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Nachruf : InselCircus-Direktor Martin Kliewer verstorben

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Am vergangenen Freitag starb InselCircus-Direktor Martin Kliewer nach langer Krankheit. Ein Nachruf von Imke Wein.

Wie fängt man an, wenn man das Leben seines vor kaum 48 Stunden verstorbenen Mannes würdigen darf? Vielleicht zunächst mit dem Ende. Martin Kliewer, der Direktor des Hamburger Circus Mignon und des Sylter InselCircus ist am Freitagnachmittag mit einem Lächeln eingeschlafen. Er hat bis zum allerletzten Atemzug selbst die Regie seines Lebens in die Hand genommen - mit seinen drei großen Kindern ist er drei Tage vor seinem Tod ans Meer gereist, nach Scharbeutz. Das war sein Plan. Mit seiner Frau hat er nach seiner Rückkehr die letzte Nacht verbracht. In den Armen seiner ältesten Tochter ist er gestorben.

Auch die Dramaturgie der Trauerfeier im Hamburger Zirkuszelt am Dienstag, 12. Januar, um 11 Uhr ist von ihm bis ins Detail vorbereitet. Was die Kapelle spielt, wer wann spricht, welcher Artisten ihm zu Ehren auftreten und welches Showprojekt wir nach seiner Idee in der nahen Zukunft umsetzen sollen …

Wenn das Leben dann aber verlangen sollte, dass die Wirklichkeit anders aussieht als sein Plan, wäre er stets der Letzte, der sich nicht auch an den Überraschungen, Widrigkeiten und schrägen Momenten erfreuen könnte. Im Gegenteil: Es gab immer viel Raum für eigene Ideen. Ganz gleich, ob Flohcircus-Kind oder Weltklasse-Artist, ob Kartenverkäufer, Koch, Schiffschaukelbremser oder Beleuchter - er hat von uns allen immer viel verlangt, aber noch viel mehr gegeben. Wer mit Martin Kliewer leben wollte, musste mit ihm arbeiten, Visionen umsetzen, Unmögliches möglich machen, Zelte aufbauen, Lastwagen fahren, das Publikum erfreuen. Das galt für die Jugendlichen in seinem Dunstkreis, für Senioren, für Kinder und auch für uns als Familie. Wer sich von Konventionen und traditionellen Vorstellungen trennen konnte und sich auf seine Spielregeln, seine Form von zwischenmenschlichem Umgang und Ästhetik eingelassen hat, der hat den Zauber gespürt und wurde im Kosmos Mignon stark für alles, was kommt.

Auch in der Welt des InselCircus galten andere Gesetze als jenseits des weißen Zirkuszaunes, seine Regeln waren leicht einzuhalten, er schuf einen Nährboden, um sich zu entfalten, Verantwortung zu lernen und dann wieder gestärkt nach draußen zu gehen. Freilassend, ohne Anspruch auf Ewigkeit. Dauer war kein Kriterium, sondern Qualität. Jeder wurde gesehen, in seinen Fähigkeiten wahrgenommen. Er war Vorbild, Respektsperson, Autorität - und manchmal ganz schön unbequem.

Martin Kliewer wurde vor 59 Jahren in Frankfurt am Main geboren, als ältester von drei Kindern eines Waldorflehrer-Paares. Später lebte er bei Bochum, wo seine Eltern die Schule für anthroposophische Pflegekräfte aufbaute. Er verinnerlichte die Regeln der Waldorfpädagogik, rebellierte dagegen und fand dann auf eigene Weise wieder dahin zurück. Martin studierte Sonderpädagogik, wurde mit 21 Jahren zum ersten Mal Vater, avancierte zu einem Experten für die Frühförderung von Kindern. In Hamburg baute er zunächst mit Benita Quadflieg das Haus Mignon zu einem renommierten Frühförderzentrum aus. Ein kleines Baby mit Downsyndrom, das von seinen Eltern nicht angenommen wurde, war es, das ihn veranlasste, ein Kinderhaus zu gründen, in dem behinderte Kinder mit den Pädagogen im Familienverband lebten. Und dieses Prinzip etablierte er: Erst der Anlass, dann die Vision, dann die Umsetzung und dann zum Schluss die Finanzierung. Bei ihm hat das immer geklappt. Darum konnte er das schaffen, was er erschaffen hat.

Den Circus Mignon gründete er, weil behinderte Kinder manchmal therapiemüde sind und neue Bewegungsimpulse brauchten. Die circensischen Disziplinen in ihren unendlichen Möglichkeiten, im Zusammenspiel mit Tanz, Theater, Musik und Kostümen waren das richtige Metier. Nicht-behinderte Jugendliche kamen dazu. Mit dem Zirkusdirektor fand er die Rolle seines Lebens.

In einer Turnhalle in Nienstedten ging alles los. Und dann machte er es gleich richtig, keinen „Kinderkram“: mit großem Zelt, Kapelle und Tournee. Bei der 700-Jahr-Feier des Stadtteils Nienstedten lud er 700 Kinder von Zirkusprojekten aus aller Welt ein. Den Sommer danach - es war 1997 - brachte eine Bädertournee die Mignon-Jugendlichen nach Sylt. Meerkabarett-Macher Matthias Kraemer war begeistert von der zauberhaften Show. Wenningstedts Bürgermeister Erik Mannstedt entflammte ebenfalls. Die Idee vom InselCircus wurde geboren.

Der Rest ist Geschichte: Zehntausende Kinder und Jugendliche besuchten bisher den InselCircus. Der ersten Liga der Zirkusbranche ist Wenningstedt weltweit durch das SOLyCIRCO-Festival zum Begriff geworden. Dass auch Menschen über 30 und über 60 ohne sensationelle Höchstleistung als Artisten im Zirkus brillieren können, das wissen wir seit dem Midi- und dem SeniorCircus-Projekt. Wenn Martin Kliewer mit den ersten Wagen anreiste, sagten die Sylter stets: „Oh, jetzt ist Sommer. Der Zirkus kommt …!“ Wenn man ihn fragte, was ihm selbst an dem ganzen Lebensspektakel am meisten Freude gemacht hat: Mit seinen Mädels und Jungs auf Augenhöhe eine ganze Welt entstehen zu lassen, die nie statisch ist und sich allein auf den Mittelpunkt der Manege ausrichtete, das war seine Triebfeder.

Wie es weitergeht? So viel: Es geht auf jeden Fall weiter! Radikal wie der Direktor ist, hat er das gesamte Unternehmen direkt nach seiner Krebsdiagnose vor zwei Jahren an seinem Sohn Mischa überschrieben und ihm fortan nicht mehr dazwischengeredet. Mischa Kliewer hat nun das Recht, alles so zu gestalten, wie er es für richtig hält. Den Direktor wird keiner ersetzen können. Aber das will ja auch keiner. Wir tragen alle seine Größe im Herzen und werden das Erlernte wieder in die Welt einbringen. In dem einen oder anderen Zusammenhang.

Enden möchte ich keinesfalls melodramatisch, sondern so, wie es seine Art war, trocken und mit Hintersinn. So wie das Publikum im InselCircus von ihm 18 Sommer lang verabschiedet wurde: „Tschüss, dass Sie da waren.“
 

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