Junge Bühne: Slam-Poetry : "Ihr seid doch verrückt"

Der Poetry Slam im Ratsdienergarten mausert sich zum Publikumsliebling. Hunderte Jugendliche lauschten den Jungpoeten. Foto: Pape
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Der Poetry Slam im Ratsdienergarten mausert sich zum Publikumsliebling. Hunderte Jugendliche lauschten den Jungpoeten. Foto: Pape

Minimalistische Mimik, wortgewaltige Texte und eine Liebeserklärung an den eigenen Bart: Slam-Poet Patrick Salmen gewann beim Slam-Poetry auf der Jungen Bühen zahlreiche Herzen.

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23. Juni 2011, 11:40 Uhr

Kiel | Knapp 1000 Jugendliche lauschen auf der Kieler Woche hochkonzentriert moderner Dichtung. Das gibt es nicht? Und ob: Bereits im zweiten Jahr bot der Poetry Slam auf der "Jungen Bühne" ein Alternativprogramm zum Volksfest-Mainstream und mausert sich damit zum Publikumsliebling der jungen Generation. Während um den Ratsdienergarten herum die Bässe wummerten und Menschenmassen von Bude zu Bude zogen, lieferten sich auf der Bühne acht junge Dichter einen Wettstreit um die Gunst der Hörer. Mit frenetischem Applaus und Jubelrufen feierten diese die Auftritte.
Die Regeln beim Poetry Slam sind einfach: Schreiber haben die Gelegenheit, sich und ihre Werke vor Publikum zu präsentieren, vorausgesetzt die Texte sind selbst verfasst und sprengen das Zeitlimit von sechs Minuten nicht. Es zählt nur das Wort. Der Einsatz von Musik oder Requisiten und Kostümen ist verboten. Über das Weiterkommen entscheidet das Publikum mit seinem Applaus.
Worte - geschrien, gedehnt, gerappt
Björn Högsdal, der zahlreiche Poetry-Slam-Workshops in Kiel leitet und am Dienstag die Moderation auf der Bühne übernahm, wies das Publikum im Ratsdienergarten gleich zu Beginn in seine Aufgabe ein: "Euer Applaus reicht auf einer Skala von Eins bis Zehn. Die Eins bekommen die Texte, die besser nie geschrieben worden wären. Eine zehn behaltet euch für die vor, die euch umhauen". Doch den Einser-Applaus zu erklären erwies sich als unnötig. Denn am Dienstag stellte sich nur die Elite der europäischen Slam-Szene dem Wettkampf und legte sich dabei mächtig ins Zeug. Da wurden die Worte geschrien, gedehnt und gerappt, Körper verrenkt, Augen gerollt und Finger lockend zum Publikum gestreckt.
Die amtierende Europameisterin aus der Schweiz sowie die Landesmeister Österreichs und Frankreichs waren eigens für den Slam angereist. "Dank der langen Vorlaufzeit konnten wir das Niveau in diesem Jahr noch einmal steigern", sagte Björn Högsdal. "Seit ich in Kiel bin und Poetry Slams organisiere, träume ich von so einer Veranstaltung auf der Kieler Woche", so Högsdal weiter.
Minimalistische Mimik und wortgewaltige Texte
Auf der Bühne ging es hoch her: In einem K.O.-System kämpften die Jungpoeten gegeneinander und warfen sich die Worte um die Ohren. Die Themenvielfalt der Texte kannte dabei keine Grenzen. Während sich die Schweizerin Lara Stoll mit dem "ehrlichsten aller männlichen Körpergeräusche", dem Schnarchen, auseinandersetzte, gingen die norddeutschen Lokalmatadoren "Team&Struppi" mit der Verlogenheit deutscher Politik hart ins Gericht.
Das Herz des Publikums gewann am Ende ein Autor, der seinem Bart eine Liebes- und deutschen Buchhandlungen eine Kriegserklärung gewidmet hat: Patrick Salmen aus Wuppertal überzeugte mit minimalistischer Mimik, dafür aber mit umso wortgewaltigeren Texten. Der Applaus wollte gar nicht enden, als er seine Lyrik zum "Luftflottenkrieg" deklarierte und das Kratzen des Barts beim Küssen mit dem Kratzen einer Nadel auf Vinyl verglich: "Das ist doch genauso gut." Etwas ungläubig blickte er zwischendurch in die begeisterte Menge: "Ihr seid doch verrückt". Das "Muttermärchen" seines Finalgegners, Laurin Buser, hatte da keine Chance.
Ein ganz deutlicher Zehner-Applaus brandete dann aber noch einmal nach der Siegerehrung auf, als nämlich Burkhardt Richard vom Kieler Jugendring das Publikum fragte: "Wollt ihr den Poetry Slam auch im nächsten Jahr?"
(jup, shz)

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