125 Jahre Schützenverein auf Sylt : Im Gleichschritt durch Westerland

Viele Schaulustige kamen zur Westerländer Promenade, um den Umzug des Schützenvereins zu erleben.
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Viele Schaulustige kamen zur Westerländer Promenade, um den Umzug des Schützenvereins zu erleben.

Mit einem Festumzug feierte der Westerländer Schützenverein sein Jubiläum / Seit 125 Jahren Verbindung von Tradition und modernem Sportschießen

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15. Juni 2015, 06:00 Uhr

„Stillgestanden! Die Augen links!“ Wenn Hauptmann Wilhelm Meermann spricht, stehen alle stramm – die Füße parallel, die Arme am Körper. Sein Kommando galt am Sonntagmittag nicht allein den Schützenbrüdern und -schwestern, sondern ebenso allen übrigen Gästen, die am Schützenumzug teilnahmen. Auch Bürgervorsteher Peter Schnittgard, Bürgermeister Nikolas Häckel und Ehrenmitglied Petra Reiber mussten sich perfekt einreihen, als es dann hieß: „Im Gleichschritt marsch!“ Dass Reiber als ehemalige Bürgermeisterin den alljährlichen Schützenumzug mehr als zwei Jahrzehnte lang begleitet hatte, sah man sofort: Sie brauchte sich kein bisschen darauf konzentrieren, den Takt einzuhalten, sondern konnte nebenbei sogar unbeschwert plaudern.

Vorneweg liefen die Feuerwehrkapelle Ostermoor/Brunsbüttel und der Spielmannszug des Schützenvereins Buchholz/ Nordheide, dicht gefolgt von Schützenkönigin Dr. Eva Döring-Bassenge, die standesgemäß in einem Cadillac Coupé chauffiert wurde. Auch Laila und Anna- Lena liefen ganz vorn, die beiden trugen das Vereinsschild der Westerländer Schützen – kein leichtes Unterfangen bei typischem Syltwetter, das Petrus für den Umzug durch Westerland bereit hielt.

Manch Schaulustiger lief vom Schützenplatz aus nebenher bis zum ersten Halt in der Friedrichstraße, wo der amtierende Schützenkönig René Pförtner schon auf „sein Volk“ wartete. Majestätisch winkte er seinen Kameraden und all den begeisterten Zuschauern vom Balkon aus zu. Draußen schritt er durch ein Ehrenspalier aus Schützendamen und begrüßte alle Teilnehmer des Umzuges. „Das ist immer wieder so schön“, schwärmte eine Passantin. „Diese tollen Uniformen, die Musik und die ganze Stimmung. Und man ist so nah dran. Einfach super.“ Das fanden viele andere Schaulustige auch: Es wurde gewunken, geklatscht und gejubelt, vor allem als ein „Dreimal gut Schuss“ durch die Friedrichstraße hallte. Für Nils Petersen ist der Umzug quasi ein Familienausflug, zwei Jahre muss er allerdings noch warten, bis er in die Fußstapfen von Vater Erhardt (Prinz) und Bruder Torben (König der Jugendabteilung) treten kann. Das Mindestalter, um Mitglied im Schützenverein zu werden, liegt nämlich bei zwölf Jahren. Nach einem Erfrischungsgetränk und ein paar Knuddlern vom Enkelkind hatte Hauptmann Meermann wieder das Sagen, mit einem lauten Pfiff und dem Befehl „Stillgestanden! Fahne aufnehmen! Rechts um!“ Zu den Fahnenträgern gehörte auch Susanne Clausen, Mitglied im Wenningstedter Schützenverein. „Die Fahne ist ganz schön schwer“, gab sie zu. „Ich habe morgen bestimmt Muskelkater.“

Der Trupp bewegte sich dann Richtung Strand, kurz vor der Treppe zur Promenade kam glücklicherweise die Aufforderung „Ohne Tritt“. Will heißen, die Stufen brauchte man nicht im Gleichschritt hinunter gehen. In der Musikmuschel begrüßte der langjährige Vorsitzende des Westerländer Schützenvereins, Gerhard Menke alle Teilnehmer des Umzugs nochmals herzlich, vor allem „die Brüder und Schwestern, die extra aus Deutschland rüber gekommen“ seien. Ebenso dankte er den Ehrengästen, dass die sich den Sonntag frei gehalten haben und freute sich ganz besonders, dass auch Peter Kröhnert, Präsident des Norddeutschen Schützenbundes, an der Feierlichkeit teilnahm.

Dann trat Pastor Christoph Bornemann in die Musikmuschel, um die Schützenkameraden und ihre Gäste zu segnen. „Mein Verein ist noch ein wenig bisschen älter als Euer“, sagte er augenzwinkernd. „Doch wir haben etwas gemeinsam. Wir wollen nicht die Asche weiterreichen, sondern das Feuer am Brennen halten. Wir helfen, wenn jemand hingefallen ist und freuen uns über Siege. So soll es bleiben, zumindest die nächsten 125 Jahre.“ Nach fünf Stunden kamen die Schützen und ihre Freunde, insgesamt 160 Teilnehmer, an der letzten Station an, dem „Haus Noge“. Umgekehrt gelesen heißt das Egon, was natürlich seinen Grund hat. Egon Pribbenow und Peter Paulsen führten das Haus 30 Jahre lang. All die Jahre luden sie die Schützen nach ihrem Umzug zu sich ein, hielten Kaffee und Kuchen, Bier und Sekt bereit. Als sie Haus Noge im Jahr 2007 an Sven Hillie übergaben, musste dieser mit Handschlag beim Notar versprechen, diese alte Tradition weiter zu führen. Versteht sich, dass er persönlich zur Begrüßung an der Gartenpforte stand, wie auch die beiden „Urväter“ des Ganzen, Egon Pribbenow und Peter Paulsen.

„Wir leben in wandelnden Zeiten“ hatte Pastor Bornemann in der Musikmuschel gepredigt. „Das Leben verändert sich rapide, die Verbindlichkeiten nehmen ab. Es ist heute nicht mehr selbstverständlich, dass Traditionen gepflegt werden.“ Umso schöner, dass Sven Hillie den Kult seiner Vorgänger übernommen und die Schützen sogar mit einem roten Teppich empfangen hat.

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