Sylter Inselschreiber : Inselschreiber trifft Karl Dall

Jan Brandt ist der Sylter Inselschreiber
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Jan Brandt ist der Sylter Inselschreiber

Jan Brandt beschreibt seine insulare Suche nach Karl Dall anlässlich Dalls Auftritt im Meerkabarett.

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18. Juni 2014, 06:00 Uhr

Der diesjährige Inselschreiber Jan Brandt traf den Humoristen Karl Dall auf Sylt und sprach mit ihm über die gemeinsame ostfriesische Herkunft, das Alter und das Leben als Opa.

Als Kind dachte ich, Sylt sei ein Geheimbund, eine paramilitärische Vereinigung, eine Gruppe versprengter Veteranen, die den Krieg nicht vergessen können. Auf vielen Autos, die im Urlaub vor uns fuhren, klebten seltsam geformte Aufkleber, meist in schwarz oder grau. Sie sahen alle gleich aus: wie ein verbogenes Maschinengewehr. Ich wusste, was die anderen Sticker zu bedeuten hatten, die Abkürzungen D, A, NL oder DK; ich erkannte die Prilblumen, die Shellmuschel, die Friedenstaube; und dass die zwei zu einem Fisch gekrümmten Linien das Erkennungszeichen der Urchristen gewesen waren, weil in den Buchstaben des griechischen Wortes für Fisch, Ichthys, das Glaubensbekenntnis „Jesus Christus Gottes Sohn Erlöser“ steckt, hatte unser Pastor einmal in seiner Predigt erwähnt. Als ich aber meinen Vater während der Fahrt endlich fragte, was es denn mit diesem Aufkleber da vor uns auf sich habe, sagte er: „Das ist Sylt.“

Sylt - nicht mehr und nicht weniger

Irgendwann – ich nehme an, es war im Sachkundeunterricht – erfuhr ich, dass die Form des Aufklebers dem Umriss der größten deutschen Nordseeinsel entsprach, „nicht mehr und nicht weniger“, wie die Lehrerin auf mein hartnäckiges Nachfragen hinzufügte. Doch ein Restzweifel blieb, dass mächtige Männer jene Insel als Rückzugsgebiet, als Versteck nutzten. „Da sitzen die also“, dachte ich, „da haben die ihr Hauptquartier, ihr Nest, ganz oben im Norden, fast schon nicht mehr in Deutschland, damit sie, falls sie erwischt werden, schnell fliehen können, nach Dänemark oder mit einem Kriegsschiff aufs offene Meer hinaus.“

Ende der Achtzigerjahre, als sich meine Faszination für Verschwörungstheorien schon abgeschwächt hatte, sang ich lauthals mit, wenn die Band Die Ärzte zurück nach Westerland wollte, an einen Ort, an dem ich noch nie zuvor gewesen war, den ich noch nicht einmal im Fernsehen gesehen hatte. Westerland stellte ich mir traumhaft vor, paradiesisch, nicht von dieser Welt, aber auch – wenn sogar Westberliner Punker sich danach sehnten – magisch, inspirierend, bewusstseinserweiternd, ein Luftkurort mit halluzinogener Wirkung.

Von List und Kampen las ich – das war Ende der Neunziger – zum ersten Mal in Christian Krachts Roman „Faserland“, von der legendären nördlichsten Fischbude Deutschlands, der Sonne über der Whiskeymeile, den gut aussehenden Bedienungen im Odin, vom Strand, vom Champagner, vom Wattenmeer hinter der Kupferkanne. Und aus Karl Dalls Autobiografie „Auge zu und durch“ erfuhr ich – Ende der Nullerjahre – vom sagenumwobenen Ziegenstall, von der Sansibar und von Hörnum, dem Ende der Welt.

Ich wusste nicht, wie das alles aussah, ich wusste nur: Da will ich hin. Und in diesem Jahr war ich endlich da. Ich hatte mich mit einem Auszug aus meinem norddeutschen Auswandererroman um das Inselschreiberstipendium der Sylt-Quelle beworben und war ausgewählt worden. Und kaum war ich im März auf der Insel angekommen, kaum hatte ich mich umgeschaut, sah ich alle meine Erwartungen bestätigt – und enttäuscht. Sylt ist traumhaft, paradiesisch, nicht von dieser Welt, aber Westerland ist das Gegenteil davon, alptraumhaft, höllisch, sehr von dieser Welt. List und Kampen hatte ich mir größer vorgestellt, urbaner, und Hörnum kleiner, abgelegener. Und jetzt, wo ich überall gewesen bin, fällt mir auf, dass es manchmal auch ganz gut ist, enttäuscht zu werden.

Ich hatte mir nicht viel vorgenommen, außer, jeden Tag zu schreiben und am Strand spazieren zu gehen.

Und ich wollte Karl Dall treffen, der wie ich im ostfriesischen Leer aufgewachsen war und von dem ich gelesen hatte, dass er seit mehr als vierzig Jahren in der Vor- oder Nachsaison Urlaub auf Sylt machte. Karl Dall taucht in meinem ersten Roman „Gegen die Welt“ auf, mit seiner Talkshow „Dall-As“, auf kaum mehr als einer Seite und doch an einer zentralen Stelle, und ich hoffte, ihn, wenn ich ihm ein Exemplar meines Buches überreichte, als Sprecher für eine Hörspielbearbeitung meines Debüts gewinnen zu können.

