Asylbewerber auf Sylt : Kennenlernen durch die Musik

Im Teehaus singen Flüchtlinge und Insulaner gemeinsam.
Im Teehaus singen Flüchtlinge und Insulaner gemeinsam.

Jeden Mittwochabend singen Flüchtlinge und Sylter gemeinsam im Teehaus Janssen

shz.de von
27. Januar 2015, 06:00 Uhr

Draußen ist es kalt – mit klammen Fingern und roten Nasen trudeln immer mehr Menschen im Teehaus Janssen in der Strandstraße ein. Seit Mitte Januar lädt Sabine Krüger Flüchtlinge und Insulaner immer mittwochs zum gemeinsamen Musizieren ein. „aSylt“-Kreativabend nennt sie das fröhliche Beisammensein in Westerland auf Sylt. Das Ziel: Die bunt gemischte Truppe soll bald als richtige Band vor Publikum rocken. Integrationsprobleme? Im Teehaus zumindest scheint es sie nicht zu geben.

Abdimalik Mohamud Yusuf, Flüchtling aus Somalia, lebt seit rund sieben Monaten auf der Insel. Im Teehaus macht er gerade ein Praktikum. Er spricht gut Englisch und übersetzt für seine Landsleute, was Sabine Krüger der Gruppe erzählt. Singen kann Yusuf schon – auf der Gitarre spielen lernt er gerade.

Sabine Krüger sitzt hinter einem Mikrofon und stimmt mit ihrer Gitarre das erste Lied an. „Wo ein Mensch Vertrauen schenkt“ – Abdimalik übersetzt die Bedeutung der noch fremden Worte ins Arabische. Das stimmliche Engagement ist zunächst noch verhalten, das ändert sich jedoch schlagartig, als das englische „What shall we do with the drunken sailor“ geprobt wird. Und als ein landestypisches Lied angestimmt wird, erhebt selbst ein Mann, der vorher eher still war, die Stimme, seine Augen leuchten. Ob die Menschen gerade an ihre Heimat denken? Was wohl in ihren Köpfen vorgeht? Passend daran das nächste Lied an: „Die Gedanken sind frei“.

Rund 22 Menschen sitzen an diesem Abend dicht gedrängt auf Plastikstühlen: Sie kommen unter anderem aus Syrien, Kurdistan, Somalia und Armenien. Stühle werden in die vorhandenen Lücken geschoben, als immer mehr Menschen in das Lädchen strömen – Platz gibt es für alle. Es riecht nach Tee, Gewürzen und Wachs. Auf einer Holzkiste in der Mitte stehen zwischen Kerzen auch Datteln, Pistazien und Kekse.

Woher die Idee zu dem Projekt kam: „Wir hatten Lust, uns ehrenamtlich für Sylter Asylbewerber einzusetzen“, so die Initiatoren. Sabine Krüger findet, es sei wichtig, nicht nur Gegenstände und Geld zu spenden, sondern auch Zeit. Sich für Menschen aus fremden Ländern zu engagieren, ist neu für sie.

Ihre Tochter, Andrea Krüger, bestätigt: „Berührungsängste hatte ich am Anfang auch – die waren aber in fünf Sekunden weg. Ich bin mir sicher, das wird allen so gehen“, sagt die junge Frau, bevor sie wieder in ein Gespräch mit der 16-Jährigen Arira Hovhannisyan vertieft. In fließendem Deutsch erklärt das Mädchen aus Armenien, dass sie die Sprache bereits in der Schule in ihrem Heimatland gelernt hat. Schon bald würde sie auf ein Sylter Gymnasium gehen. „Wenn es klappt, komme ich jetzt immer zum Singen“, so Arira, die seit Oktober auf der Insel wohnt und mit ihrer Mutter Lusine gekommen ist. In der Stadt, aus der sie gekommen sei, ist es schlimm, so die 40-Jährige – mehr sagt sie nicht. Man merkt, der Schmerz über das Vergangene sitzt tief.

Aus ihren Unterkünften in Westerland, Keitum oder Tinnum werden die Leute abgeholt – dann können sie spontan entscheiden, ob sie mitwollen, sagt Bernd Frühling, der sich mit großem Engagement für die Integration der auf der Insel lebenden Asylbewerber, Flüchtlinge und Migranten einsetzt. „Ich finde es toll, dass sich hier auch die Leute aus den einzelnen Unterkünften untereinander kennenlernen.“ „Es wäre schön, wenn mehr Sylter kommen und die Leute nicht nur unter sich bleiben.“ Die Organisatorin und ihre Tochter nicht mitgezählt, sind außer Frühling fünf Insulaner gekommen.

Kräftig und gekonnt schlägt der Sylter Matthias Poppek auf die Trommel. Bei Sabine nimmt der Tischler Gesangsunterricht. „Singen ist universell. Ich find’s toll, dass die hier was für die Seele und den Kopf machen.“ Er überlegt, eine Holz-und Schmiedewerkstatt für die Neulinge anzubieten – die Gruppen dürften allerdings nicht groß sein. Seine Tochter Zoe singt sonst eher allein, aber die Texte gefallen ihr. „Das ist eine gute Erfahrung“ erklärt der Teenager.

Auch das Ehepaar Leber von der Integrationshilfe Sylt ist an diesem Abend gekommen. Alle Flüchtlinge, die an diesem Abend dabei sind, seien in ihren Kursen. „Wir sorgen in Verbindung mit der VHS dafür, dass sie fünf Mal pro Woche Deutsch lernen“, sagt Leah Leber. Auch zum Arzt oder anderen Terminen würden sie die Menschen begleiten, denen die deutschen Sprachkenntnisse noch fehlen, fügt ihr Mann Joachim hinzu.

Bis zum nächsten Treffen sollen die Teilnehmer die deutschen Texte üben und sich die Lieder im Internet anhören. Ein Mann aus Syrien nimmt die Lieder mit seinem Handy auf – so kann er sie jederzeit abspielen und die Melodie verinnerlichen. „Die deutschen Lieder haben eine Integrationsfunktion, aber auch Lieder in der Landessprache der Flüchtlinge sind wichtig, damit sie wissen, dass wir auch deren Kultur ernst nehmen“, sagt Sabine Krüger zufrieden, als sich nach zwei Stunden von dem letzten Laien-Musiker an diesem Abend verabschiedet hat.

Jeden Mittwoch um 20 Uhr öffnet das Teehaus Janssen (Strandstraße 28, Westerland auf Sylt) zum gemeinsamen Musizieren – willkommen ist jeder, der Lust auf Singen hat.


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