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Johanniter auf Sylt : „Kein Bedarf für Sylter Alten-WG“?

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Die Johanniter finden keine Klienten für ihre ambulanten Wohngemeinschaften. Doch die Politiker kritisieren zu hohe Preise und falsche Bedarfsplanungen.

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erstellt am 25.Okt.2017 | 05:29 Uhr

„Heimbewohner dringend gesucht“ – so die Schlagzeile der Sylter Rundschau vom 24. Juni zum Auftakt einer groß angelegten Informations- und Anzeigenkampagne des Johanniter Pflegedienstes für seine beiden „Alten-WGs“ am Standort Steinmannstraße. Seitdem sind exakt vier Monate vergangen und das bittere Fazit lautet: „Wir sind voll handlungsfähig, alle personellen und räumlichen Voraussetzungen sind erfüllt. Aber bisher hat sich bei uns leider kein einziger Interessent für die ambulanten Wohngemeinschaften gemeldet“, sagte Herbert Voedisch auf Anfrage unserer Zeitung. Mindestens sechs bis sieben Klienten für die insgesamt 22 Plätze seien jedoch erforderlich, um überhaupt starten zu können, so der Johanniter-Geschäftsführer. Über die Gründe des mangelnden Interesses an dieser, auf der Insel völlig neuen Wohnform für ältere pflegebedürftige Menschen, möchte Voedisch nur spekulieren: „Es könnte an den Preisen liegen, es könnte aber auch daran liegen, dass auf Sylt gar kein Bedarf nach ambulanten Wohngemeinschaften besteht. Es könnte aber auch sein, dass wir noch besser darüber informieren müssen ...“

In der Alten-WG sollen die Klienten in einem gemeinsamen Hausstand leben. Jeder Mieter erhält ein zirka 20 Quadratmeter großes Zimmer mit barrierefreiem Bad. In ihren Tagesabläufen wird die Wohngemeinschaft von einer Präsenz- und Hauswirtschaftskraft unterstützt. Eine offene Wohnküche und ein Aufenthaltsbereich je Wohngruppe sowie Terrasse und Garten können für gemeinschaftliche Aktivitäten genutzt werden. Prägendes Element sei die Selbstbestimmtheit der Mieter, so Voedisch. Sie könnten entscheiden, was sie selbst oder durch Angehörige erledigen will, wie Einkaufen oder gemeinsames Kochen. In einem Vertrag werden individuell benötigte Leistungen vereinbart, die durch einen Pflegedienst erbracht werden. Dazu gehören zum Beispiel Unterstützung bei der Körperpflege, aber auch Leistungen wie Verbandswechsel oder Medikamentengaben.

Dies alles kostet natürlich – abzüglich der Erstattungen durch die Krankenkassen verbleibe ein Eigenanteil pro Mieter in Höhe von knapp 1600 Euro, sagen die Johanniter. Der Sylter Gemeindevertreter Hicham Lemssiah, selbst Mitarbeiter eines Pflegedienstes, gibt allerdings zu bedenken, dass je nach Pflegegrad bis zu 1000 Euro zusätzliche Kosten entstehen könnten. „Diese Preise sind im Vergleich zum Festland viel zu hoch“, kritisiert der Fraktionschef der „Insulaner“. Grundsätzlich sehe er das Angebot ambulanter Wohngruppen kritisch: „Das passt einfach nicht zum Bedarf auf Sylt. Das Problem liegt ganz woanders: Wir brauchen hier deutlich mehr stationäre Pflegeplätze.“ Kommunalpolitiker Lemssiah verweist beispielsweise auf die steigenden Zahlen der Demenzerkrankten auf Sylt: „2015 hatten wir bereits 380 Personen, bis 2030 soll deren Anzahl auf 460 steigen.“ Insgesamt wären laut Statistikamt Nord auf der Insel bereits jetzt 27 Prozent über 65 Jahre, also im pflegerelevanten Alter – Tendenz steigend. Vorhanden seien auf Sylt aktuell aber nur noch 64 stationäre Plätze, alle belegt. „Da muss etwas passieren, dringend etwas getan werden – solche Alten-WGs können bestenfalls ein Zusatz sein, aber kein Ersatz.“

Noch düsterer sieht Eberhard Eberle (SPD)die Lage: „Die ambulanten Wohngruppen der Johanniter können wir wohl abhaken. Die sind einfach zu teuer und ganz offensichtlich will da ja auch niemand hin“, erklärte der Vorsitzende des Sozial- und Gesundheitsausschusses der Gemeinde Sylt. „Eher bleiben die Menschen so lange es irgendwie geht zuhause und dann kommt gleich der Übergang in die stationäre Pflege.“

Für wesentlich dringlicher hält Eberle dagegen das Modell einer Tagespflege, das vor allem der zumindest zeitweisen Entlastung pflegender Angehöriger dienen soll. Auch diese Form der Betreuung wurde von den Johannitern in Aussicht gestellt: Bereits im Juli, spätestens im August, sollte eine montags bis freitags von 8 bis 16 Uhr geöffnete Tagespflege mit 15 Plätzen eingerichtet werden. Das Angebot sei für betreuungsbedürftige Menschen gedacht, die weiter in ihren eigenen vier Wänden leben, aber den Tag nicht alleine verbringen möchten, so Herbert Voedisch. Aber außer einem „Tüddeltag“ im Monat für Demenzkranke findet ebenfalls am Standort Steinmannstraße noch immer nichts statt. Der Grund laut Johanniter-Geschäftsführer: „Uns fehlte schlichtweg das Personal, um starten zu können. Wir brauchen für die Tagespflege drei Mitarbeiter, darunter eine leitende Pflegefachkraft – eben die war nicht so einfach zu bekommen.“ Nunmehr sei aber eine Lösung gefunden: „Wir können also beginnen. Noch in dieser Woche wird alles auf den Weg gebracht, spätestens am 1. November geht es los.“

Eberhard Eberle hofft, dass die Johanniter zu ihrem Wort stehen und baldmöglich auch die Kostenstruktur ihrer Tagespflege bekannt geben. „Man sollte doch offen miteinander umgehen. Wir Politiker wollen doch behilflich sein“, so der Ausschussvorsitzende. „Das muss ja nicht zwingend im Rathaussaal geschehen. Man kann sich ja auch im kleinen Kreis treffen und Tacheles reden, damit das jetzt endlich erfolgreich in Gang kommt.“

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