Jens Emil Mungard: Sylts größter, unbekannter Dichter

73 Jahre nach dessen Tod im KZ will eine Ausstellung auf Leben und Werk aufmerksam machen

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06. Februar 2013, 03:59 Uhr

Westerland | Obwohl er der Nachwelt rund 850 Gedichte, Bühnenstücke und Prosaerzählungen hinterlassen hat und von Fachleuten als bedeutendster Dichter in syltfriesischer Sprache gilt, sind der Keitumer Jens Emil Mungard (1885 - 1940) und sein Werk auf Sylt praktisch unbekannt. Mit der Ausstellung "Ströntistel en Dünemruusen" (Stranddistel und Dünenrosen), die ab kommendem Wochenende in der Stadtgalerie zu sehen ist, wollen die Fotografin Helga Graalfs, der Hamburger Grafikdesigner Günter Sommer und der ehemalige Leiter des Kulturamtes Neumünster, Dr. Martin Sadek, dies 73 Jahre nach Mungards Tod nun ändern. "Wir wollen dazu beitragen, Mungard als größten, auf Sylt aber praktisch unbekannten friesischen Dichter vor dem endgültigen Vergessenwerden zu bewahren", betont Sadek.

Fast zwei Jahre lang hat sich Martin Sadek durch Archive gewühlt, um Spuren des bei seinen Sylter Zeitgenossen umstrittenen Landwirtes, entschiedenen Nazi-Gegners und sprachgewaltigen Dichters zu finden. Mit durchaus beachtlichem Erfolg, wie die Ausstellung beweist. So vermittelt sie dann auch nicht nur faszinierende Einsichten in die jüngere Heimatgeschichte der Insel Sylt, sondern setzt diese in Beziehung zu den Geschehnissen der großen Weltgeschichte der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und schildert an Hand zahlreicher bisher unbekannter Fotos und Dokumente zugleich ein bisher weitgehend unbekanntes Kapitel der Literatur- und Kulturgeschichte der nordfriesischen Insel.

Die aus insgesamt 36 Schautafeln bestehende Ausstellung ist zweigeteilt. Der erste Teil mit 23 Tafeln widmet sich der Lebensgeschichte Mungards bis zu seinem Tod am 13. Februar 1940 im Konzentrationslager Sachsenhausen. Der zweite Teil besteht aus 13 Gedichten im friesischen Original mit deutscher Übersetzung von Karl Schmidt-Rodenäs, die Helga Graalfs fotografisch illustriert hat.

Waren sie anfangs vor allem von den Gedichten Mungards fasziniert, zog die Ausstellungsmacher schnell auch dessen tragisches Schicksal in den Bann. "Anhand der Gedichte merkt man, wie sehr er die Insel geliebt hat, während er und sein Vater hier sehr umstritten waren", sagt Martin Sadek, für den die Ausstellung "sehr viel mit Identität und Inselbewusstsein zu tun hat". Zum tragischen Schicksal Jens Mungards trägt maßgeblich die von ihm vermeintlich unterstützte pro-dänische Haltung seines von vielen Syltern als Landesverräter eingestuften Vaters Nann Mungard bei, der sich bei der Volksabstimmung 1920 offen zu Dänemark bekannte. Durch einen Brandanschlag wird der auf den Sohn überschriebene väterliche Hof in Keitum 1921 vernichtet, ein zweiter Hof in Archsum wird durch Blitzschlag zerstört. Von seiner Frau Anna geschieden versucht der völlig verarmte Landwirt sich, seine Frau und die vier Kinder durch allerlei Tätigkeiten über Wasser zu halten, bis er 1934 die geliebte Insel gen Flensburg verlässt.

Während er sich von der Nazis anfänglich die Förderung der friesischen Kultur erhofft, erkennt er schnell deren wahren Charakter und wird zum erbitterten und offenen Gegner der Nationalsozialisten. Diese belegen ihn mit einem Schreibverbot und nehmen ihn mehrfach in Schutzhaft - zuletzt Ende 1938, als er verhaftet und ins KZ Sachsenhausen gebracht wird. Bereits zuvor hatte Mungard verfügt, dass sein gesamtes auf Sölring verfasstes Werk nicht ins Hochdeutsche übersetzt werden darf. Sicherlich einer der Gründe, warum es bis heute nur einigen wenigen Experten bekannt ist. Erst mit Ablauf des Urheberrechtsschutzes 70 Jahre nach seinem Tod durften die Gedichte auch auf Deutsch erscheinen.

Seit 2011 wird die Erinnerung an Mungard auch durch einen Gedenkstein in Sachsenhausen sowie die Umbenennung eines Teils der Keitumer Bahnhofstraße in Jens-Mungard-Wai wach gehalten. Zudem erinnert an seinem letzten Sylter Wohnort ein Stolperstein an ihn.

Die Ausstellung wurde mit Unterstützung der Dänischen Central Bibliothek in Flensburg, der Sölring Foriining und des Nordfriesischen Instituts in Bredstedt erarbeitet. Folgeausstellungen finden in Husum (Nordseemuseum) und Flensburg (Dänische Central Bibliothek) statt.

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