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Sylter Zeitgeschichte : Königlicher Badebesuch in Westerland

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

27. Folge der SR-Serie Sylter Zeitgeschichte: Im Sommer 1888 logierte Rumäniens Königin Elisabeth inkognito im Gartenhaus der Villa Roth.

Verschleiert, wie es der damaligen Mode geschuldet war, betrat sie am 28. Juli vor genau 125 Jahren die Westerländer Villa Roth. Vorausgegangen war ein mehr als hektischer Telegrammverkehr zwischen dem Kaiserlichen Innenministerium in Berlin, den schleswig-holsteinischen Behörden in Schleswig sowie der Insel Sylt, der Abreise sowie Ankunft der rumänischen Königin avisierte.

Verschleierung auch beim Eintrag in das Gästebuch des Hotels. Die Fremdenliste Nr. 16 der Sylter Kurzeitung vom 31. Juli 1888 meldete unter den auf der Insel eingetroffenen Gästen eine Comtesse de Vrancea. Unter diesem Pseudonym allerdings verbarg sich niemand anderes als die Königin Elisabeth von Rumänien, die ihr Quartier mit acht Begleitpersonen bis zum 18. August im Gartenhaus der Villa Roth (dem heutigen Hotel Roth in der Westerländer Strandstraße) bezog.

Die am 29. Dezember 1843 als erstes Kind des Fürsten Hermann zu Wied in Neuwied geborene Elisabeth erhielt eine exzellente Erziehung. Niemand anderes als Clara Schumann erteilte ihr Klavierstunden, während ihr Privat-Lehrer Georg Sauerwein (er beherrschte über 60 Sprachen und Dialekte) Elisabeths Begabung für fremde Sprachen förderte. Ihr späteres Pseudonym Carmen Sylva, das sie sich als Schriftstellerin zulegte, geht aller Wahrscheinlichkeit auf ihren Hauslehrer zurück: Sauerwein nannte sich im privaten Umgang gerne Sylvaticus.

Die Jahre vor ihrem Sylt-Aufenthalt verliefen für Elisabeth nicht ungetrübt. Für manche ihrer Aktivitäten auf der Insel mögen sie als Erklärungsschlüssel hilfreich sein: Krankheiten der Mutter, der frühe Tod ihres Bruders sowie der Scharlach-Tod ihrer vierjährigen Tochter nach dem Besuch eines rumänischen Waisenhauses prägten sie und bestimmten ihr späteres Handeln. „Den Tod ihrer geliebten Tochter,“ so heißt es, „überwand Elisabeth niemals vollständig, zumal sich ihre Wünsche nach einem weiteren Kind nicht erfüllten.“

Den familiären Sorgen gesellten sich schwierige politische Umstände hinzu. Die Thronbesteigung ihres Mannes Karl von Hohenzollern-Sigmaringen als König von Rumänien wurde (in dem traditionell frankophonen Land) durch jahrelange antideutsche Stimmungen begleitet. Sie ließen den Herrscher gar an einen Thronverzicht denken.

Elisabeth aber setzte dagegen: Sie entfaltete ungemein starke soziale und kulturelle Aktivitäten in dem rückständigen Balkanland. Besuche von Waisenhäusern und Schulen, die Einführung verbesserter Lehrbücher für den Unterricht oder die Pflege verwundeter Soldaten gehörten dazu. Das alles vermehrte ihr Ansehen und letztlich das des Königshauses.

Es verwundert daher nicht, wenn die rumänische Königin auf Sylt den Wunsch äußerte, ihr Strandzelt am „Haupttummelplatz der Jugend“ des Westerländer Strandes aufgestellt zu sehen. Sie wollte vom fröhlichen Kinderleben umgeben sein, ließ sich von den Kindern eine Strandkuhle ausbuddeln und sah sich, so die Sylter Rundschau vor vielen Jahrzehnten, bald umringt von einer Kinderschar, „der sie fragend, plaudernd, Märchen erzählend, bald ihre Aufmerksamkeit zuwandte,“ während die Kinder, „Kopf an Kopf... einem atemlos lauschendem Auditorium“ glichen. Die Sylter Jugend selbst revanchierte sich mit Blumen aller Art, etwa „prachtvollen Erika und den schönsten Disteln,“ wie die Königin in einem Brief notiert. Anlässlich eines von ihr am 2. August 1888 initiierten Kinderfestes brachten sie Elisabeth vor der Villa Roth gar ein Ständchen.

Bei ihrer Abreise stiftete der Gast aus dem fernen Balkanland 1 000 Mark für eine Sylter Kinderheilstätte sowie für einen Gedenkstein auf dem Westerländer Friedhof der Heimatlosen. Er hat dort (inmitten von über 50 Holzkreuzen) noch heute seinen Platz und lädt mit seinem nachdenklich stimmenden Text zur Besinnung ein.

In einem Privatbrief gibt die Königin darüber hinaus ein Bild damaliger Beherbergungs- und Lebensgewohnheiten. In der Villa Roth, so Elisabeth, wohnt „eine Masse Kinder, man merkt sie aber nie.“ Das Gartenhäuschen des Hotels, von dem aus ihr Blick ungestört von jeglicher Bebauung direkt bis zum Friedhof der Heimatlosen schweifen konnte, findet sie „ganz reizend, mit bunten Scheiben und sehr gut und fein ausgewählten Büchern.“ Auch über ihre Wirtsleute äußert sie sich: „Der Mann, Herr Apotheker Roth (...) beschäftigt sich mit Holzschnitten, seine Frau sieht frisch und heiter aus.“

Ob das daran gelegen haben mag, dass in der so genannten „guten alten Zeit“ alles noch viel geruhsamer und „entschleunigter“ zuging? Vermerkt Elisabeth doch auch, dass auf Sylt „alles ganz still“ sei und man vor allem im Winter „mutterseelenallein in Eis und Schnee (lebe) ... und manchmal zehn Tage lang keine Post“ bekäme.

Noch im selben Jahr ihres Aufenthaltes erhielt der Weg, den die Königin so viele Male zum Friedhof der Heimatlosen gelaufen war, ihr zu Ehren den Namen Elisabethstraße. Ein Appartementhaus im Westerländer Zentrum trägt noch heute den Namen Carmen Sylva. Aber auch königliches Geschirr oder ein in Leder gebundenes Gäste- und Abrechnungsbuch, das Hotelier Hayo Feikes vom heutigen Hotel Roth voller Stolz hütet, erzählt von dem einstigen königlichen Besuch. Und natürlich der Gedenkstein auf der Westerländer Ruhestätte für die Gestrandeten, der nicht vergessen werden sollte.

 

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erstellt am 28.Aug.2013 | 14:23 Uhr

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