Ich wusste nicht, wo er wohnte, wo er sich aufhielt, wen er kannte. Wo immer ich auch war, Karl Dall war woanders. Am Anfang war ich noch zuversichtlich gewesen, dass das Schicksal uns irgendwann zusammenführen würde. Dann, am vorletzten Tag meines Aufenthaltes, Ende April, beschloss ich, das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen: Meine Gastgeber vermittelten den Kontakt, ich schrieb ihm eine E-Mail, und er antwortete prompt: Was für ein Zufall, er sei auch gerade auf der Insel und erwarte meinen Besuch. Wir verabredeten uns für den nächsten Tag zum Kaffee. Und während wir nebeneinander im Strandkorb saßen und über unsere gemeinsame Herkunft sprachen, wurde ich wieder enttäuscht, denn der wahre Karl Dall ist sehr freundlich. Es gab keine spitzen Bemerkungen, kein Hohn, kein Spott, sondern echtes Interesse.

Wir sprachen über seine Kindheit und Jugend, den Ausbruch aus der Provinz, seine Karriere als Humorist. Karl Dall wurde 1941 in Emden geboren, als die Alliierten die Stadt bombardierten, zog die Familie erst nach Bensheim, später nach Leer. Schon während der Schulzeit fiel er durch soziale Performances auf: Er verkleidete sich als Obdachloser, um die Reaktion der Kleinstädter zu testen, er trat als Stand-Up-Comedian auf und sang vor Taubstummen. Und nach einer Schriftsetzer-Lehre bei einem Kleinverlag suchte er das Weite und zog nach Berlin. Dort gründete er mit Freunden die Band Insterburg & Co und tourte mehr als zehn Jahre lang durchs Land. Er spielte in seichten und schlüpfrigen Komödien mit, war bei „Verstehen Sie Spaß?“ für die Telefonstreiche zuständig und moderierte eine Radiosendung – bis das Privatfernsehen ihm eine eigene Talkshow anbot.

Sylt als Zufluchtsort

Je berühmter er wurde, desto mehr wurde Sylt zu einem Zufluchtsort für ihn. Das erste Mal sei er 1970 hier gewesen, sagte er, seine Frau Barbara habe ihn von den ostfriesischen Inseln Norderney und Baltrum abgeworben. In dem Moment, als er das sagte, trat sie wie auf ein geheimes Kommando hin auf die Terrasse und reichte uns Gebäck. Sie selbst, ergänzte sie, habe schon seit 1964 den Sommer hier verbracht, als Kindermädchen ihres damaligen Chefs. Und dann erinnerten sich beide an ihre Insel der Jugend und der Liebe, daran, wie es war, mit der Inselbahn zu fahren, nackt am Strand zu liegen, ohne befürchten zu müssen, andauernd fotografiert zu werden, mit dem Bademeister Makrelen zu fangen, gemeinsam Nudeln zu kochen und abends in den Kampener Clubs, in der Tenne (im heutigen Dorfkrug) oder im Pony, „zu schwofen“.
Seit sechs Jahren sind die beiden Großeltern. Ihre Tochter wohnt mit ihrer Familie in Kanada, sie besuchen sich gegenseitig, so oft es geht. Die Erfahrung, Opa zu sein, habe sein Leben noch einmal fundamental verändert, sagte Karl Dall: „Dadurch bin ich noch toleranter geworden.“

Enkel sind wie Leihwagen ...

Auch deshalb adaptierte er das erfolgreiche Theaterstück „Der Opa“ des isländischen Autors Bjarni Haukur Thorsson für die deutsche Bühne. Etwa 200 Auftritte hatte er schon, die Show im Meerkabarett in Rantum am 17. Juli wird einer der letzten sein.

Sylt passt perfekt zum Stück, geht es doch um einen Rentner, der Urlaub auf einer Insel machen will und dem auf der Reise, als jemand ihm am Flughafen seinen Sitzplatz anbietet, zum ersten Mal bewusst wird, dass er alt geworden ist und einen Weg ohne Wiederkehr angetreten hat. Was folgt, ist eine mal melancholische, mal witzige Reflektion über das Alter – und Enkelkinder: „Die sind wie Leihwagen: Man bekommt sie schön sauber und vollgetankt und gibt sie dann schmutzig und leer wieder zurück.“

Zum Schluss überreichte ich ihm mein Buch. Er sagte, „das ist aber dick“, blätterte darin herum, in der Hoffnung, die Stelle, an der er auftaucht, schnell zu finden und legte es, als er sie nicht gleich fand, auf den Tisch. Und dann saßen wir alle schweigend nebeneinander und schauten in den blauen Himmel. Über uns flogen Gänse hinweg, Richtung Norden. Es war einer der ersten warmen Tage.

Karl Dall, „Der Opa“, am Donnerstag, 17. Juli, um 20 Uhr im Meerkabarett, Hafenstraße 1, Rantum. Tickethotline: 040-47110644 / 04651-4711.


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