Sylter wohnen : Junge Leute in die Alten-WG?

Das Seniorenzentrum Sylt-Westerland in der Steinmannstraße.
Das Seniorenzentrum Sylt-Westerland in der Steinmannstraße.

Seniorenbeauftragte und Insulaner-Fraktion üben heftige Kritik an Vorstoß von KLM-Chef Marcus Kopplin

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27. März 2018, 04:53 Uhr

Dicke Luft in der Gemeinde Sylt: Weil es für die neu eingerichteten Wohngruppen im Altenzentrum Steinmannstraße keine Nachfrage gibt, will KLM-Chef Marcus Kopplin dort junge Auszubildende einziehen lassen. Die Seniorenbeauftragte Tina Haltermann ist empört, weil Wohnraum für alte Leute wegfällt, und die Insulaner wittern Kumpanei zwischen Kopplin und den Johannitern.

Vor einem Jahr stellten das Kommunale Liegenschaftsmanagement (KLM) der Gemeinde Sylt und der Betreiber, die Johanniter, das renovierte Altenzentrum der Öffentlichkeit vor. In der Steinmannstraße waren neue seniorengerechte Räumlichkeiten für zwei ambulante Wohngemeinschaften, eine Tagespflege und einen ambulanten Dienst entstanden.

Seitdem bemühen sich die Johanniter und das KLM, Bewohner für die ambulant betreuten Wohngemeinschaften im ersten und zweiten Stock zu finden – bislang ohne Erfolg. Noch ist niemand in die elf Zimmer mit eigenem Bad und Gemeinschaftsküche eingezogen. Trotzdem zahlen die Johanniter dafür Pacht an das KLM.

„Um Leben in das Gebäude zu bekommen ist dann die Idee entstanden, ein Stockwerk an junge Leute mit einem Ausbildungsvertrag zu vergeben“, berichtete Mario Pennino (SWG), Vorsitzender des Wohnungsbauausschusses. Erstmals sei am 26. Februar in dem Gremium darüber beraten worden, in der Sitzung am Montag letzter Woche wurde dann über den von Kopplin ausgearbeiteten Plan abgestimmt. Sechs Vertreter votierten dafür, vier dagegen.

Mit am Tisch: Die Seniorenbeauftragte der Gemeinde Sylt, Tina Haltermann, die von dem Vorstoß offenbar genauso überrascht war wie andere Sitzungsteilnehmer. Ihre Befürchtung: Wohnraum, der für Senioren geeignet und laut Bebauungsplan auch dafür vorgesehen ist, fällt mindestens bis zum 31. Dezember 2021 weg. Der Seniorenbeirat der Gemeinde werde sich an die Ausschüsse und an den Bürgermeister wenden und sich klar gegen das Vorhaben aussprechen. Dass das Konzept für die Senioren überarbeitet werden muss, stehe außer Frage, aber die Räumlichkeiten sollten weiterhin den Senioren zur Verfügung stehen.

KLM-Chef Marcus Kopplin versteht die Aufregung nicht: Schon am 26. Januar sei der Vorstoß von den Fraktionen im Wohnungsbauausschuss „unisono als gute Idee“ aufgenommen worden. Auf Sylt gäbe es „eine große Not, die Auszubildenden unterzubringen“ – auch der Verein Sylter Unternehmer und der Dehoga-Bezirksverband hätten ihr Interesse bekundet. Der Plan sähe nur vor, eine der beiden Wohngemeinschaften für drei Jahre an Auszubildende zu vergeben, die zweite stehe weiterhin für Senioren bereit. Nach drei Jahren, wenn die Auszubildenden ausgezogen sind, stünden wieder beide WGs zur Verfügung. Kopplin sieht auch keine Probleme für die Unterbringung von Alt und Jung unter einem Dach. Die Auszubildenden würden ihre Wohngemeinschaft über einen eigenen, seitlichen Treppenaufgang erreichen. 350 Euro soll die Miete kosten, einschließlich aller Nebenkosten und Wlan.

Warum die Wohngruppen für Senioren nicht nachgefragt werden, ist für die Insulaner-Fraktion schnell beantwortet: Je nach Pflegegrad müsse mit Kosten von 2600 bis 3000 Euro gerechnet werden – deutlich mehr als auf dem Festland, heißt es in ihrer Pressemitteilung.

Allerdings wundern sich die Insulaner, dass Kopplin schon vor einem Beschluss eine Nutzungsänderung bei der Kreisbaubehörde angefragt habe. Damit untergrabe der KLM-Leiter eigenmächtig die Verwaltung, den Bauausschuss, den Sozialausschuss und damit die Gemeindevertretung. Die Insulaner unterstellen Kopplin Lobbyarbeit für die Johanniter. Die „Micro-Lösung“ einer Azubi-WG sei „reiner Aktionismus, der das Wohnraumproblem der Auszubildenden nicht löst.“

Bürgermeister Nikolas Häckel zeigte Verständnis für den Unmut: „Die Modifikation der Angebote im Seniorenzentrum ist vorher weder im Seniorenbeirat noch im Sozialausschuss beraten worden.“ Die Wohngruppen könnten auch durch Angebote für Demenzkranke, durch Seniorenwohnungen oder eine Ausweitung der Tagespflege ersetzt werden.

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