Interview mit Susanne Riée : „Ich dachte, Sylt und ich, das ist vorbei“

Susanne Riée am Sylter Strand. Das Bild hat ihr Lebensgefährte, der Maler Alexander Camaro, Ende der 60er Jahre von ihr gemacht.
Susanne Riée am Sylter Strand. Das Bild hat ihr Lebensgefährte, der Maler Alexander Camaro, Ende der 60er Jahre von ihr gemacht.

Die 90-jährige Künstlerin Susanne Riée spricht im Interview über die Insel, Kampener Prominenz und ihren besonderen Namen.

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31. März 2017, 04:57 Uhr

Susanne Riée sitzt in einem Sessel im Hotel Ahnenhof in Kampen. Das Zimmer ist mit seinen graublauen Tönen wie für die Künstlerin gemacht. Denn Blau, das ist ihre Farbe. „Ich wollte immer ein noch blaueres Blau malen. Blau gehörte damals zu mir. Es bedeutete die Ferne, Sehnsucht, Meer und Himmel, Übergang in eine andere Welt“, sagt sie.

Zur Vernissage ihrer Kunstwerke in der Galerie im Kaamp-Hüs kam die 90-Jährige nach vielen Jahren zurück nach Sylt. Zurück in den Ort, in dem sie viele Sommer ihres Lebens verbrachte und wo noch bis zum 10. Mai etwa 30 ihrer Exponate ausgestellt sind – darunter Gemälde, Zeichnungen, Collagen, Skulpturen und Baukeramiken.

Das Interview mit Susanne Riée in ihrem Hotelzimmer wird eines, das man auch als Journalistin in Erinnerung behält. Vielleicht, weil die Künstlerin kein Blatt vor den Mund nimmt – und so eine Ehrlichkeit gegenüber der Presse nicht selbstverständlich ist.

Ihr Alter, am 18. Januar wurde sie 90 Jahre alt, ist ihr nicht anzumerken, man schätzt sie locker 20 Jahre jünger. Sie hat klare Gedanken, leuchtende Augen, volles graues Haar und auch etwas anderes ist ihr geblieben: Die „Berliner Schnauze“ – und das ist durchaus positiv gemeint.

Susanne Riée hat ein bewegtes Leben hinter sich. Sie studierte nach dem Zweiten Weltkrieg an der Berliner Hochschule für Bildende Künste Malerei und war Meisterschülerin von Max Pechstein. 1947 lernte sie den Maler Alexander Camaro kennen, dessen Lebensgefährtin sie 20 Jahre lang war und mit dem sie auch bis zu seinem Tod 1992 befreundet blieb. Mit Camaro kam sie auch das erste Mal nach Sylt – und zu der Insel entstand damals eine besondere Beziehung, aber davon erzählt sie besser selbst:

Der Maler Alexander Camaro und Susanne Riée um 1950.
riée
Der Maler Alexander Camaro und Susanne Riée um 1950.

Frau Riée, erinnern Sie sich noch an Ihre erste Reise nach Sylt?
Ja, ich weiß aber leider nicht mehr genau, wann das war. Mit Zahlen habe ich es nicht so. Damals habe ich gedacht, Camaro und ich müssten im Strandkorb schlafen, weil alles ausgebucht war. Schließlich haben wir ein Quartier in Hörnum bei einem Fischer bekommen, der uns auf seinem Dachboden zwei Lager bereitgestellt hatte. Camaro fand das unglaublich schön, weil das so unbürgerlich war.

Sie sind nach diesem ersten Aufenthalt immer wieder auf die Insel gekommen?
Ja, ich war immer im Sommer drei bis vier Wochen auf Sylt. Eigentlich jedes Jahr. In Kampen hat Camaro schließlich ein wunderschönes Haus gekauft und wir sind immer an den Strand gegangen und dann zur Buhne 16.

Susanne Riée im Jahr 2014.
Eric Tschernow
Susanne Riée im Jahr 2014.


Die 60er Jahre, in denen Sie viel auf Sylt waren, war eine besondere Zeit. Viele Künstler und andere Prominente weilten damals in dem kleinen Ort. Waren Sie untereinander befreundet?
Nein. Wir hatten hier unter den Künstlern und Prominenten keine Freunde. Camaro hat die Leute sogar verachtet. Wir sind manchmal durch die Whiskystraße gegangen, wo die ganzen Porsche standen und wo sich die Prominenz traf. Camaro ist da mit kaputten Schuhen lang und sah wie ein Penner aus – das hat er natürlich extra gemacht. Wir hatten aber trotzdem Freunde, das waren jedoch alles Einheimische.

Also feierten Sie keine ausgelassenen Promi-Partys an der Buhne 16?

