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Reisen mit Behinderung : „Ich habe noch nie so alte Züge gesehen“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Im Rollstuhl mit dem Zug auf die Insel: Für den Niebüller Christian Vaßholz war das eine große Herausforderung.

shz.de von
erstellt am 22.Dez.2016 | 04:15 Uhr

Die Ersatzzüge, die derzeit auf der Strecke zwischen Hamburg-Altona und Westerland unterwegs sind, machen vor allem den weniger mobilen Menschen zu schaffen. Es gibt keine Rampen für Rollstuhlfahrer, die Türen sind zu schmal für Kinderwagen und die hohen Stufen zu erklimmen fällt auch sportlichen Personen nicht gerade leicht.

Für Familie Vaßholz fing der Weihnachtsurlaub aus diesem Grund alles andere als entspannt an: Weil ihr in Niebüll lebender Sohn Christian in einem großen Elektro-Rollstuhl sitzt, kommen seine Eltern und seine Schwester Antje jedes Jahr zu Weihnachten mit dem Zug aus Süddeutschland hoch in den Norden. Dieses Jahr sollte auf Sylt gefeiert werden. Der Plan: Schwester Antje und die Eltern fahren auf die Insel und holen Christian zwei Tage später aus Niebüll ab. Es war alles perfekt durchorganisiert. Nur mit einem hatte die Familie nicht gerechnet: Den Ersatzzügen.

Als die Eltern, die aus dem baden-württembergischen Nürtigen anreisten, in Hamburg-Altona in den Zug nach Sylt steigen wollten, verschlug es ihnen die Sprache: „Ich habe noch nie so alte Wagen gesehen“, sagt Mutter Bärbel Vaßholz. „Wir haben von den ganzen Problemen mit den Zügen ja gar nichts mitbekommen. Das bedeutete für uns dann erstmal Stress pur, ich habe zwei Nächte lang nicht geschlafen.“ Der Elektro-Rollstuhl von Christian wiege zwei Zentner, erzählt Hanspeter Vaßholz, „außerdem hätte man ihn niemals durch die schmale Tür bekommen.“

Die Familie suchte zwei Tage lang nach einer Lösung. „Ich habe mich an die Bahn und an die Gemeinde Sylt gewandt“, sagt Vaßholz, „im Reisezentrum in Westerland sagte man mir nur, dass wir dann wohl in Niebüll feiern müssten“, so Vaßholz. Das kam für die Familie aber nicht in Frage und schließlich ergab sich die Möglichkeit, einen IC zu nehmen. „Wir haben uns auf das Schlimmste vorbereitet“, sagt Antje Vaßholz, „dafür hat dann alles ganz gut geklappt – vor allem das Personal in Niebüll hat sich ganz hervorragend um uns gekümmert.“

Bisher habe Christian mit den NOB-Wagen keine Probleme gehabt. Der Ein- und Ausstieg erfolgt ebenerdig über eine Rampe, das Großraumabteil war groß und Christian konnte darin selbstständig mit dem Zug fahren. „Er besucht eigentlich regelmäßig eine MS-Selbsthilfegruppe in Husum“, so Antje Vaßholz, „da kommt er seit den Zugproblemen nicht mehr hin“ und sei damit ausschließlich auf seinen Wohnort begrenzt. „Man wird noch weiter gehandicapt und das ist gemein“, sagt Christian und seine Schwester ergänzt: „Das gibt einem nicht mehr die Möglichkeit, normal am Leben teilzunehmen.“

Egbert Meyer-Lovis, Sprecher der Deutschen Bahn, ist das Problem bekannt. „Wir haben immer gesagt, dass das alte Wagen sind und immer kommuniziert, dass sie durchaus nicht behindertenfreundlich sind“, sagte er gestern gegenüber unserer Zeitung. „Wir sind aber froh, dass wir überhaupt Wagen haben. Die haben wir uns aus dem gesamten Bundesgebiet zusammengeholt und wir haben immer gesagt, dass das Fahrzeuge sind, die teilweise aus dem Stillstand kommen. Die Alternative wäre gewesen, gar nicht zu fahren.“

Für Familie Vaßholz ist die Geschichte erstmal gut ausgegangen und sie kann gemeinsam auf Sylt Weihnachten feiern. Für die Rückfahrt nach Niebüll am 27. Dezember hat sie sich bereits für den Inter City angemeldet – in der Hoffnung, alles geht gut.

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