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„Ich fürchte nicht um die Deutschen“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Interview mit dem äthiopischen Prinzen und deutschen Autor, Dr. Asfa-Wossen Asserate, der am 21.April nach Sylt kommt

Als im Jahre 2003 das Buch „Manieren“ erschien, kannte kaum jemanden den Autor Asfa-Wossen Asserate. Das sollte sich dann ändern, wurden die „Manieren“ doch zum viel beachteten Bestseller. Der Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie schrieb seither einige Bücher wie „Draußen nur Kännchen“ oder „Deutsche Tugenden“. Allesamt sind tiefgründige, stilistisch fein geschliffene Analysen deutscher Lebenskulturen und Eigenheiten. Asserate kommt am 21.April zum ersten Mal zu einer Lesung und Diskussion in den Norden – nach Sylt. Dort wird sein Auftritt den Kampener Literatur- und Kultursommer eröffnen. Im Interview mit dem „Erforscher der menschlichen Umgangsformen“, geht es um Ängste, Manieren und Schmähungen. Dabei erläutert der äthiopische Prinz seine Grundsätze und Überzeugungen - und warum er die Deutschen für vorbildlich hält.

Herr Asserate, Sie zeigen in Ihren Büchern eine große Sympathie für die Deutschen. Ist sie in diesen durch Flüchtlingskrise und AfD-Gewinnen bestimmten Zeiten stabil geblieben oder fürchten sie um die Deutschen?
Nein, ich fürchte nicht um die Deutschen. Ganz im Gegenteil. Ich würde sogar sagen, dass ich als deutscher Staatsbürger, der ich das schon seit 1981 bin, noch nie so stolz war, Deutscher zu sein, wie in den letzten Monaten. Was Deutschland in dieser Zeit geschaffen hat, ist vorbildlich für andere Länder.

In Ihrem 2013 erschienenen Buch „Deutsche Tugenden“ geht es auch um die Toleranz, die schließlich zur Integration bereit sein sollte. Verstehen Sie die Ängste vieler Deutscher, die durch Flüchtlingsströme ausgelöst werden und ihr Gefühl, ihre Toleranz würde überstrapaziert?
Natürlich verstehe ich das. Dies ist nicht nur ein typisch deutsches Merkmal, sondern eine typisch menschliche Reaktion. Man hat Angst, überrannt zu werden von fremden Menschen mit anderen Kulturen und Sprachen. Insofern habe ich natürlich Verständnis für diese Ängste. Aber wir sollten uns nie von unseren Ängsten leiten lassen. Was uns doch stärkt, ist unsere christliche Kultur. Und ein Christ hat keine Angst – vor nix. Denn letzten Endes sind wir alle Erlöste. Vor allem aber sollten wir auch sehen, was für Chancen uns durch die Migration geboten werden. Man darf zwar auch dieses Argument nicht überstrapazieren, aber ich bin davon überzeugt, dass der Zuzug von Flüchtlingen neue Chancen für Deutschland bedeutet.

Sie sind als junger Mann nach Deutschland gekommen. Wie haben Sie die Integration erlebt?
Verzeihen Sie, dass ich es so sage, aber ich bin nicht der typische Emigrant. Ich bin zwar in Äthiopien groß geworden, aber ich hatte große Privilegien. Ich kam nach Deutschland und konnte nicht nur die Sprache, ich kannte auch die deutsche Kultur und ihre Werte, hatte an einer deutschen Schule mein Abitur abgelegt – kurzum, ich brauchte keine Integration. Trotzdem bin ich sehr stolz, dass ich der Inbegriff des Asylanten bin, so wie er im deutschen Grundgesetz steht. Denn mir wurde 1974 die äthiopische Staatsangehörigkeit von den damaligen Machthabern des Landes aberkannt.

Sie kennen auch sehr gut andere europäische Länder. Gibt es in der Akzeptanz und Toleranz sowie in der Bereitschaft zur Integration Unterschiede zwischen Deutschland und anderen Staaten?
Ich denke, es gibt im Großen und Ganzen wohl keine großen Unterschiede. Die Akzeptanz Fremden gegenüber ist in Deutschland groß. Dass jetzt viele Befürchtungen haben, dass sich durch die Flüchtlinge auch Terror-Gefahren und andere negative Folgen im Lande entwickeln könnten, ist irgendwo verständlich. Aber wenn ich zurückschauend auf die vergangenen Jahre blicke, dann war die Mehrheit der Deutschen doch nicht fremdenfeindlich. Ja, es gibt die radikalen Rassisten, aber wenn man sich mal die Zahlen ansieht, dann bleibt es doch eine Minderheit – in England oder Frankreich sind die Gefahren eines sich weit verbreiteten Rassismus sehr viel höher.

