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Sanitäter des DRK Westerland : Im Dauereinsatz über ganz Sylt

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Exklusiv-Reportage: Mit dem DRK Westerland am Osterwochenende einen Tag lang im Einsatz.

shz.de von
erstellt am 22.Apr.2014 | 12:09 Uhr

Westerland | Sie sind die Retter in der Not: Rund 5000 mal pro Jahr müssen die Kräfte des DRK Westerland ausrücken – ein strammes Pensum für die Rettungsassistenten und Notärzte, die insbesondere in der Hochsaison und an Feiertagen alle Hände voll zu tun haben. Frank Deppe, regelmäßiger Autor der Sylter Rundschau, war über Ostern einen Tag lang Beifahrer in einem Rettungswagen.

Nur widerwillig macht der rote Maserati Platz und bringt Sven Rudolf auf die Palme. „Das ist mal wieder typisch“, quittiert er das Verhalten des Sportwagenfahrers, der sich von dem heulenden Martinshorn zunächst gänzlich unbeeindruckt zeigt.

Dichter Verkehr flutet an diesem späten Vormittag über die Keitumer Landstraße, gemächlich zieht die Urlauberkarawane dahin, doch wir haben es eilig. Vor ein paar Minuten schnarrten die Meldeempfänger von Sven Rudolf und Jörg von Böhlen, die heute einen von drei Rettungswagen besetzen. „Notfall, Einsatz von Sonderrechten genehmigt“, hatte die Rettungsleitstelle in Harrislee gemeldet.

Nun bahnt sich Wagen zwei seinen Weg nach Morsum. Mit hoher Geschwindigkeit und konzentriertem Blick umschifft Rudolf die Blechkolonnen. Die meisten Autos weichen vorschriftsmäßig zur Seite, doch bei manchem dauert es etwas länger. „Was wir da schon so alles erlebt haben“, wird Rudolf später erzählen. Selbst Autos, die den Rettungswagen trotz eingeschaltetem Blaulicht und Martinshorn unverfroren überholen, sind keine Seltenheit.

In Morsum empfängt eine ältere Dame im Bademantel die beiden Sanitäter an der Wohnungstür. Ihr Mann liegt auf dem Bett. Er ist gestürzt, nicht zum ersten Mal. Die Messung des Blutzuckerwertes liegt bei 300 und ist somit besorgniserregend. Ein klarer Fall für die Klinik. Auf der Rückfahrt meldet sich Rudolf an: „Wir kommen in fünf Minuten mit einem Patienten für die Innere.“

Der diensthabende Arzt erhält von Jörg von Böhlen eine erste Einschätzung und eine Benennung der Symptome. Damit ist der Einsatz, von der späteren Anfertigung des Protokolls abgesehen, erledigt. Auf dem Flur lächelt die Ehefrau den hinausgehenden Sanitätern zu: „Ihr seid spitze – danke, dass Ihr so schnell da wart!“

Es wird ein langer Tag für Rudolf und von Böhlen, die mit der 24-Stunden-Schicht heute nicht eben die Trumpfkarte gezogen haben. Viel Zeit also, die jedoch nicht nur im Rettungswagen verbracht wird. Wenn nicht gerade die Halle oder die Fahrzeuge gereinigt werden müssen, schmökern die Helfer im Aufenthaltsraum ein Buch, schauen Fernsehen oder greifen zu einem Brettspiel – „Die Siedler“ und „Risiko“ stehen derzeit hoch im Kurs.

Sven Rudolf (43) und Jörg von Böhlen (49) zählen zu den alten Hasen im Team des DRK Westerland. Seit 19 Jahren ist Rudolf als hauptamtlicher Rettungsassistent dabei, sein ehrenamtlicher Kollege sogar schon seit 1982. Es ist eine Tätigkeit, die bisweilen starke Nerven erfordert. Nicht nur, wenn etwa ein Kind tödlich verunglückt oder plötzlich ein guter Freund auf der Trage liegt.

Es ist auch der menschliche Umgang, der die Helfer immer wieder verblüfft. Wenn sie etwa von einer alkoholisierten Autofahrerin nach einem Unfall unflätig beschimpft werden, weil sie ihre teure Handtasche im Wrack nicht finden kann. Wenn ein Gastronom drängt, den Rettungswagen woanders zu parken – das mache vor den Gästen doch keinen guten Eindruck. „Ein Dankeschön“, sagt Rudolf, „hört man nur noch selten.“

Dafür kann man von den DRK-Mitarbeitern Geschichten hören, die aufhorchen lassen. Von nächtlichen Notrufen, die sich später als Schnittwunde im Finger, eingewachsener Zehennagel oder schlichte Erkältung entpuppen. Aber: „Wir bleiben trotzdem höflich.“

Es ist ein stetes Auf und Ab an diesem sonnigen Ostertag. Eben noch saß man entspannt beisammen, jetzt sind alle drei Rettungswagen auf einmal im Einsatz. Auch wir haben alle Hände voll zu tun, denn für einige Sylter und Gäste verläuft der Tag anders als geplant.

Im Süden Westerlands hat eine Frau die untersten Stufen der Treppe übersehen und kann mit dem rechten Bein nicht mehr auftreten. Von der Klinik geht es für Wagen zwei gleich weiter nach Wenningstedt. Nach einem ausgiebigen Sonnenbad im Strandkorb ist eine ältere Dame nach dem Aufstehen bewusstlos zusammen gebrochen. Auch einer jungen Urlauberin bekam die Sonne nicht: Mit glasigen Augen wird sie von den Sanitätern in die Klinik geführt.

Egal, was kommt – Sven Rudolf und Jörg von Böhlen sind für alle Fälle gerüstet. Rund tausend medizinische Produkte von der Kanüle bis zum mobilen EKG-Gerät haben sie an Bord, das Equipment wird stets penibel gewartet und aufgefüllt. „Du weißt nie, was dich beim nächsten Einsatz erwartet, so dass man nie in Routine verfällt und dennoch routiniert handelt“, nennt von Böhlen einen zentralen Aspekt, der die verantwortungsvolle Tätigkeit trotz mancher Widrigkeit reizvoll macht. Für mich ist jetzt Feierabend, während Sven Rudolf und Jörg von Böhlen noch eine lange Nacht bevor steht. Was sie bringen wird, liegt im Dunkeln. „Hoffentlich“, sagt Rudolf ahnungsvoll, „feiern sie heute nicht zu exzessiv.“

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