Nein. Wir waren zwar schon da, aber es gab dort eine Regel: Bis 16 Uhr blieb jeder an dem Strandabschnitt für sich und hatte Zeit zum Sonnenbaden, nach 16 Uhr durfte man sich dann begrüßen und miteinander spielen. Dann sind Camaro und ich aber immer gegangen.
Jetzt sind Sie wieder zurück auf Sylt – mit ihren Kunstwerken. Wie war die Vernissage für Sie?
Die war wirklich sehr schön. Es kamen viele Leute, auch Kunstinteressierte. Ich musste andauernd den Katalog signieren und war darüber wirklich überrascht. Ich dachte, das sei eine Ausstellung, die völlig unbekannt ist und niemanden anzieht. Man musste mich auch wirklich überreden, dass ich auf die Insel komme. Ich dachte, Sylt und ich, das ist vorbei.

Warum?
Weil ich doch ganz schön alt bin. Mit 90 muss man ja auch nicht jedes Jahr nach Sylt fahren. Und ich bin etwas gehbehindert, kann nicht mehr so richtig mitmachen. Außerdem kenne das doch alles hier (lacht).

War die Entscheidung dennoch gut, zurückzukommen?
Ja, ich denke schon. Ich hatte immer eine Begleitung dabei, die mir geholfen hat. Ich habe mich leider beim Einsteigen in den Zug verletzt und bin auf Sylt sogar noch beim Arzt gewesen. Diese Treppen im Zug waren einfach zu altmodisch, da hätten sich wohl auch schon viele Sylter beschwert.

Ja, das ist ein Dauerthema unserer Zeitung. Sind denn auch Werke von Ihnen auf der Insel entstanden?
Bestimmt ist auf Sylt einiges entstanden. Schon alleine durch das Wasser und die blaue Farbe.

Blau ist Ihre Farbe?
Ja, Blau war immer meine Farbe. Die Insel war blau, das Meer war blau, der Himmel war blau. Ich habe sehr viele Bilder in dieser Farbe gemalt – und bestimmt auch auf Sylt.

Blau ist ihre Farbe: Das Gemälde „Badende“ von 2002, Öl auf Leinwand.
Riée
Blau ist ihre Farbe: Das Gemälde „Badende“ von 2002, Öl auf Leinwand.


Wie leben Sie heute?
Ich wohne ganz arm in der Potsdamer Straße in Berlin. Es ist zwar eine große Wohnung, aber ich habe dort leider keine Sonne, kein Licht. Ich musste 2010 notgedrungen aus meiner Wohnung in Wilmersdorf ausziehen, da hat mir die Camaro-Stiftung diese Bleibe organisiert. Ich wohne im Vorderhaus, die Stiftung ist im Hinterhaus. Es ist ein großes Gebäude, in dem lange der „Verein Berliner Künstlerinnen“ beheimatet war, mit vielen Ateliers. Da haben die Frauen um 1900, als sie noch nicht studieren durften, gemalt und gelernt. Wie zum Beispiel Käthe Kollwitz oder die Paula Modersohn. Später, nach dem Tod von Camaro und seiner Frau, hat die Stiftung das Haus gekauft.

Und Sie sind dort untergekommen?

Na ja, ich bin ein bisschen so ein Überbleibsel. Ich musste irgendwo untergebracht werden – und da hat mir die Stiftung diese Wohnung organisiert.

Sie sind ein „Überbleibsel“?
Ich war 20 Jahre lang Camaros Lebensgefährtin und bin die letzte lebende Frau aus seinem Kreis. In der Stiftung werden immer noch Ausstellungen gemacht, in denen Bilder seiner Freunde und der Frauen, die er so kannte, gezeigt werden. Und er kannte viele Frauen (lacht).

Hatten Sie trotz der neuen Frau an Camaros Seite weiter Kontakt zu ihm?
Ja, wir hatten immer Kontakt. Man kann ja einen Freund nicht wegschmeißen, das geht einfach nicht.

Sie haben in den 40er Jahren Malerei studiert. Wie war es damals als kunstschaffende Frau?
Das war wirklich schwer. Männer wurden immer bevorzugt. Wenn ich mich für eine Akademie oder Stipendien beworben habe, wurde ich grundsätzlich abgelehnt und Männer bekamen den Zuschlag. Als Künstlerin wurde man ganz mies behandelt.

Und eine letzte Frage, wenn Sie erlauben: Ist Riée ihr richtiger oder ein Künstlername?
Eigentlich heiße ich Riese (lacht). Der Name Riée ist durch einen Druckfehler entstanden, weil in einer Publikation das „s“ vergessen wurde. Der Berliner Kunsthändler Rudolf Springer hatte das gesehen und gesagt: ‚Da machen wir einfach noch ein Accent aigu drauf und dann ist der Name perfekt. Und so habe ich „Riée“ mein Leben lang beibehalten.
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