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Sylter Zeitgeschichte : „Ich verabscheue Gnadenbettelei“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

In Folge 37 der SR-Serie Sylter Zeitgeschichte geht es um den Sylter Uwe Jens Lornsen.

shz.de von
erstellt am 11.Okt.2013 | 00:31 Uhr

Es ist ein frostiger Februartag im Jahre 1838, als die Wellen des Genfer Sees am Ufergestade einen leblosen Körper umspülen. Der Tote hat seinem Leben ganz offensichtlich mit einem gezielten Pistolenschuss ein Ende gesetzt. Die Ermittlungen der Polizei ergeben, dass es sich um einen Fremden handelt, der zum Sterben von weit her kam. Sein Name ist Uwe Jens Lornsen. Sein Alter: 44 Jahre. Die Insel Sylt hat an diesem 13. Februar ihren größten politischen Visionär verloren.

Uwe Jens Lornsen wird 1793 in Keitum in ein altes Sylter Seefahrergeschlecht hinein geboren. Sein Vater, ein angesehener Kapitän, hatte es auf seinen Fahrten zu einem ansehnlichen Vermögen gebracht, von dem der Sohn zeitlebens profitieren sollte. In jungen Jahren verlässt Uwe Jens Lornsen seine Heimatinsel, um in Kiel und Jena Rechtswissenschaft zu studieren. In dieser Zeit wird er erstmals mit dem Gedankengut der freiheitlichen Nationalbewegung konfrontiert.

Die Studienzeit begründet sein Interesse für die Politik in einer Zeit, in der Schleswig-Holstein noch ganz unter dem Einfluss der dänischen Krone steht. Und so wird Lornsen nach dem Studium in Kopenhagen Beamter bei der für Schleswig-Holstein zuständigen Regierungsbehörde.

Erst einige Jahre später sollen die Dänen merken, dass sie sich damit gleichsam ein Kuckucksei ins Nest gelegt haben. Das dämmert ihnen Anno 1830 – unmittelbar, nachdem sie Lornsen seine weitere Karriere geebnet haben: Er wird zum Landvogt von Sylt ernannt.

Zeitgleich jedoch tritt er erstmals als politischer Agitator in Erscheinung. Er verfasst eine Schrift mit dem Titel „Über das Verfassungswerk in Schleswig-Holstein“, in der er für eine Justiz- und Verwaltungsreform sowie für mehr Selbstbestimmung der beiden Herzogtümer Schleswig und Holstein plädiert.
„Wir stehen am Vorabend großer Ereignisse, und die möglichst innige Verbindung beider Landesteile tut Not, damit Schleswig-Holstein zu einer blühenden Provinz Deutschlands erhoben werden kann“, prophezeit Lornsen.

Seine Schrift, 9000 Mal verteilt, sorgt in Schleswig-Holstein für Aufsehen – und veranlasst die dänischen Krone zum sofortigen Handeln: Lornsen ist als Landvogt gerade zehn Tage im Amt, da wird er abgesetzt und in der Folge zu einjähriger Festungshaft verurteilt. Vergeblich reichen 171 Sylter eine Petition ein, ihren „geliebten Landvogt Lornsen“ zu begnadigen.

Er selbst bleibt standhaft: „Ich verabscheue alle Gnadenbettelei wie ein Verbrechen.“ Und so sitzt Lornsen die Strafe geduldig in Friedrichsort bei Kiel und später in Rendsburg ab, wobei ihm Hafterleichterungen diese Zeit sehr erträglich machen.

Während der Inhaftierung vertieft er seine politischen Studien und erweitert seine Forderungen: Nun erwägt Lornsen die gänzliche Loslösung Schleswig-Holsteins von Dänemark zugunsten einer Anbindung an ein geeintes Deutschland unter Preußens Führung.

Drei Jahrzehnte nach Lornsens Tod wird die Vision zur Realität: Nach den deutsch-dänischen Kriegen verleibt Reichskanzler Otto von Bismarck Schleswig-Holstein ins Deutsche Reich ein. Wie ahnte Lornsen doch voraus: „Ich bin eine Fliege, die sich auf dem Gipfel eines Schneebergs niederlässt und damit eine Lawine in Gang setzt.“ Im Juni 1832 kehrt Uwe Jens Lornsen aus der Haft nach Sylt zurück, wo er eineinhalb Jahre bleibt und an einer neuen Schrift arbeitet. Doch sein Befinden verschlechtert sich mehr und mehr. Lornsen glaubt, an einer unheilbaren Hautkrankheit zu leiden, und zeigt manisch-depressive Züge.

1833 wandert er nach Brasilien aus, um seine Hautkrankheit im dortigen Klima auszukurieren. Als er erfährt, dass seine Schwester Erkel schwer erkrankt ist, kehrt er nach Europa zurück. Doch er kommt zu spät: Erkel ist bereits verstorben. Vermutlich war dies der Auslöser für den folgenschweren Entschluss. Die Autopsie ergibt: „Das Opfer hat sich leichte Wunden an den Venen in der Armbeuge beigebracht und dann mit einem Pistolenschuss unmittelbar das Herz getroffen.“

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