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Interview mit Martin Stadtfeld : „Im Sylt-Urlaub spiele ich keinen Ton“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Interview mit dem Pianisten Martin Stadtfeld, der regelmäßig zur Erholung auf die Insel kommt und am 5.März im Kontorhaus Keitum konzertiert

Für die Medien ist er „der erfolgreichste deutsche Jungpianist“, seine CDs erobern regelmäßig die Klassik-Charts, seine Konzerte sind stets ausverkauft, sein Aussehen und Habitus lässt manchen glauben, Martin Stadtfeld sei ein „Teenager-Schwarm“. Der 36-jährige Echo-Preisträger will aber weder ein Star noch ein hipper Vertreter der neuen Hochglanzklassik-Generation sein. Wir treffen ihn im Sylter Hotel Benen-Diken-Hof. Groß, schlank, längeres Haar, Jeans – einer, den man schnell nett findet, weil er so uneitel, ruhig und freundlich wirkt. Urlaub auf Sylt bedeutet für den Künstler Kopfarbeit, Spaziergänge und den Totalverzicht aufs Klavier.

Herr Stadtfeld, Sie urlauben im Winter auf Sylt. Wie sehr sind Sie der Insel verbunden?
Sehr. Meine Frau und ich kommen zwei Mal im Jahr auf die Insel, aber eigentlich nie im Sommer.

Sind Sie schon als Kind hier gewesen?
Nein, ich nicht. Meine Frau schon. Ich bin das erste Mal 2002 auf die Insel gekommen. Es war ein herrlicher, strahlend schöner November. So habe ich die Insel kennen gelernt. Als ich dann meine Frau kennen lernte, sind wir regelmäßig hier her gekommen. Das tut uns gut.

Wodurch?

Es beruhigt mich ungemein, denn manchmal habe ich so viel im Kopf und bin rastlos. Dann kann ich meine Ideen fast nicht mehr fassen. Die Insel hat in solchen Situationen etwas enorm Beruhigendes und Kanalisierendes. Wenn ich dann von der Insel zurück fahre, weiß ich genau, wo ich Schwerpunkte zu setzen habe.

Wie lange müssen Sie für diesen Effekt auf der Insel sein?
Ich brauche immer zwei, drei Tage, um anzukommen. Dann spüre ich, wie die Insel diese Ausgeglichenheit herstellt, den Kopf klar macht und mir eine Richtung vorgibt.

Ist das verbunden mit ganz bestimmten Orten auf der Insel?
Mir ist das Wichtigste, lange Spaziergänge zu unternehmen. Und zwar sowohl auf der Meerseite als auch auf der Wattseite. Dieser Gegensatz ist es, glaube ich, der die Beruhigung schafft. Meine Frau und ich sind mindestens zwei, drei Stunden unterwegs. Wir laufen einfach durch die Natur, möglichst da, wo wenige Menschen unterwegs sind. Aber die lässt man schnell hinter sich, egal, wo man startet.

Üben Sie während Ihres Inselurlaubs?
Überhaupt nicht! Ich habe zwar Noten dabei, aber nicht, weil ich bestimmte Dinge üben will, sondern eher, um die Partitur intensiver kennen zu lernen.

Das heißt, wenn Sie auf der Insel sind, dann spielen Sie nicht?
Keinen Ton! Das ist ganz wunderbar, wenn man den Abstand schafft, die Idee an sich wieder an Wert gewinnt. Das, was ich eigentlich erzählen möchte, erstmal als Idee steht. Ich will diesen Prozess, der ein Versuch ist, der Wahrheit – in Anführungsstrichen – auf die Spur zu kommen.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie Werke eines tausendfach gespielten Komponisten wie Chopin einstudieren?
Ich versuche, alles zu vergessen, was es schon an Einspielungen zu ihm gibt, versuche, die Festplatte zu löschen, alles wieder frei zu bekommen. Dabei hilft auch die Insel. Es ist der Versuch, ganz zu dem Werk zurückzukehren, mich frei zu machen von allem, was ich auch selbst an Vorstellungen über die Interpretation schon im Kopf hatte. Ziel ist es, einen Weg zu finden zwischen Subjektivität und Klarheit, zu dem, was tatsächlich vom Komponisten gemeint war.

Bei Ihrem kommenden Sylt-Konzert im Kontorhaus Keitum spielen Sie in einem kleinen Saal, andererseits konzertieren Sie auch in sehr großen Konzerthäusern. Gibt es da einen Unterschied in der Aufführung?
Jeder Saal hat seine Herausforderung, aber man kann nicht unterscheiden zwischen dem großen und dem kleinen Saal. Wobei ich es immer wieder liebe, in kleinen Sälen zu spielen, im engen Kontakt mit dem Publikum.

Die Klassikszene leidet darunter, dass zu wenige junge Menschen in ihre Konzerte gehen. Beschäftigt Sie dieses Thema?
Nicht wirklich. Mir ist es wichtig, ein Publikum zu bekommen, das mich im Konzert begleitet.

Haben Sie als junger Mensch nie Popmusik gehört?
Eigentlich nicht. Ich bin mit klassischer Musik aufgewachsen. Klar habe ich dann auch später mal Popmusik gehört. Das eine schließt das andere nicht aus. Es gibt ja tolle Popmusik.

Welche zum Beispiel?
Ich fand immer die Musik von Michael Jackson sehr gut. Die ist grandios gemacht.

Sie empfinden Musik als ein tiefes emotionales Erlebnis. Wie ergeht es Ihnen, wenn Sie selbst spielen? Wie finden Sie die Balance zwischen Hingerissenheit und interpretatorischer Distanz?
Das ist eigentlich das Schönste am Konzertieren, diese Ambivalenz, dass man einerseits der ist, der den Überblick behalten muss, die Strippen in der Hand hält, der das Ganze kontrollieren muss, der sich andererseits aber auch ein Stück weit der Musik überlassen kann. Ich überlasse mich eben auch dem Werk. Das gelingt nicht immer von Anfang an, aber je tiefer man drin ist, desto mehr lasse ich mich auch von der Musik an die Hand nehmen. Dann kommt man in guten Momenten genau in die Situation, die ein ganz, ganz schmaler Grad ist, zwischen Kontrolle und Emotion. Dann hat man das Gefühl, nur ganz wenig tun zu müssen. Das sind die wunderbarsten Momente im Konzert, weil man selber auch ein bisschen erschüttert ist und dennoch die Kontrolle behält.

 


Martin Stadtfeld wird auf Einladung des Hotels Benen-Diken-Hof und des Kontorhaus Keitum am 5. März Werke von Johann Sebastian Bach und Frederic Chopin spielen. Verbunden mit dem Stadtfeld-Konzert ist ein besonderes Hotelarrangement sowie ein Galadinner mit dem Musiker. Es besteht aber auch die Chance, nur das Konzert zu besuchen. 


● Karten dafür sind über das Kontorhaus erhältlich, Infos zu dem Hotelarrangement über den Benen-Diken-Hof.

www.kontorhauskeitum.de

www.benen-diken-hof.de

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erstellt am 18.Feb.2017 | 05:42 Uhr

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