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Kein Unterricht mehr mit Fernsicht nach Föhr

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Anfang der 1970er Jahre wurde unser Autor Martin Tschepe in der Hörnumer Grundschule eingeschult / Mehr als vierzig Jahre später kehrt er zurück und begibt sich auf Spurensuche

shz.de von
erstellt am 10.Dez.2016 | 04:32 Uhr

„Es ist ein Trauerspiel: Unsere alte Grundschule mit dem grandiosen Hafenblick steht leer“ – ein wehmütiger Rückblick von Martin Tschepe


Wie konnten wir damals bloß etwas mitbekommen vom Unterricht? Mathe lernen? Bei dieser Aussicht? Gedichte pauken? Wenn man doch aus den großen Fenstern unserer Hörnumer Schule hinüber schauen konnte – hinüber bis zur Nachbarinsel Föhr. Oder die Hafenarbeiter beobachten. Oder die Ausflugsschiffe und die Krabbenkutter beim Auslaufen. Zuschauen und in Gedanken schwelgen. Und wenn es nur der Gedanke an den nächsten Nachmittag mit den Kumpels am Strand war.

Solche Überlegungen beschleichen mich, als ich an diesem kalten, sonnigen Herbsttag um das leer stehende Gebäude auf der großen Düne über den Hafen herumschleiche, ein bisschen ehrfurchtsvoll und, ja, auch wehmütig. Lange her. Anfang der 1970er-Jahre eingeschult. In Hörnum wohnten damals viele Kinder. Jedenfalls genügend, um zusammen mit den Nachbarn aus Rantum die Klassen zu füllen. In den Pausen war auf dem Schulhof die Hölle los. Und heute? Trostlose Leere. Immer. Tag aus, Tag ein. Gut, gelegentlich wird das Schulhaus genutzt, etwa im Sommer bei Surfworkshops. Und die Turnhalle ist auch noch in Betrieb.

Ganz offenkundig haben wir trotz der exponierten Lage des Schulhauses und des Weitblick viel gelernt damals. Wir haben die Klassen durchlaufen, haben zum Beispiel bei Herrn Pahl in Heimatkunde erklärt bekommen, wie Deiche gebaut werden. Haben bei Frau Kosin gerechnet, haben gekocht und sogar genäht. Zum Sportunterricht sind wir im Sommer gelegentlich mit einem Kleinbus zum benachbarten und umzäunten Kasernengelände der Bundeswehr chauffiert worden. Auch das Militärareal ist längst Geschichte, wie unsere schöne Schule.

Wir sind später auf weiter führende Lehranstalten gegangen, in Westerland oder wo auch immer. Haben Berufe gelernt oder studiert, sind Handwerker oder Krankenschwestern geworden, Informatiker oder eben Journalisten.
Das Schulhaus hat bessere Tage erlebt. Die Fassaden: Verwittert. Die Fenster: Wurden schon lange nicht mehr geputzt. Die Räume: Sehen durch die Fenster betrachtet teilweise so aus, als hätten die Lehrer und Schulkinder das Gebäude erst kürzlich verlassen. In einem Raum sind die Tische und Stühle gestapelt, scheinen nur darauf zu warten, dass wieder Leben einzieht in die Bude. Ein anderer Raum ist gut gefüllt mit Neoprenanzügen und Surfbrettern – die aber werden wohl erst im kommenden Sommer wieder verwendet, beim nächsten Workshop.
In der verglasten Fassade der Turnhalle, die vom örtlichen Sportverein genutzt wird, spiegelt sich die tief stehende Novembersonne. Über dem Eingang steht in bunten Buchstaben ein Wort geschrieben: „Sport“. Doch die Farbe blättert ab. Vor einem anderen Eingang hat jemand einen Eimer gefüllt mit bunter Kreide abgestellt. Wann diese Kreide wohl letztmals in Gebrauch war? Vielleicht während der Malkurse für Kinder, die laut Aushang in dem Gebäude gelegentlich stattfinden.
In der imposanten Hauszeile auf der Hafenseite spiegeln sich die Schiffe in den Fenstern. Ein grandioser Anblick – und ein trauriger zugleich. Das sagt auch Heinz. Heinz Schulte. Wir sind anno dazumal zusammen in Hörnum zur Schule gegangen. Wir waren beste Kumpels, sind oft nach dem Unterricht am Weststrand schwimmen gegangen, auch bei Wind und Wetter, haben in den Dünen eine Hütte zum Übernachten gebaut. Wir hatten uns gut 40 Jahre lang aus den Augen verloren. Und haben uns jetzt wieder gefunden, bei Facebook. „Schade, dass die Schule zu ist“, sagt Heinz. Er arbeitet im Fünf-Städte-Heim in Hörnum, lebt zurzeit in einem Wohnwagen auf dem Campingplatz in Morsum – und ist mal wieder auf der Suche nach einer neuen Bleibe auf Sylt. Vom Festland einpendeln will Heinz nicht, auch wenn das so viele Menschen wegen der völlig verrückten Mietpreise auf Sylt zwangsläufig machen müssen.
Könnte im leer stehenden Schulhaus womöglich Wohnraum geschaffen werden? Für Sylter wie Heinz. Zumindest vorübergehend und provisorisch – bis die Kommune beschlossen hat, wie es weiter geht mit der Immobile, auf die ganz bestimmt schon einige höchst potente Investoren mehr als nur ein Auge geworfen haben. auch dieser Gedanke kommt mir in den Sinn, als wir etwas bedröppelt von der Düne mit dem grandiosen Föhrblick schleichen.


Martin Tschepe ist in Hörnum zur Schule gegangen, arbeitet als Redakteur bei der Stuttgarter Zeitung und schreibt gelegentlich auch für die Sylter Rundschau.

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