt. Für seine Verbrechen als „Henker von Warschau“ musste er sich nie verantworten. Er geriet in amerikanische Gefangenschaft und ließ sich vom Nachrichtendienst anwerben: als Spezialist für die Ostgebiete. Auslieferungsgesuche von Polen, wo ihm die Todesstrafe gedroht hätte, wurden abgewimmelt. Auch die Entnazifizierung gelang dem Jurist unbescholten. Reinefarth zog auf die Insel Sylt, wurde 1951 Bürgermeister von Westerland und 1958 Mitglied des Schleswig-Holsteinischen Landtags – als Abgeordneter des Gesamtdeutsches Blocks/ Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten.

Erst als 1961 Recherchen eines Osthistorikers zum Warschauer Aufstand bekannt wurden, holte ihn seine Vergangenheit mit Macht ein. Der Landtag hob Reinefarths Immunität als Abgeordneter auf, 1963 trat er als Bürgermeister von Westerland zurück. Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Flensburg führten jedoch nicht zu einer Anklage und wurden eingestellt.

„Wie bei seiner politischen Karriere war dabei Reinefarths Ausstrahlung von Bedeutung. Er wurde als höflicher Bildungsbürger, als Ehrenmann und honoriger Ritterkreuzträger wahrgenommen“, so Marti. Und: Im Bewusstsein von Bevölkerung und Justiz galten zwar Morde in den Konzentrationslager als NS-Verbrechen, Taten im militärischen Zusammenhang aber nicht. Nach dem Rückzug aus der Politik arbeitete Reinefarth als Rechtsanwalt, 1979 starb er als angesehener Bürger in Westerland. Die Stadt widmete ihm einen Nachruf, in dem sie hervorhob: „Sein erfolgreiches Wirken für die Stadt Westerland wird unvergessen bleiben.“

Erst im Juli 2014 hat der Landtag Reinefarths Opfern „sein tiefes Mitgefühl“ ausgesprochen und sein Bedauern darüber zum Ausdruck gebracht, „dass es nach 1945 in Schleswig-Holstein möglich werden konnte, dass ein Kriegsverbrecher Landtagsabgeordneter wird“. Im August 2014 reiste dann ein Delegation aus Westerland zur Gedenkfeier zum 70. Jahrestag des Warschauer Aufstands. Bürgermeisterin Petra Reiber entschuldigte sich im Namen aller Sylter: „Wir können das begangene Unrecht an der polnischen Bevölkerung nicht wieder gut machen. Wir können aber die Schuld unserer Vorfahren bekennen und um Vergebung bitten.“

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