zur Navigation springen

Serie Sylter Köpfe : In Stein geschlagene Erinnerungen

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Ein interessanter Sylter: Guido Dollichon bewahrt nicht nur mit seinen Grabsteinen ein Stück Sylter Geschichte.

Steinmetze in den mittelalterlichen Dombauhütten umgab häufig der Schleier des Geheimnisvollen. Sie bewahrten nicht nur konsequent ihr Wissen, wenn sie grenzüberschreitend von Baustelle zu Baustelle zogen. Zwar hinterließen sie in den verbauten Steinen ihre Signatur, in vielen Fällen aber blieben sie unbekannt. Mit der Sonnenuhr in Westerland jedoch verhält es sich anders. Ein nicht zu übersehender Hinweis am Sockel der Stele nennt als ihren Schöpfer Guido Dollichon vom gleichnamigen Steinmetzbetrieb in der Munkmarscher Straße. Der 51-Jährige schuf mit diesem Werk Ende der 1980er Jahre sein Meisterstück zum Abschluss der Ausbildung auf der Meisterschule für Steinmetze und Steinbildhauer in Königslutter. Aber der Reihe nach.

Der Vater des heutigen Firmeninhabers, Hans-Werner Dollichon, wagte 1965 von Langenhorn aus den Sprung auf die Insel. Der gebürtige Ostpreuße begann seine Selbständigkeit 1974 zunächst in einer hölzernen (Bau-)Hütte am Mühlenweg, bevor er 1993 zum jetzigen Standort übersiedelte. In diesem Jahr feiert der Betrieb, 1999 an den Sohn übergeben, sein 40-jähriges Jubiläum. Dem Sohn war von Anfang an klar, in die Fußstapfen des Vaters zu treten. „In der Werkstatt war ich schon als Kind wie zu Hause,“ erzählt er. Mit Aufräumarbeiten in Lager und Werkstatt besserte er später sein Taschengeld auf .

1979 beginnt der junge Mann seine drei Jahre dauernde Lehrzeit in einem festländischen Meisterbetrieb. Gemäß dem Grundsatz seines Vaters: „Du musst weg von zu Hause!“ Mit dem Ende der Lehrzeit (1982) folgt er, unterbrochen durch den Dienst bei der Bundeswehr, alter handwerklicher Tradition, indem er sich in weiteren Betrieben (Rendsburg, Friedrichstadt) vervollkommnet. In Rendsburg absolviert er auch seine fünf Jahre umfassende Gesellenzeit, die ihn danach erneut nach Königslutter führt. Hier steuert er in drei Semestern auf die Meisterprüfung zu. Den Erfolg dokumentiert eine Urkunde im Firmenbüro, die Guido Dollichon als Steinmetz und Steinbildhauer ausweist.

Wie schon der Vater berät er seitdem Sylter Kunden, die für ihre verstorbenen Angehörigen eine steinerne Erinnerung wünschen. Darunter so bekannte Namen wie der des ehemaligen CDU-Politikers und Bundesinnenministers Gerhard Schröder, der 1989 in Kampen verstarb oder der des Gründers und Verlegers des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, Rudolf Augstein, dessen Beisetzung 2002 auf dem Friedhof von St.Severin in Keitum erfolgte. Die Grabsteine aus der Dollichon-Werkstatt geben Zeugnis von diesen Menschen.

Egal ob prominent oder nicht, für Dollichon geht es stets um ein Höchstmaß an Gestaltungs- und Materialqualität. Während die Buchstaben seit den 70er-Jahren mit dem Presslufthammer in den Stein geschlagen wurden, war der Königsweg bis dahin das Hineinschlagen des Textes mit Hammer und Meißel. „Von meinem Vater habe ich gelernt“, so weiß Dollichon zu erzählen, „dass ein Steinmetz, der mit der Hand die Schrift schlagen kann, es dann auch mit dem Presslufthammer versteht.“ Die ornamentale Ausschmückung eines Grabsteines stellt den Meister dagegen vor ganz andere Herausforderungen. Man möge die Sylter Friedhöfe nur einmal mit wachem Blick durchwandern und auf die unterschiedlichen Ornamente achten. Da sieht man Palmen- und Rosenzweige oder Dürers „Betende Hände“ ebenso wie Katzen, Strandkörbe, Segelschiffe und sogar ein Flugzeug. Sie alle sind individuelle Hinweise auf Leben und Freizeit der Verstorbenen. Aus dem vielfältigen handwerklichen Instrumentarium kommt bei diesen Arbeiten der Diamantschleifer zum Einsatz, um feinste Ziselierungen zu erreichen. Arbeiten voller Präzision, die Geduld und Können, künstlerischen Geschmack und eine gehörige Portion auch an Einfühlungsvermögen erfordern. All das scheint bei Guido Dollichon eine geglückte Verbindung eingegangen zu sein. Beobachtet man ihn draußen am Rande der Stadt inmitten seiner Steine im Gespräch mit Kunden oder an einem gewaltigen Gesteinsbrocken arbeitend, dann tut sich mitten auf Sylt eine ganz andere Welt auf.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen