Sylter Konzertsommer : Kein Weg zurück zur Klassik

Thomas Quasthoff (58) tritt bei einer Lesung und einem Jazzabend vor das Sylter Publikum.
Thomas Quasthoff (58) tritt bei einer Lesung und einem Jazzabend vor das Sylter Publikum.

Im Interview erklärt der weltweit gefeierte Bass-Bariton Thomas Quasthoff, warum er sich nun auf den Jazz konzentriert

shz.de von
16. August 2018, 04:23 Uhr

Aus der Klassikszene hat sich der Sänger Thomas Quasthoff zurückgezogen. Seine CD „Nice ’n’ Easy“, die der Wahl-Berliner mit der NDR-Bigband und seinem Trio aufgenommen hat, lässt keinen Zweifel daran, wo er sich jetzt musikalisch zuhause fühlt: im Jazz. Wenn sich der 58-Jährige Standards wie „Cry me a River“ vornimmt, macht er dabei durchaus eine gute Figur. Am Donnerstag, 30. August, kann sich das Publikum im Rantumer Meerkabarett davon überzeugen. Schon am kommenden Sonntag kommt er zu einer Lesung nach Morsum.

Herr Quasthoff, was halten Sie von Sylt?

Ich mag die Insel sehr gerne. Als ich das Konzertangebot bekam, habe ich mich gleich entschieden, dort einen Kurzurlaub zu machen.

Wo werden Sie wohnen?

In einer Ferienwohnung in Hörnum. Vom Wohnzimmer aus kann ich aufs Meer gucken. Das ist genau das Richtige für mich. Ich genieße Sylt lieber ohne Schickimicki.

War das schon in Ihrer Jugend so?

Als Junge war ich mit meiner Familie oft auf Norderney. Sylt habe ich erst später entdeckt.

Dafür haben Sie bereits mit 13 Jahren Ihr Gesangsstudium aufgenommen.

Ich hatte das große Glück, eine Begabung mit auf den Weg bekommen zu haben. Ab einem gewissen Punkt war ich so gut, dass ich völlig zu recht mit den Wiener oder Berliner Philharmonikern aufgetreten bin.

Trotzdem haben Sie 2012 Ihre Karriere als klassischer Sänger beendet.

Mein Bruder hatte Krebs. Nachdem mir sein Arzt gesagt hatte, wie schlimm es um ihn stand, war meine Stimme weg. Ich konnte ein Jahr lang nicht singen. Deswegen war es für mich konsequent, mich aus der Klassik zurückzuziehen.

Diesen Entschluss könnten Sie wieder revidieren.

Nein. Ich habe meine Entscheidung ja nicht aus dem Bauch heraus getroffen, sondern ganz bewusst. In der Klassik habe ich alles erreicht: drei Grammys, einen europäischen Kulturpreis, einen Karajan-Musikpreis. Was soll da noch kommen? Zudem ist der Klassikbetrieb sehr oberflächlich geworden. Junge Sänger, die nicht Jonas Kaufmann oder Klaus Florian Vogt heißen, müssen hart kämpfen, um überhaupt von ihrem Beruf leben zu können. Obgleich einige durchaus genauso gut wie die Stars dieser Branche sind. Zum Glück ist im Jazz alles ein bisschen entspannter. Das finde ich sehr angenehm.

Klingt Ihre CD „Nice ’n’ Easy“ deshalb so ungezwungen?

Ich wollte mit meinem Album nicht die Jazzwelt verändern. Es soll den Leuten einfach Spaß machen, meine Musik zu hören.

Warum haben Sie neben einigen Standards auch den John-Lennon-Song „Imagine“ aufgenommen?

Weil er zeitgemäß ist. Leider gibt es in unserem Land wieder rechtsradikale Tendenzen. Das bereitet mir Sorgen. Ich gehöre nämlich zu den Menschen, die an eine friedliche Welt glauben. Darum erschien es mir angemessen, mit dem letzten Stück für den Frieden zu plädieren.

Würden Sie gern in der Gesellschaft leben, die Lennon in „Imagine“ aufzeigt – ohne Religion, ohne Nationalismus, ohne Privateigentum?

Ohne Besitz möchte ich nicht sein. Schließlich habe ich mir das, was mir gehört, erarbeitet. Aber Religion halte ich tatsächlich für keine gute Grundlage für einen Staat – das führen uns Länder wie die Türkei oder der Iran vor Augen. Für mich haben Demokratie, Meinungsfreiheit und Bildung absolute Priorität.

Interview: Dagmar Leischow

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