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Generationsaustausch : Jung trifft Alt: "Hatten Sie Angst, im Krieg zu sterben?"

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Zum Volkstrauertag verfassten die Schüler der 8b der Hauptschule Briefe an gefallene Soldaten. Davon ließ sich Ingrid Wehmeyer inspirieren und schrieb an ihren Bruder Willi, der im Zweiten Weltkrieg starb.

Westerland | "Es ist lange her und ich kann mir Dein Gesicht kaum noch vorstellen"... So schrieb die Westerländerin Ingrid Wehmeyer (76) kürzlich an ihren Bruder Willi. Und dabei ist Bubi, wie die Familie den Jungen nannte, schon seit 63 Jahren tot. Gefallen, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, als die Schüler der Heeresmusikschule, an der er sich zum Berufsgeiger ausbilden lassen wollte, als letztes Aufgebot an die Front geschickt wurden...
Von der Erinnerung berührt

Zum Volkstrauertag hatte die Klasse 8b der Sylter Hauptschule Briefe an gefallene Soldaten verfasst und bei der offiziellen Gedenkfeier der Stadt vorgelesen. Eine Form der Erinnerung, die Ingrid Wehmeyer so berührte, dass sie sich zu Hause ebenfalls hinsetzte und Gedanken an ihren Bruder zu Papier brachte.

Ihre Schulfreundin Inge Lehmann, die elf Jahre alt war, als ihre damals 19- und 17-jährigen Brüder 1945 als vermisst gemeldet wurden, war ebenfalls auf der Gedenkfeier. Sie griff am Tag danach zum Telefon ("Bei so etwas werde ich ganz schnell aktiv") und bedankte sich bei Klassenlehrerin Karita Peters, die die Aktion mit ihren Schülern vorbereitet hatte: "Wir haben uns unterhalten und sind dabei auf die Idee gekommen, dass es ein Gespräch zwischen ihren Schülern und uns Älteren aus der Kriegsgeneration geben sollte", erzählt Inge Lehmann.
Jugendliche gut vorbereitet

Nur drei Tage später saßen sie und ihre Freundin sowie Uwe Alwart, Willi Borstelmann, Franz Scheppler, Günter Nielsen, Willi Witte und Jess Jessen im Holzhaus am Schulzentrum 14 Schülern aus Karita Peters Klasse gegenüber. "Die Jugendlichen waren alle sehr gut vorbereitet. Sie haben sich erst vorgestellt und hatten ausgearbeitete Fragen dabei", berichtet Inge Lehmann weiter.

"Was haben die Frauen gemacht, während die Männer im Krieg waren?", "Hatten Sie Angst im Krieg zu sterben?", "Wie war für Sie die Ungewissheit, nicht zu wissen, ob der Bruder oder Vater noch lebte oder schon im Krieg gestorben ist?"... Jede Menge Fragen - und Antworten, die die Schüler berührten. Fast genauso sehr, wie Ingrid Wehmeyer von ihren Briefen berührt wurde. "Ich fand es sehr gut, dass sie sich getraut haben, mit uns über ihre schlimmen Erfahrungen zu sprechen", sagt Alice (14). Und Marvin (13) erklärt, dass die Menschen damals mit dem puren Überleben "wohl so beschäftigt waren", dass sie gar keine Zeit für Angst vor dem Tod hatten. "Die persönlichen Geschichten waren richtig krass", ergänzt Dennis (15) und wundert sich noch immer darüber, dass die Jugendlichen damals nicht ihre eigenen Geburtstage, "sondern den von Hitler" gefeiert haben.
Ohren und Herzen geöffnet

"Diese Generation will wirklich etwas von damals wissen und hat uns richtig ausgefragt", freut sich Inge Lehmann. Voll des Lobes ist auch Lehrerin Peters: "Für mich haben sich meine Achtklässler als Spitzenschüler gezeigt, die ihre Ohren und Herzen geöffnet haben."

Es sei eben, da sind sich die Jugendlichen einig, ein Unterschied, ob man Geschichte in einem Buch nachlese oder sie von einem Betroffenen erzählt bekomme: "Das ist irgendwie echter."

Und das 63 Jahre nach Kriegsende. 63 Jahre nach dem Tod der Brüder von Inge Lehmann und Ingrid Wehmeyer.

Hätte es diesen Krieg nicht gegeben, würde sie heute vielleicht wirklich einen Brief an "Bubi" schreiben. Mit Glückwünschen und beispielsweise einer Verabredung zum nächsten Wiedersehen: Übermorgen, am 5. Dezember, wäre er nämlich 82 Jahre alt geworden.

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erstellt am 03.Dez.2008 | 07:41 Uhr

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