Sylter Fussballverein : Kein Platz für schwächere Kinder?

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Der Sportclub Norddörfer kämpft mit kurzfristigen Absagen seiner jungen Fußballer.
Der Sportclub Norddörfer kämpft mit kurzfristigen Absagen seiner jungen Fußballer.

Schreiben des Fußball-Jugendtrainers des Sportclubs Norddörfer (SCN) stößt bei Eltern auf heftige Kritik.

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25. August 2019, 19:39 Uhr

Wenningstedt | In Deutschland nehmen die chronischen Erkrankungen in erschreckendem Maße zu: Jedes sechste Kind ist mittlerweile chronisch krank, leidet unter Diabetes, Allergien oder anderen Beschwerden.

Bewegung und Sport seien daher wichtig und auch von besonderer Bedeutung für die gesamte Entwicklung des Kindes, sein Selbstwertgefühl und seine Selbstständigkeit, konstatiert die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Dass in der Sparte Jugendfußball des Sportclubs Norddörfer (SCN) indes Kinder mit chronischen Erkrankungen, die nicht regelmäßig am Training und an Punktspielen teilnehmen, nicht mehr erwünscht sind, sorgt für einigen Wirbel.

Auslöser ist das Schreiben des Jugendtrainers Wolfgang Beese an die Elternschaft. Darin heißt es unter anderem: „Der Verein ist verpflichtet, an den von den Fußballverbänden vorgegebenen Terminen teilzunehmen. Nichtantritt bedeutet nicht nur Punktabzug, sondern wird auch mit einer hohen Geldstrafe belegt.

Die Mitwirkung im SC Norddörfer setzt eine regelmäßige Trainingsteilnahme und die Einhaltung der Spieltermine voraus. Kurzfristige Absagen am Spieltag sind inakzeptabel, da kein Ersatz gestellt werden kann. Da die Absagen überwiegend bei Auswärtsfahrten getätigt werden, ist ihr Wahrheitsgehalt mehr als fraglich.

Sind die Pflichtanforderungen wie regelmäßige Trainings und Spielteilnahme aus verschiedenen Gründen (chronische Erkrankungen, Terminprobleme wegen mehrerer Sportarten usw.) nicht möglich, ist ein Mitwirken im SC Norddörfer nicht erwünscht. Ab sofort wird der Verein nach den erforderlichen Kriterien verfahren und eine Mitgliedschaft ablehnen oder durch Vorstandsbeschluss beenden.“

Worte, die einige Eltern auf die Palme bringen. Ein Vater gegenüber unserer Zeitung: „Als ich den Brief las, war ich ein Stück weit fassungslos. Man darf doch nicht gesundheitlich schwächere Kinder aus einem Sportverein werfen, nur weil sie aus gesundheitlichen Gründen mal beim Training oder Punktspiel fehlen, zumal sie ja keinem gesunden Kind den Platz wegnehmen. Sport ist doch gerade für Kinder mit gesundheitlichen Problemen besonders wichtig und deshalb finde ich die Formulierungen und die Aussagen des Trainers extrem befremdlich.“ Wie er selbst würden nach seiner Kenntnis auch andere Eltern nun die Abmeldung ihres Kindes erwägen.

Bestürzt über den Vorgang zeigten sich die beiden SCN-Vorsitzenden Steffi Böhm und Katrin Fifeik, die von dem Schreiben keine Kenntnis hatten. „Wir widersprechen diesem Brief ganz deutlich und distanzieren uns davon. Es muss sich dabei um einen Alleingang des Trainers handeln. Gerade ein Sportverein hat die Aufgabe und auch die Pflicht, nicht nur die Starken, sondern auch die Schwächeren mitzunehmen.“

Auch die geschäftsführende SCN-Vorsitzende Anna Catrin Krause bedauert „die sicherlich unglückliche Wortwahl“. Doch habe sich hier offenkundig etwas aufgestaut: „Man muss auch die Hintergründe kennen: Wir hatten gerade in den vergangenen Monaten extrem viele Absagen bei Auswärtsspielen, zum Teil gerade mal eine halbe Stunde vor Abfahrt. Wiederholt mussten deshalb Spiele abgesagt und Strafgelder gezahlt werden.“ Gleichwohl stellt Anna Catrin Krause klar: „Selbstverständlich sind Kinder mit chronischen Erkrankungen auch weiterhin willkommen.“

Beim größten Sylter Fußballverein, dem Team Sylt, spielen mehrere Kinder und Erwachsene mit chronischen Krankheiten. „Alle Betroffenen sind in den alltäglichen Spiel- und Trainingsbetrieb integriert“, betont der Vorsitzende Ralf Westphal. „Wir sehen genau diese ‚Alltäglichkeit‘ als enorm wichtig an. Denn Fußballteams sind auch Sozialgemeinschaften und diese können im Umgang miteinander eben auch Verständnis für Themen wie Krankheiten aufbringen. Kurz gesagt: Integrationsarbeit und die Vermittlung von Sozialkompetenzen sind Felder, auf denen Mannschaftssportarten gut unterwegs sein können, und denen sich Trainer, Betreuer und Eltern im Team Sylt verpflichtet sehen.“

Die Hinweise, dass einige Eltern ihre Kinder beim SCN-Jugendfußball abmelden wollen, kann Westphal indes bestätigen: „Mehrere Kinder haben ihr Training bei uns aufgenommen.“

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