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Insel-Köpfe : „Ich fühle mich als Einheimische“

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Sylter Lebenswege: Saskia van Waalwijk van Doorn (48) ist seit 25 Jahren Friedhofsgärtnerin in List und berichtet, wie sie aus Belgien auf die Insel kam und blieb.

shz.de von
erstellt am 27.Sep.2013 | 18:29 Uhr

Als Saskia van Waalwijk van Doorn zum ersten Mal nach Sylt kam, sprach sie kein Wort Deutsch und war alles andere als begeistert von der Insel. „Ich war damals ein 16-jähriges Stadtkind aus Brüssel und fragte mich, wie man in einer solchen Einöde leben kann“, erzählt die heute 48-Jährige. Dass sie sieben Jahre später auf diese Nordseeinsel ziehen und Friedhofsgärtnerin in List werden würde, das hätte sich Saskia van Waalwijk van Doorn bei diesem Besuch bei ihrem deutschen Onkel Karl-Heinz „Kuddel“ Beth wohl kaum vorstellen können. Wenn die gebürtige Belgierin erzählt, sprühen ihre Augen förmlich vor Lebensfreude und Fröhlichkeit. Immer hat sie ein Lächeln auf dem Lippen und zahllose Anekdoten auf Lager. Ihre Muttersprache, das Französische, hört man nur noch an einer ganz feinen Färbung ihrer Aussprache.

Am vergangenen Wochenende hat Saskia van Waalwijk van Doorn ihr 25-jähriges Dienstjubiläum als Friedhofsgärtnerin der Kirchengemeinde St. Jürgen gefeiert. „Es ist unglaublich, wie schnell die Zeit vergangen ist. Das merkt man eigentlich nur, wenn man die Kinder anschaut“, sagt die Mutter von einem 16-jährigen Sohn und einer 14-jährigen Tochter. Dass sie sich trotz all dem anfänglichen Widerwillen mit 23 Jahren dazu entschieden hat, nach Sylt zu ziehen, erklärt sie ganz einfach. „Als wir nochmal bei meinem Onkel im Urlaub waren, habe ich auf einmal gemerkt, wie schön es hier ist. Ich habe die Ruhe genossen und das Gefühl, abends auf die Straße gehen zu können, ohne Angst haben zu müssen.“

Im Juni 1988 besuchte sie zum ersten Mal ihren Onkel Kuddel Beth alleine und beschloss kurzerhand, dass sie auf Sylt leben will. „Mein Onkel sagte, ich könne bei ihm wohnen – jetzt müssten sie mir nur nach einen Job suchen.“ Da die Kirchengemeinde St. Jürgen keinen Friedhofsgärtner hatte, seit Kuddel Beth in Rente gegangen war und Saskia van Waalwijk van Doorn gelernte Gärtnerin ist, war dieses Problem schnell gelöst. Auch den sozialen Anschluss fand die quirlige junge Frau schnell in List. „Mein Onkel war im Ort bekannt wie ein bunter Hund. Als eine Nichte haben mich alle ganz selbstverständlich aufgenommen.“

Ein Jahr später lernte Saskia van Waalwijk van Doorn dann auch ihren späteren Mann, Fred Ausländer, kennen. „Das ist schon lustig. Ich musste ins Ausland kommen, um meinen Ausländer zu finden“, lacht sie. Kurze Zeit darauf zog sie bei ihm ein, in das Haus, in dem die Familie noch heute lebt und das praktischerweise nur ein paar Meter von der Einfahrt zum Friedhof entfernt liegt. Das ist auch gut so, denn Saskia van Waalwijk van Doorn hat keinen Führerschein und legt alle Wege zu Fuß oder mit dem Rad zurück. Um die Grünanlagen auf dem Friedhof kümmert sie sich an vier halben Tagen in der Woche. Für sie ist das nie genug Zeit, um sich ausgiebig um Rasen, Büsche und Bäume zu kümmern. „Trotzdem halten viele unseren Friedhof für den schönsten auf Sylt – weil er so naturbelassen ist und mitten in den Dünen liegt.“

Als Saskia van Waalwijk van Doorn auf dem Friedhof angefangen hat, kamen einige Leute jeden Tag und pflegten die Gräber ihrer Angehörigen. „Das hat sich mittlerweile geändert. Im Herbst und Winter gibt es jetzt oft Tage, wo ich niemanden mehr sehe. Viele sind mittlerweile gestorben und die meisten Kinder ziehen weg. Heute hat ja auch kaum noch jemand Zeit, sich richtig um ein Grab zu kümmern.“ Das kann sie verstehen. Aber traurig machen sie die sehr anonymen Urnen-Großgräber. „Schließlich braucht doch jeder einen Ort, an dem er an den Verstorbenen denken kann.“ Auch ihr eigener Vater liegt auf dem Lister Friedhof. Das war sein ausdrücklicher Wunsch.

Obwohl Saskia van Waalwijk van Doorn für eine Kirchengemeinde arbeitet und sich im Kirchenvorstand engagiert, geht sie nicht regelmäßig in den Gottesdienst. „Ich drücke meinen Glauben dadurch aus, wie ich lebe und wie ich mich anderen Menschen gegenüber verhalte. Nächstenliebe ist für mich ganz wichtig.“

Von der Nächstenliebe, die sich durch den Zusammenhalt der Lister unteinander ausdrückt, ist sie immer wieder begeistert. „Wenn man Hilfe braucht, bekommt man sie überall und ganz selbstverständlich.“ Ein Beispiel ist für sie die Aktion, bei der rund 20 Lister zweimal im Jahr bei der Pflege des Friedhofs helfen. „Die Leute kommen dann mit Schubkarren und machen die wildesten Ecken wieder zurecht. Und als neulich die Kirche nach dem Brand völlig verrußt war, haben alle geholfen, sauber zu machen. Sogar das Brautpaar, das an dem Wochenende geheiratet hat.“

Wenn Saskia van Waalwijk van Doorn nicht gerade arbeitet, verbringt sie jede freie Minute mit ihrer Familie auf dem eigenen Motorboot, dass im Lister Hafen liegt. Im Yachtclub trifft sie sich auch oft mit Freunden, außerdem macht sie gerne lange Spaziergänge mit ihrem Hund.

Sie kann sich nicht mehr vorstellen, nicht auf Sylt zu leben. „Seit ich hier lebe, fühle ich mich als Einheimische.“ Als sie allerdings neulich ihre Freunde gefragt hat, ab wann man als echter Sylter gelte, wurde sie nur schräg angeguckt. „Ich habe keine Antwort bekommen. Man muss wohl hier geboren sein. Aber ich fühle mich hier zu Hause.“

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