Sylt und Föhr : Irritierende Tourismuszahlen

Das Statistische Landesamt veröffentlichte Tourismuszahlen für das Jahr 2017– und stößt damit auf Sylt Kritik.

Das Statistische Landesamt veröffentlichte Tourismuszahlen für das Jahr 2017– und stößt damit auf Sylt Kritik.

Aus der Tourismus-Statistik des Landes stechen Sylt und Föhr mit satten Zuwächsen hervor – doch die Zahlen trügen.

shz.de von
28. Februar 2018, 06:00 Uhr

„2017 war für den Tourismus in Schleswig-Holstein das bislang erfolgreichste Jahr aller Zeiten“, heißt es vom Kieler Wirtschaftsministerium und Minister Bernd Buchholz kommentiert: „Wir können uns im Vergleich zu 2016 erneut über einen Zuwachs bei den Übernachtungen und den Gästeankünften freuen.“ Das Ministerium bezieht sich dabei auf die in der vergangenen Woche herausgegebenen Tourismus-Zahlen des Statistischen Landesamtes (StaLa) in Kiel, bei deren erster Betrachtung einem aufgrund der hohen Steigerung schon mal die Luft wegbleiben kann.

Dieser positive Trend soll sich auch auf Sylt widerspiegeln. Zumindest die offiziellen Behörden-Zahlen der „Ankünfte und Übernachtungen in Beherbergungsstätten mit zehn und mehr Betten“ im Jahr 2017 sind im Vergleich zu 2016 ebenfalls erheblich angestiegen. Auf der gesamten Insel soll es im Jahr 2017 über 400 000 Übernachtungen mehr gegeben haben – das sind über zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Mit insgesamt 630 861 Ankünften liege die Zahl 10,3 Prozent über dem Vorjahr. Allein die Gemeinde Sylt zählte nach Angaben des StaLa 42 000 mehr Ankünfte (plus elf Prozent), in Wenningstedt-Braderup waren es knapp 13 500 mehr (plus zwölf Prozent).

Doch die Sache hat einen Haken: „Die Übernachtungsanstiege für die Insel Sylt und auch für Föhr sind absolut unnatürlich“, kritisiert Moritz Luft, Geschäftsführer der Sylt Marketing Gesellschaft (SMG). Die Nachbarinsel von Sylt verzeichnet in der Statistik des Landesamtes sogar einen Anstieg von satten 42,5 Prozent.

Bei nüchterner Betrachtung der Zahlen zeigt sich allerdings, dass nicht die vermehrte Reiselust der Urlauber an die Nordsee für das große Plus auf den Inseln verantwortlich ist: „Das Statistikamt hat im vergangenen Jahr begonnen, die Reiseregionen Nord- und Ostsee stärker zu prüfen“, sagt Harald Haase, Sprecher des Wirtschaftsministeriums. Dieser Vorgang nenne sich „Berichtskreisüberprüfung“, bei dem gegengecheckt wird, ob tatsächlich alle berichtspflichtigen Betriebe mit zehn und mehr Betten erfasst werden.

Mit dieser Überprüfung sei schwerpunktmäßig auf den Inseln Föhr und Sylt begonnen worden. „Dabei ist festgestellt worden, dass es insbesondere bei Ferienwohnungen und Ferienhäusern Vermittler gibt, die mehrere Objekte betreuen und deshalb bei ihrer Vermietung die statistikrelevante Grenze von zehn Betten überschreiten“, berichtet Harald Haase. Diese Zahlen seien im Laufe des Jahres 2017 nun erstmals in die Statistik eingeflossen. Wie der Sprecher des Wirtschaftsministeriums betont, sei eine Überprüfung, ob tatsächlich alle berichtspflichtigen Vermieter erfasst werden, in der Statistik nichts Ungewöhnliches. „Es handelt sich um eine Maßnahme zur Qualitätsverbesserung der Zahlen“, so Harald Haase. Er räumt jedoch ein, dass die Einbeziehung zusätzlicher Betten im Vergleich von 2017 zu 2016 „regionale Effekte“ habe. Deshalb habe man in der Jahres-Presseinformation dieses Mal auf den bisher üblichen Regionsvergleich verzichtet.

Der Sylter Touristiker Moritz Luft sieht in diesem „unnatürlichen Übernachtungsanstieg“ allerdings weitreichende Folgen: „Es kamen plötzlich Vermieter aus dem gewerblichen Beherbergungsbereich hinzu, die vorher nicht gemeldet waren“, so der Geschäftsführer der SMG, der bekräftigt, dass diese immense Steigerung der Tourismuszahlen auf Sylt und Föhr auch Auswirkungen auf die Zahlen der gesamten Westküste – und in ganz Schleswig-Holstein habe. Zwar sei der Effekt an der Ostsee bisher nicht in diesem Maße sichtbar, allerdings wäre die Überprüfung im Land auch noch gar nicht abgeschlossen. Lufts Fazit ist klar: „Die erhobenen Zahlen für 2017 sind völlig unbrauchbar. Wenn die Steigerungen der Übernachtungszahlen von Föhr und Sylt zusammen 40 Prozent der Steigerungen von gesamt Schleswig-Holstein ausmachen, dann kann man gewiss nicht mehr nur von ‚regionalen Effekten‘ sprechen“, so der Touristiker. Das Gegenteil sei der Fall: „Eine positive Beurteilung der regionalen Ergebnisse ist aus meiner Sicht ebenso wenig möglich, wie die für das gesamte Bundesland.“ Seine Empfehlung: „Die Werte der beiden Inseln müssten aus der Landesbetrachtung isoliert werden, um auch nur ansatzweise Effekte aus der Landesstrategie ableiten zu können.“

Auf Sylts Nachbarinsel Föhr sieht Jochen Gemeinhardt, Geschäftsführer der Föhr Tourismus GmbH (FTG), die erhobenen Zahlen gelassen. Trotz Meldepflicht seien die Angaben in früheren Jahren lückenhaft gewesen. „Nun hat das Statistische Landesamt die Beherbergungsbetriebe aufgefordert, alles zu melden. So kommt dieser Anstieg zustande. Die Kontrollen sollen verstärkt werden und die Vermieter müssen jetzt monatlich melden.“

Angegeben werden müsste zudem für die Insel Föhr nicht mehr allein die gesamte Bettenzahl, sondern die Vermietung für jeden einzelnen Ort. „Diese angestrebte lupenreine Erfassung finde ich tendenziell gut. Durch diese Bestandsaufnahme wissen wir am Ende des Tages, wie viel Betten es wirklich auf Föhr gibt. Angenommen wurden bisher immer rund 20 000, das sind allerdings keine belastbaren Zahlen.“ Der „unnatürliche Anstieg“ sei eine einmalige Geschichte. „Mit der korrigierten Statistik haben wir den aktuellen Stand, auf dem wir im kommenden Jahr aufsetzen können“, so der FTG-Chef.












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