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Adventskalender Sylter Rundschau 2016 : In unserem Adventskalender erzählt heute Susanne Zingel, was sie gerne liest

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

In dem französischen Buch „Die Brandungswelle“ fand die Keitumer Pastorin auch ein Stückchen Sylt.

shz.de von
erstellt am 12.Dez.2016 | 04:54 Uhr

Für den diesjährigen Adventskalender öffnen wir gemeinsam mit unserem goldenen Hirschen für Sie die Türen von Insulanern und schauen auf Nachttische und in Bücherschränke: Bis Weihnachten stellen wir jeden Tag ein Lieblingsbuch eines Menschen dieser Insel und seine Geschichte dazu vor. Heute: Susanne Zingel, Pastorin der Kirchengemeinde St. Severin in Keitum.


Susanne Zingel empfiehlt das Buch „Die Brandungswelle“ (2012) von Claudie Gallay.

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„Gerade lese ich den Roman ’Die Brandungswelle’ von der französischen Schriftstellerin Claudie Gallay, das mir eine Freundin kürzlich geschenkt hat. Dazu hat sie mir eine Karte gelegt auf der stand: ’Ich habe das Buch gern gelesen, die Rauheit der Küstenlandschaft, des Klimas und der dort lebenden Menschen hat mich an Sylt denken lassen.’ Genauso empfinde ich es auch. Es erinnert mich sehr an die Insel auf der ich lebe.

Das Buch spielt in La Hague im Nordwesten der Normandie: Nur wenige wohnen hier, am Ende der Welt, am Meer. Es ist einsam dort. Die Menschen, die in einem Dorf leben, sind ebenso schroff wie die Natur – ihr Leben wird vom Wind, vom Wetter, von den Gezeiten bestimmt. Sie sind geprägt von ihrer Umgebung. Sturm, Land und Meer sind hier – wie auch auf Sylt – die ganz großen Themen.

Im Roman taucht eines Tages ein gewisser Lambert auf. Fremde, die hier länger bleiben, gibt es selten; sie werden von den Einheimischen argwöhnisch beäugt, aber der Neue ist nicht wirklich fremd. Vor vierzig Jahren starben seine Eltern und sein Bruder bei einem Bootsunglück. Nun ist er zurückgekommen, um das dramatische Unglück von damals aufzuklären. Allmählich bröckelt die Wand des Schweigens, hinter der jeder Dorfbewohner ein Geheimnis zu verbergen scheint.

Im Buch spricht eine Ich-Erzählerin, sie stellt sich nicht wirklich vor, man weiß nicht wie sie heißt. Sie ist Vogelbeobachterin. Sie beobachtet die Vögel und zählt sie, in Wirklichkeit aber beobachtet sie sich und die anderen Menschen.Es ist ein sehr leises und sehr stilles Buch, denn es passiert nicht viel. Es ist aber trotzdem sehr spannend!

Wenn ich ein Buch lese, dann wünsche ich mir, dass es mich sehr schnell gefangen nimmt. Klar, ich kenne auch wunderbare Romane die entwickeln sich, entwickeln sich, entwickeln sich und irgendwann bis Du drin. Aber mein Leben ist so spannend, dass ich, um davon abgelenkt zu werden (lacht), relativ zügig abgeholt werden möchtevon der Literatur.

Und genauso ist es bei ’Die Brandungswelle’: Es ist ganz tiefgründig, aber schon die erste Szene geht los mit einem Sturm. Dieser erinnerte mich sofort an die Stürme, die ich hier auf Sylt erlebt habe. Und die Autorin Claudie Gallay beschreibt das genauso, wie meine Erinnerung an diese Berührungen mit den Naturgewalten ist.

Neulich bin ich von Munkmarsch Richtung Keitumer Kirche gefahren: Das war so poetisch schön, dass ich dachte, darüber müsste man wirklich mal ein Gedicht machen, damit man sich diesen Moment später wieder wachrufen kann. In dem Augenblick habe ich zum ersten Mal verstanden, warum man überhaupt Landschaften so beschreibt. Das Buch ist für Anfänger im Bereich der Poesie von Momenten.

Es thematisiert wie die inneren Dramen im Alltag das spiegeln und uns beschäftigen. Es beschreibt zum Beispiel genau, wie die Menschen sich nach diesem Sturm verhalten, wie sie aufräumen und so weiter. Das ist unheimlich spannend – obwohl es in einer ganz schlichten Sprache geschrieben ist. Ich habe jetzt unheimlich Lust, na La Hague zu fahren. Dieses Buch führt mich woanders hin, holt mich aber genau dort ab, wo ich bin.“

 

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