Präparate von getöteten Kindern : Junge Nazi-Opfer: Leichenteile am UKE entdeckt

Im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf sind Präparate geistig behinderter Kinder im Klinik-Archiv gefunden worden. Die fünf Jungen und Mädchen wurden von NS-Euthanasie-Ärzten getötet.

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05. September 2012, 04:49 Uhr

Hamburg | Fast 70 Jahre nach Ende des "Tausendjährigen Reiches" hat das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) eine erschreckende Entdeckung gemacht. In den Beständen der Klinik stießen Medizinhistoriker auf Gehirnteile von fünf Kindern, die von NS-Euthanasie-Ärzten getötet worden waren. "Es handelt sich um dünne Gehirnscheiben, die auf Glasträgern fixiert sind", erläuterte Prof. Dr. Heinz-Peter Schmiedebach, Leiter des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin des UKE, am Montag. Vermutlich bis in die 50er Jahre hinein sei das Gewebe zur neuropathologischen Forschung genutzt worden. Seither lagerten die Proben im Archiv der Klinik.
Die Hirnteile stammen von geistig behinderten Jungen und Mädchen, die zwischen 1940 und 1945 in zwei speziellen Hamburger "Kinderfachabteilungen" von Ärzten getötet worden waren. Bei den fünf nun identifizierten Kindern lautete die Diagnose auf "Mongolie" (Down-Syndrom) oder "Idiotie". Die wahnwitzige NS-Ideologie erklärte das Leben solcher Kranker für "unwert" und gab sie zur Ermordung frei, beschönigend "Euthanasie" ("Sterbehilfe") genannt. In ganz Deutschland ermordeten Ärzte in der Zeit des National sozialismus Tausende Kinder und Jugendliche. In Hamburg waren es vermutlich 82.
200.000 Einzelpräparate durchsucht
Euthanasie-Schauplätze waren die Fachabteilungen des Kinderkrankenhauses Rothenburgsort und der Heil- und Pflegeanstalt in Langenhorn. Letztere arbeitete eng mit dem UKE zusammen und lieferte Kindergehirne an den damaligen Leiter des neuroanatomischen Forschungslabors in der Psychiatrischen und Nervenklinik, Hans Jacob.
Bis 2009 lag dieser Teil der Klinikvergangenheit im Dunkeln. Erst die Dissertation des Hanauer Mediziners Marc Burlon zur Euthanasie an Kindern in Hamburg gab den Anstoß zu UKE-internen Recherchen. Systematisch durchforsteten Mitarbeiter im Archiv des Krankenhauses mehr als 200.000 Einzelpräparate. Prof. Schmiedebach: "Wir wollten diese Kinder finden, ja wir mussten sie finden. Das waren wir uns selbst, dem UKE und Hamburg schuldig."
Überreste der Kinder bestattet
Es gelang schließlich, Präparate 17 Kindern eindeutig zuzuordnen. Fünf kamen aus Hamburg, die zwölf anderen aus der "Fachabteilung" in Lüneburg. Warum dauerte es so lange, bis der Uniklinik auffiel, welch menschenverachtender Herkunft die Präparate waren? Prof. Schmiedebach: "Erst dank der Dissertationsarbeit gab es erstmals Namen, die wir mit denen in unseren Unterlagen abgleichen konnten."
Die sterblichen Überreste der fünf ermordeten Kinder werden in einer gemeinsamen Urne auf dem Ehrenfeld für Verfolgte der NS-Herrschaft auf dem Ohlsdorfer Friedhof bestattet. Zu der Beisetzung mit Gedenkfeier am 15. September ab 11 Uhr ist die Öffentlichkeit ausdrücklich eingeladen. Bis dahin will das UKE per Zeitungsaufruf klären, ob es noch Verwandte der toten Kinder gibt.

Zum Thema Euthanasie zeigt das Medizinhistorische Museum Hamburg am UKE seit gestern die Ausstellung "Im Gedenken der Kinder. Kinderärzte und die Verbrechen an Kindern in der NS-Zeit"; Fritz Schumacher-Haus, Gebäude N 30b, Eingang Frickestr./Ecke Schedestraße; Eintritt frei.

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