Kolumne von Manfred Degen : Klassentreffen

Kabarettist Manfred Degen schreibt wöchentlich für die Sylter Rundschau.
Kabarettist Manfred Degen schreibt wöchentlich für die Sylter Rundschau.

In seiner Kolume berichtet Manfred Degen heute über ein Klassentreffen 50 Jahre nach dem Abschluss.

shz.de von
24. August 2018, 15:02 Uhr

„Herr Degen, Sie waren am Wochenende zum Klassentreffen. Fünfzig Jahre nach der Schulentlassung. Was ist denn aus Ihren Klassenkameraden geworden?“
Meine Banknachbarin, die Mechthild, ist Veganerin geworden. Immerhin. Sie verachtet Menschen, die Fleisch essen, Milch trinken oder Eier aus dem Hühner-KZ verzehren. Sie hat eine sehr schrille Stimme, aber keine Freunde. Niemand ruft bei ihr an.

„Ihr Jahrgang war auch ein schwieriger Jahrgang. Sie haben mir mal erzählt, dass Sie so alt sind wie der Seehofer.“

Tatsächlich, wir sind der Jahrgang der Abgehängten und Gescheiterten. Mein Mitschüler Oliver um Beispiel war Gründungsmitglied der „Piraten“. Da war er zuständig für den Shitstorm. Jetzt ist er mit seinen Rabauken im Politbarometer unter „Sonstige“. Nullkomma Soundso.

„Aber die Mädchen in Ihrer Klasse haben doch sicher alle reich geheiratet?“
Die Paula Petersen von schräg gegenüber wiegt wohl so um 170 Kilo. Sie erzählte, dass sie Coca-Cola auf fünf Millionen Euro Entschädigung verklagt hätte. Sie hätte seit Jahren fünf bis zehn Flaschen Cola getrunken – täglich. Und nun faulen ihr die Zähne weg. Aber sie würde jetzt den Kampf mit den amerikanischen Multis aufnehmen.

„Okay, eine schöne Herausforderung. Andere Frauen mit einer ähnlichen psychischen Disposition würden Kugelstoßerin geworden sein. Dann besser so.“
Wolf-Dieter, unser Klassensprecher, erzählte, dass er permanent vom Geheimdienst abgehört werden würde. Im Auftrag von der Merkel! Aus diesem Grunde hat er sich aus Alu-Folie einen Abwehrhelm gebaut. Den trägt er nun immer – auch Nachts, damit die Geheimagenten seine Träume nicht mehr aufzeichnen können.

„Das hört sich ja wirklich tragisch an. Aber die Anderen sind doch sicher alle gut drauf, gutlaunig, robust und dem Leben zugewandt … oder?“
Eher nicht. Die Almut, meine große Tanzstunden-Liebe, ist hypersensibel. Von meinem Deo bekam sie sofort Kopfschmerzen. Außerdem hört sie ständig Brummtöne, das Arbeitsamt hält sie für nicht mehr vermittelbar, ihr Mann ist ausgezogen und ihr Arzt will sie nicht mehr behandeln. Sie hat mich gefragt, ob ich mit ihr einen Tango-Tanzkurs machen würde. In Buenos Aires.

„Das macht doch Mut. Da versucht jemand, sich aus dem Morast seines bisherigen Lebens herauszuziehen. Aber, Herr Degen, gibt es denn auch Erfolgsgeschichten aus Ihrer Klasse zu berichten?“
Die Louise aus der letzten Reihe, die alte Petze, ist nun Gleichstellungsbeauftragte. Früher hatte ihre Gemeinde 9000 Einwohner und sie hat das ehrenamtlich gemacht. Dann ist das Nachbardorf eingemeindet worden, sie rutschten auf 11000 Einwohner und auf einmal war ihr Job hauptberuflich und Vollzeit, eigenes Büro, Sekretärin und Dienstwagen. Sie meinte, 38,50 Stunden pro Woche, das zieht sich hin. Aber irgendwie ist die Zeit dann doch totgeschlagen. Als ich ihr beiläufig - der Abend wurde lang - erzählte, dass ich oft so’n Ziehen in der Schulter hätte, meinte sie, das käme vom angeschalteten Handy in der Hose. Sie hätte da gute Kontakte zu den Taoisten und würde mit mir da mal ein Tantra-Kurs durchziehen. Danach würde das Ziehen in der Schulter dann aufhören. Nebenwirkungen? Ja, schon, meinte Louise, aber kein Problem, sie wäre dann ja da…
 

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