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ÖPNV auf Sylt : Kostenlose Busse, weniger Verkehr?

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Erneute Forderung nach „freier Fahrt auf Kurkarte“ stößt bei Urlaubern und Syltern, aber auch in Politik und Verwaltung auf ein geteiltes Echo

Ab 2019 soll der Betrieb des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) auf der Insel neu vergeben werden. Politiker von Bündnis 90/Grüne, SPD, SSW, SWG und der Piraten-Partei fordern, dass in dem Verfahren eine Ausstattung der Fahrzeuge gemäß neuestem Stand klimafreundlicher Technik im Fokus stehen und endlich die seit Jahrzehnten diskutierte kostenfreie Nutzung aller Sylter Linienbusse mit Kurkarte umgesetzt werden müsse – wir berichteten. Doch was halten Urlauber und Insulaner von diesen Plänen? Die Sylter Rundschau hat sich am ZOB in Westerland umgehört.

Thomas Adrion und Ulla Galß aus dem Schwarzwald sind mit dem Flugzeug auf die Insel gereist und fahren daher viel Bus. Mit dem Liniennetz sind die beiden sehr zufrieden und finden, dass eine Erhöhung der Kurtaxe in Ordnung wäre, um eine solche Idee umzusetzen. „Es wäre ein schöner Effekt, wenn dadurch weniger Autos auf Sylt unterwegs sein würden. Der Verkehr hat schon deutlich zugenommen“, findet Adrion, der seit Jahren seinen Urlaub auf der Insel verbringt. „Eine gute Idee, um den Verkehr einzudämmen“, findet auch Ingrid Heinemann. Zwar sei sie meistens mit dem Fahrrad unterwegs, aber freies Busfahren wäre es für sie okay, selbst wenn dadurch die Kurtaxe steigen würde. „Für Anwohner sollte es dann aber auch vergünstigt werden“, merkt die Hamburgerin an. „Es müssen ja dringend Anreize geschaffen werden, damit junge Familien weiterhin hier wohnen wollen. Die müssen ja schon die höheren Kosten für Lebensmittel und Mieten stemmen.“

Bettina Franz aus Hörnum berichtet, dass aus ihrem Sylter Bekanntenkreis viele mit dem Bus fahren. Sie selbst fährt sechs Mal die Woche mit dem Bus zur Arbeit, weil sie kein eigenes Auto besitzt. „Wenn Touristen eine Vergünstigung bekommen, dann sollten wir Bewohner davon profitieren“, fordert sie. An eine spürbare Verringerung der Urlauber-Autos glaubt sie allerdings nicht, obwohl das Busnetz auf Sylt sehr gut ausgebaut wäre. Manfred Midelnik aus Rantum fährt ebenfalls mehrmals die Woche mit dem Bus zur Arbeit. Oft hört er die Leute schimpfen, dass das SH-Ticket der Bahn nicht für die Busse auf Sylt gelte. Er findet die Idee einer Nutzung per Kurkarte gut und hofft, dass es dadurch zu einer Verbesserung der Verkehrslage kommt. Für ihn wäre es aber in Ordnung, wenn die Regel nur für Urlauber gelten würde: „Viele von uns leben ja vom Tourismus und das macht die Insel noch attraktiver als Urlaubsziel, daher wäre das okay“, sagt Manfred Midelnik.

Diese spontanen Äußerungen entsprechen einem Meinungsbild, das „Die Insulaner“ in den vergangenen Tagen auf Facebook in den beiden größten insularen Gruppen abgefragt haben: „Während eine große Mehrheit der Nutzer der Sylt-Gruppe (zirka 28  000 Mitglieder, davon etwa 90 Prozent Sylturlauber und Stammgäste), durchaus erklärte, bei einem kostenlosen Angebot verstärkt Busse zu nutzen und ein Drittel sogar angab, dann ohne PKW anzureisen bzw. vor Ort das Auto stehen zu lassen, ist die Reaktion der überwiegend Sylter Mitglieder von ‚Gesucht-Gefunden Sylt‘ verhaltender – verständlich, sind die meisten von uns doch beruflich vom Pkw abhängig“, sagt Parteimitglied Markus Gieppner. 37 Prozent der Sylter und 12 Prozent der Gäste hätten angegeben, nicht auf das eigene Auto verzichten zu wollen oder zu können, weitere 52 bzw. 37 Prozent würden das Auto für Einkäufe weiter verwenden oder nur dann auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen, wenn das Liniennetz enger wäre. „Wir brauchen neue Konzepte, daran gibt es keine Zweifel. Diese können wir nur gemeinsam erarbeiten und dürfen dies nicht mit einer europaweiten Ausschreibung dem Kreis- und Landtag überlassen, ohne die notwendigen Qualitätskriterien klar zu definieren und deutlich zu fordern.“, heißt es in einer Pressemitteilung der Insulaner-Fraktion. „Hier sind alle Parteien, alle Amtsgemeinden, die Unternehmen, die Tourismusorganisationen, aber auch die Bürger und Gäste gefragt.“

Nikolas Häckel sagte auf Anfrage der Sylter Rundschau, dass sich gesamtinsular der Landschaftszweckverband (LZV) Sylt um den ÖPNV kümmere – und das sei auch gut so. „Als Bürgermeister der Gemeinde Sylt werde ich mich im LZV bei der Vergabe für den Schwerpunkt eMobilität stark machen – das ist das Thema unserer Zeit, auch als Nordseeheilbad.“ Andere gesamtinsulare Anreizaspekte sollten laut Häckel über die Sylt Marketing GmbH (SMG) koordiniert werden: „Ich denke da an eine ‚SyltCard‘, mit der Kurabgabe, Busse, Museen, Syltnesscenter-Angebote und so weiter preisrabattiert oder sogar kostenlos genutzt werden können. Solche Angebote haben sich in vielen Metropolen wie Berlin oder Wien bewährt, warum also nicht auch auf unserer Insel?“

Auch Oliver Ewald verweist auf die Kompetenz des Landschaftszweckverbands: „Ein wichtiger Termin ist der 16. August, dann wird auf der Sitzung des LZV unter Hinzunahme von Fachleuten über den Öffentlichen Personennahverkehr auf Sylt beraten. Eine insulare Abstimmung ist aus Sicht der CDU zwingend notwendig, um ein tragfähiges Konzept zu erhalten“, betont der Vorsitzende des Ortsverbands der Gemeinde Sylt. Ob ein über die Kurabgabe finanzierter ÖPNV tatsächlich Autos von der Straße holt, müsse grundsätzlich geprüft werden: „Bisherige Verkehrsgutachten deuten eher darauf hin, dass der Gast nicht auf sein Auto zugunsten der Busse verzichten wird, hier gilt es strukturelle Maßnahmen zu ergreifen. Eine spürbare Verbesserung der Fahrradwege wäre sicherlich von Vorteil“, so Ewald. „Ein Problem ist aus Sicht der CDU, dass bei einer Subventionierung des ÖPNV durch die Kurabgabe eine öffentliche Ausschreibung erforderlich werden könnte. Dies sehen wir – auch mit den Erfahrungen, die bei der Ausschreibung beim Autozug gemacht worden – eher kritisch. Mit der SVG als nicht kommunal subventioniertem Unternehmen hat die Insel bereits einen Anbieter, der innovativ ist und Neuerungen aufgeschlossen gegenübersteht. Die CDU warnt deshalb vor Schnellschüssen, die sich im Nachgang negativ auf die Qualität des ÖPNV auswirken.“




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erstellt am 07.Aug.2017 | 04:43 Uhr

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