Kindermangel auf Sylt : Kampen schließt seinen Kindergarten

Wie die Tinnumerin Alexandra Roeder mit Sohn Philipp nutzen fast nur noch ortsfremde Familien den Kampener Kindergarten.
Wie die Tinnumerin Alexandra Roeder mit Sohn Philipp nutzen fast nur noch ortsfremde Familien den Kampener Kindergarten.

143.000 Euro Zuschuss, aber keine Kinder mehr: Die Gemeindevertretung Kampen beschließt das Aus für den Sommer 2015. Stattdessen will die Gemeinde mit dafür sorgen, dass bald wieder junge Familien den Weg nach Sylt finden. Dafür braucht Kampen aber bezahlbaren Wohnraum.

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07. März 2014, 06:00 Uhr

Der Kindermangel auf Sylt fordert sein nächstes Opfer: Nach der Geburtsstation der Nordseeklinik und der Morsumer Grundschule ist nun auch das Aus des Kampener Kindergartens beschlossene Sache. Am Montagabend hat die Gemeindevertretung einstimmig entschieden, die kleinste Kindertagesstätte der Insel zum Sommer 2015 zu schließen. Der Grund: In dem idyllischen Reetdachhaus am Rande des 500-Einwohner-Ortes wird ab diesem Sommer kein einziges Kampener Kind mehr betreut werden – derzeit sind es noch vier.

Die Enttäuschung und Trauer war am Montag dennoch groß, da sich der kleine Kindergarten mit seinen 22 Plätzen nach wie vor großer Beliebtheit erfreut. Nur eben bei Eltern aus anderen Inselorten. „Wir sind die einzige Gemeinde in Nordfriesland, die einen Kindergarten für ortsfremde Kinder vorhält“, machte Bürgermeisterin Steffi Böhm am Montag deutlich. Und genau darin liegt für die Gemeinde das Hauptproblem. Weil es in den Wohngemeinden der Kampener Kindergartenkinder ausreichend freie Kitaplätze gibt, erhält Kampen von dort keine Ausgleichszahlungen für die ortsfremden Kinder. Zugleich sinkt mit der Zahl der Kampener Kinder auch der Zuschuss vom Kreis Nordfriesland. Unterm Strich kostet der Kindergarten die Gemeinde in diesem Jahr 143.000 Euro – bei frei verfügbaren Mitteln von gerade einmal 220.000 Euro.

Eine Situation, die lange absehbar war und sich in den letzten Jahren zugespitzt hat. „Dass wir erst jetzt diese Entscheidung treffen, zeigt, wie schwer sie uns fällt“, sagte Böhm angesichts zahlreicher Eltern, die der seit längerem befürchteten Entscheidung beiwohnten. Bei ihnen regierte vor allem das Unverständnis darüber, dass ausgerechnet „der beliebteste Kindergarten der Insel“ geschlossen wird und es kein insulares Konzept gebe, das dessen Erhalt ermögliche. Eine Sichtweise, die Böhm so nicht gelten lassen wollte. „Ich maße mir nicht an, die anderen Kindergärten schlecht zu reden.“ Warum es denn unbedingt Kampener Kinder sein müssten, wo man doch froh sein könne, wenn überhaupt Kinder im Ort seien, wollte eine Zuhörerin wissen, woraufhin Dirk Erdmann als Finanzausschussvorsitzender darauf hinwies, dass er den Kampener Bürgern gegenüber für deren Steuergelder gerade stehe.

Auf das Grundproblem wies Gemeindevertreter Sven Scheppler hin, indem er betonte, dass die Gemeinde das Geld besser nutzen könnte, um weiteren bezahlbaren Wohnraum für junge Familien zu schaffen. Denn daran fehlt es in der Gemeinde, seit vor zwölf Jahren der Wallhof für zehn Familien gebaut wurde, deren Kinder mittlerweile jedoch aus dem Kindergarten- und Grundschulalter heraus sind. Die bundesweit höchsten Immobilienpreise, immer mehr Zweitwohnsitze sowie der gesellschaftliche Trend zu immer weniger Kindern haben dazu geführt, dass es in Kampen ab diesem Sommer gerade noch zwei Kinder geben wird, die noch nicht zur Schule gehen. Daran wird auf absehbare Zeit auch das insulare Wohnraumentwicklungskonzept nichts ändern können, das für Kampen einen Bedarf von 62 zusätzlichen Wohnungen in den kommenden zehn Jahren ermittelt hat. Die würde die Gemeinde lieber heute als morgen bauen – wenn sie die entsprechenden Grundstücke hätte. Folgerichtig wird der Kindergarten nach seiner Schließung zu Dauerwohnraum werden, wie Erdmann ankündigte. Sollte dort eine Familie mit kleinen Kindern einziehen, wird es für die im Nachbardorf Braderup einen Platz im Bauernhof-Kindergarten geben.

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