zur Navigation springen

Solidargemeinschaft auf Sylt : Kleine Hilfen für alte Menschen

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Eine Gruppe Senioren auf Sylt fordert Angebote zur Unterstützung im Alter. So genannte Kümmerer sollen im Auftrag der Gemeinde arbeiten

shz.de von
erstellt am 22.Apr.2015 | 05:34 Uhr

„In einigen Tagen beginnt mein 75. Lebensjahr, und das hat mich dazu bewogen, mir einige Gedanken im Hinblick auf ein menschenwürdiges Alter zu machen“, schreibt Traute Nierth Ende Juli 2013 in Morsum. Es sind ihre ersten Gedanken zu einer „freien Solidargemeinschaft“, die inzwischen seit rund einem Jahr besteht. Entstanden ist die Gemeinschaft aus dem Bedürfnis, für das eigene Alter eine Kontaktgruppe zu haben, die für nötige gegenseitige Hilfeleistungen bereit ist.

Unter dem Titel „Fehlende Angebote für kleine Hilfeleistungen im Alter“ ruft die Gruppe die Inselverwaltung jetzt dazu auf, so genannte Kümmerer auf Sylt einzusetzen. „Bei uns geht es um Probleme, die nicht unbedingt über die Pflegeversicherung zu lösen sind, wie Transporte, Einkaufsfahrten, Begleitung zu Arztbesuchen, Behördenschriftwechsel“, so die Gruppe. „Früher waren die Großfamilie oder Gemeindeschwestern für die älteren Leute da“, sagt Gruppenmitglied Gerd P. Werner (76). Das gäbe es heute so nicht mehr. Deshalb wollen sie lieber jetzt anfangen, sich um Unterstützung zu kümmern – bevor sie wirklich hilfebedürftig seien. Das Hauptanliegen der Mitglieder: Dass jeder so lange in seinem Haus oder seiner Wohnung leben kann wie er möchte.

Doch nicht nur der Gedanke in einigen Situationen Unterstützung zu bekommen spiele eine Rolle, sondern auch die Idee, dass Menschen im Alter eine Aufgabe haben, betont Traute Nierth (76). Die Hamburger Malerin lebt, mit Zwischenstopps im Allgäu, seit 1999 auf der Insel. Einzelne Gruppenmitglieder seien bereit, selbst ehrenamtlich mitzuhelfen, wenn es Engpässe gäbe und der Kümmerer ausgelastet sei.

Jeden letzten Sonnabend im Monat treffen sich die rund 20 Mitglieder, dessen Jüngstes noch unter 60 Jahre alt ist. Sie verstehen sich als Ort der gegenseitige Hilfe innerhalb der Gruppe, nicht als Angebot für Außenstehende. Die nun geforderten Gemeinde-Kümmerer würden jedoch von allen älteren Menschen auf Sylt gebraucht.

„Wir stellen uns jemanden vor, der das nicht wegen des Geldes macht, sondern Lust hat, das zu tun – Lust hat, sich zu Kümmern“, sagt Nierth. Eine gewisse soziale Kompetenz solle er oder sie haben und außerdem geduldig sein.

In anderen nordfriesischen Gemeinden wie Stedesand, Neukirchen, Galmsbüll, Bordelum sind schon erfolgreich Kümmerer im Einsatz. „Die Gemeinde Stedesand wollte etwas für die Senioren tun, die nicht mehr von ihren Familien betreut werden – aber ohne medizinischen oder verwaltungstechnischen Aufwand“, sagt Stephan Koth, Bürgermeister der Gemeinde. Seit drei Jahren ist eine Helferin rund 30 Stunden pro Monat im Einsatz – bezahlt wird sie von der Gemeinde.

„Ich fände es toll, wenn wir ein bis zwei Menschen auf Sylt hätten, die dieses Amt übernehmen“, sagt Nierth. Sie selbst habe schon mit dem Gedanken gespielt, die Insel zu verlassen und sich bei einem Projekt in Berlin-Tempelhof engagiert: „Schnell habe ich gemerkt, dass so eine große Sache nichts für mich ist“, berichtet Nierth und lacht. Kurzerhand wurde sie selbst aktiv und überlegte, was man auf Sylt bewegen kann. Auch eine gemeinsame Wohngemeinschaft planen einige Mitglieder: Die schwierige Suche nach einem bezahlbaren Haus auf Sylt blieb bisher jedoch erfolglos.

Gemeinde-Kümmerer sind Ansprechpartner und Vermittler zwischen Hilfsanfragen von Bedürftigen und Angeboten von zumeist ehrenamtlich Tätigen. Der Kreis Nordfriesland hatte 2011 eine „Strategie zur Abfederung des demographischen Wandels“ veröffentlicht. Diese habe auch dazu geführt, dass die einzelnen Gemeinden die Kümmerer ins Leben gerufen hätten, sagt Kreissprecher Hans-Martin Slobianka.

In kleinen Gemeinden brechen die familiären und dörflichen Versorgungsstrukturen allmählich weg – der Anteil der Menschen, die nicht mobil sind, steigt im Zuge des demographischen Wandels stetig. Ehren- und hauptamtliche Kümmerer könnten dafür sorgen, dass Menschen, die nicht pflegebedürftig sind, so lange wie möglich zu Hause wohnen bleiben können.

Auf eine Antwort der Inselverwaltung warten die Initiatoren noch. „Ich finde, das ist eine gute Sache, denn die Senioren kommen zu kurz hier bei uns“, sagt Katrin Schmidt vom Sozialzentrum/Jobcenter auf Sylt. Eine Alten-und Seniorenhilfe, die die Menschen bei Patientenverfügungen, Pflegeunterstützung oder Betreuungsversicherung berät, gäbe es ja bereits auf Sylt.„Aber ich werde dem Sozialausschuss vorschlagen, das Thema Kümmerer für Sylt bei seiner nächsten Sitzung am 18. Mai auf die Tagesordnung zu setzen. „Wir hoffen, dass in den Fraktionen der Sylter Kommunalparlamente dieser Vorschlag auf Zustimmung stößt“, sagen die Senioren.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen