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Bahnverkehr nach Sylt : „Kapazitäten frei“ im Sylt Shuttle Plus

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Seit Dezember 2015 nervt der Rangierbetrieb für den Autozug-Anhänger die Anwohner.

shz.de von
erstellt am 09.Sep.2017 | 04:36 Uhr

Die Meldung machte am Mittwochmorgen blitzschnell die Runde: „Der Geisterzug ist in Niebüll entgleist!“ war bei Facebook zu lesen, der Zugverkehr zwischen Niebüll und Bredstedt wurde eingestellt, Hunderte Reisende mussten in Busse umsteigen. Geisterzug – das ist im Inseljargon der Name für den „Sylt Shuttle Plus“ der Deutschen Bahn. Das ungeliebte Anhängsel an den Autozug, in dem nur selten jemand mitfährt. Wie lange will die Bahn sich diesen Unsinn noch leisten?

Bei dem Zugunglück in Niebüll kam niemand zu Schaden, der Triebwagen war bei der Rangierfahrt bis auf den Fahrzeugführer leer. Der Wagen war an einer Weiche mit seinen beiden Achsen auf verschiedene Gleise geraten und stand schräg auf zwei Gleisen. Die Bundespolizei ermittelt noch, wie es zu dem Malheur kommen konnte. Zwischen 7.52 Uhr und 8.59 Uhr war die Strecke zwischen Niebüll und Husum gesperrt. Die Folge: 19 Züge fielen aus oder fuhren mit Verspätung.

Rangierfahrten, die auf Sylt und in Niebüll nicht nur die Anwohner nerven. Der Sylt Shuttle Plus besteht aus zwei Wagen, die zwischen Westerland und Bredstedt, Husum oder am Wochenende einmal auch Hamburg-Altona pendeln. Laut DB-Pressesprecher Egbert Meyer-Lovis fährt der „SSP“ bis zu 44 Mal täglich. In Niebüll wird der Personenzug an den Autozug angehängt, in Westerland wieder abgehängt und umgekehrt. Durch das An- und Abkuppeln dauert die Fahrt deutlich länger als mit dem Regionalexpress. Weil im SSP nur Tickets aus dem Fernverkehr gelten, ist die Fahrt meistens sogar noch teurer. In der Hochsaison nutzten doch einige Fahrgäste die beiden Triebwagen, etwa weil sie ihre Fahrräder mitnehmen durften oder weil im 16.38 Uhr-SSP bis letzte Woche auch Pendlertickets akzeptiert wurden.

Die Folge: Durch den Rangierverkehr ist der beschrankte Bahnübergang am Königskamp in Tinnum häufig geschlossen, es kann eine Viertelstunde dauern, bis Fußgänger, Radler und Autofahrer ihren Weg fortsetzen können. „Hier wird eine Lebensader unseres Dorfes durch Rangierfahrten blockiert“, klagt der Tinnumer Ortsbeiratsvorsitzende Manfred Uekermann. Besonders ärgerlich, weil der Königskamp von vielen Kindern auf dem Weg zur Grundschule genutzt wird. Der Sylt Shuttle Plus sei von der Bahn ins Leben gerufen worden, „um sich Vorteile bei der Trassenvergabe zu erschleichen,“ erinnert Uekermann. Mit diesem Trick war es der Bahn im Vergabeverfahren 2015 gelungen, sich den Zuschlag für den größten Teil der Autozugtrassen zu sichern und damit den neuen Konkurrenten RDC auszustechen. Denn die Trassen werden auch danach vergeben, wie weit ein Zug fährt.

„Für uns ist der Sylt Shuttle Plus so überflüssig wie ein Kropf“, sagt der Sylter Bürgervorsteher Peter Schnittgard. „Er mag wirtschaftlich sein für die Bahn, aber für Sylt von Nachteil.“ Der Niebüller Bürgermeister Wilfried Bockholt pflichtet ihm bei: „Außer dem Wettbewerbsvorteil der DB kann ich im SSP auch keinen Sinn erkennen.“ Schnittgard sieht keinen Grund, warum der SSP weiterbetrieben werden sollte. Aber auch der neue Autozug-Anbieter RDC bekommt sein Fett weg: „Wann setzt RDC endlich Doppelstockwagen ein?“, erinnert der Bürgervorsteher an frühere Aussagen des US-amerikanischen Eisenbahnunternehmens. Seit Betriebsstart am 18. Oktober 2016 setzt RDC nur einstöckige Flachwagen für den Autotransport ein – und damit fehlt gerade in der Hochsaison wichtige Transportkapazität zwischen Niebüll und Westerland – es kommt zu Staus.

„Staus sind immer lästig, für unsere Fahrgäste ebenso wie für die Mitarbeiter. Zahlen zeigen aber, dass unser zusätzliches Fahrtangebot hier nicht die wesentliche Ursache ist. Wenn wir im Staufall 80 Fahrzeuge gegenüber 160 bei der DB transportieren, verlängert dies die Warteschlange um etwa 400 Meter. In diesem Sommer wie auch in vielen zuvor stauen sich die Fahrzeuge zeitweise aber über mehrere Kilometer Länge – bis zurück zur B199 und B5. Da aber natürlich jeder zusätzliche Meter Stau ärgerlich ist, arbeiten wir unter Hochdruck daran, endlich Doppelstockwagen anbieten zu können. Diese lassen sich jedoch leider nicht kurzerhand  ,von der Stange’ kaufen“, sagt Meike Quentin. Die RDC-Pressesprecherin bittet daher noch um Geduld und kündigt an: „Mit dem Fahrplanwechsel ab 10. Dezember bieten wir deutlich mehr Fahrten und eine bessere, kundenfreundliche Taktung über den Tag verteilt an." Angebotslücken, wie derzeit noch ab Niebüll zwischen 13.30 Uhr und 16.30 Uhr, sollen dann der Vergangenheit angehören. Keine Zukunft hat aber dagegen der späte Autozug, der in der Hauptsaison donnerstags bis sonnabends um 22 Uhr ab Niebüll und um 23.05 Uhr ab Westerland angeboten wurde. Er fährt zum Saisonende am 16. September zum vorerst letzten Mal – die Nachfrage nach der Spätzugverbindung war zu gering.

Doch der RDC-Geschäftsführer Markus Hunkel hat noch ein Ass im Ärmel, um den Andrang in der Hochsaison besser zu bewältigen: „Was gerade in Westerland bei Stau helfen würde, wäre die gegenseitige Anerkennung von Tickets. Seitens RDC würden wir dies begrüßen." Insgesamt schaut der blaue Autozug Sylt zufrieden auf seine erste Hauptsaison. „Mit durchschnittlich mehr als 500 Fahrzeugen pro Tag sind wir solide unterwegs und freuen uns, dass sich jede Woche mehr Fahrgäste für uns entscheiden."

Was den SSP angeht, weist DB-Pressesprecher Egbert Meyer-Lovis die Kritik der Kommunalpolitiker zurück: „Der Sylt Shuttle Plus verkehrt seit Dezember 2015 mit positiver Entwicklung.“ Die Züge hätten wesentlich dazu beigetragen, dass der Personenverkehr nach Sylt aufrechterhalten werden konnte. „Die Auslastung ist aus unserer Sicht okay; wir haben aber noch Kapazitäten frei.“

„Es ist kein Geheimnis, dass der Sylt Shuttle Plus zumindest bisher recht wenige Fahrgäste hat“, weiß auch der neue Kieler Verkehrsminister Bernd Buchholz. „Und es ist auch kein Geheimnis, dass die Erfindung des SSP der DB sehr geholfen hat, die gewünschten Trassen für den Autozug zu bekommen.“ Buchholz bekennt: „Ein großer Fan dieses Angebotes bin ich ganz sicher nicht.“ Allerdings müsse man auch zugestehen, dass „die Fahrzeuge in der schwierigen Situation nach dem Ausfall der Marschbahnwagen sehr geholfen haben und auch heute, zumindest bei Störungen, für die Pendler hilfreich sind.“ Das grundsätzliche Problem des Syltverkehrs liegt seiner Ansicht nach vor allem in der begrenzten Infrastruktur. „Hier muss dringend etwas passieren.“

 

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