Wie sehr, glauben Sie, müssen wir Rücksicht nehmen auf die Empfindlichkeiten von Menschen aus anderen Kulturen und mit anderen Weltanschauungen? Nehmen wir das Schmähgedicht von Jan Böhmermann, das von der Bundeskanzlerin als „bewusst verletzend“ verurteilt wurde.
Die nach so vielen Jahrhunderten erreichten Freiheiten für die Kunst und die Presse darf man in keiner Weise in Frage stellen. Auf der anderen Seite wäre es wünschenswert, wenn man sich als Künstler oder Journalist gewisse Grenzen selbst auferlegt. Zum Beispiel, dass man nicht bewusst die religiösen Gefühle anderer verletzt. Nicht weil es ein Gesetz fordert, sondern der Anstand. Warum müssen Mohammed-Karikaturen sein, wenn man weiß, dass sie die Muslime tief verletzen? Muss ich mein Recht zur Freiheit auf diese Weise demonstrieren? Auf eine Weise, die darauf abzielt, andere zu beleidigen und zu verletzten? Vor allem, wenn ich über die Konsequenzen weiß. Es gibt keine grenzenlose Freiheit. Jede Freiheit hat eine Grenze – man kann nicht tun und lassen, was man will. Gerade das zeichnet ja eine zivilisierte Gesellschaft aus. Darin steckt der Gedanke, dass der Mensch über allem steht. Die Würde des Menschen ist unantastbar – steht zu Recht am Beginn unserer Verfassung. Das ist das, was unser Tun begleiten soll.

Damit sind wir bei dem Begriff Manieren. Ich spiele damit natürlich auf Ihr Buch „Manieren“ an. Ist die von Ihnen angesprochene Rücksicht auf den Anderen ein Teil der Manieren, die man haben sollte?
Ja, denn für mich bedeutet Manieren nicht nur Etikette. Ich sehe sie als ästhetischen Ausdruck der Moral. Die Manieren sind in meinen Augen die Kinder der Moral und die Enkel der Religion. Wenn man sagt, jeder Mensch ist ein Gottesgeschöpf, heißt das, jeder Mensch ist gleich. Dies ist das große Verdienst des Christentums, dass es die Gleichheit der Menschen verkündet. Wir vergessen gern, welche Errungenschaft, welcher Durchbruch das für die Menschheit war und ist! Die Manieren, die sich aus diesem Grund ergeben, sind nichts anderes als die stete Rücksicht auf die Gefühle und Empfindsamkeiten des anderen. Sie ermöglichen die hohe Kunst des Zusammenlebens, des respektvollen Umgangs miteinander.

Sie sind – wenn man das so sagen darf, ein begeisterter Deutscher. Und doch: Wie stark ist bei jemandem wie Ihnen, der sich seiner kulturellen Wurzeln und Traditionen sehr bewusst ist, der Drang, in dem einstigen Heimatland zu leben?
Ich kann Ihnen sagen, dass ich bis zum meinem Lebensende ein Wanderer zwischen zwei Welten sein werde. Das ist nicht schlimm. Wenn Sie mich aber jetzt fragen würden, wo ist Ihre Heimat? Dann würde ich Ihnen antworten: Deutschland ist meine Heimat und Äthiopien ist mein Vaterland.

Ein schönes Schlusswort. Aber zum Abschluss unseres Gespräches möchte ich Sie doch noch fragen, wie Ihr Verhältnis zu Sylt ist? Wie gut kennen Sie die Insel?
Ich war bisher nur ein einziges Mal bei Freunden auf der Insel. Aber dabei habe von der Insel eine Erinnerung behalten: ihre Schönheit.

 

Asfa-Wossen Asserate ist am 21.04. im Kaamp-Hüs-Saal um 20:00 zu Gast, um über „Werte und Tugenden im 21. Jahrhundert“ zu referieren und zu diskutieren. Moderation: Michael Stitz

Infos: www.kampen.de








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erstellt am 16.Apr.2016 | 05:35 Uhr

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