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Kirchenmusik auf Sylt : „Ich bin stolz auf meine Sylter Zeit“

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Nach 14 Jahren als Kantor an St. Nicolai verabschiedet sich Martin Stephan von der Insel. Im Interview erzählt er von dem, was war und was kommt

Gestern wurde Martin Stephan, der langjährige Kantor und Organist der Kirchengemeinde St. Nicolai, mit einem feierlichen Gottesdienst sowie einem Empfang in den Ruhestand verabschiedet. Im Interview blickt der 64-Jährige auf seine Zeit auf der Insel zurück.

Herr Stephan, warum kamen Sie 2003 überhaupt nach Sylt? Sie hatten doch erfolgreich als Organist der Konzerthalle Ulrichskirche in Halle und an St. Georgen, der Taufkirche Johann Sebastian Bachs in Eisenach gewirkt.

Nun, alles im Leben hat seine Zeit, sein Ende und einen neuen Anfang. Schuld ist aber hauptsächlich Matthias Eisenberg, den ich schon lange kannte und der seit 1992 ja Kirchenmusiker an St. Severin war. Durch ihn kam ich immer wieder zu Gastkonzerten nach Sylt, spielte in Keitum, in Rantum, allerdings nie in Westerland. Von ihm habe ich auch erfahren, dass die Stelle an St. Nicolai frei wurde, mich aber erst beworben, als ich einen Anruf von Landeskirchenmusikdirektor Frahm erhielt. Da dachte ich: Das wäre ein Ding, mit „Eisi“ gemeinsam auf einer Insel. Also nichts wie ab mit meinen Unterlagen per Post.

Und dann ging es los ab 1. Januar ...

Halt, erst musste ich mal vor einem großen Gremium beweisen, dass ich tatsächlich geeignet bin. Das war an einem Wochenende im Herbst 2002 und ein echter Marathon: Am Freitag hatte ich mit „Eisi“ noch ein Konzert in Gera, dann ging es hoch nach Sylt. Am Sonnabend Nachmittag galt es zunächst, eine Chorprobe zu gestalten und am Abend ein komplettes Orgelkonzert zu geben. Auf einem Instrument, das ich erst wenige Stunden zuvor kennen gelernt hatte. Am Sonntag folgte dann eine Aufführung mit der Kantorei – also das, was wir am Vortag geprobt hatten. Alles lief gut, ich wurde genommen und habe sozusagen „lebenslänglich Sylt“ gekriegt.

St. Nicolai hatte es damals schwer, sich musikalisch durchzusetzen gegen die „übermächtige Konkurrenz“ aus Keitum, sagen viele. Ist das Ihrer Einschätzung nach richtig?

Ja, das stimmt. Die Kirchenmusik war ziemlich heruntergefahren in St. Nicolai. Aber ich habe es im Laufe der vielen Jahre geschafft, dass man wieder spricht über Westerland, dass die Konzerte immer besser besucht werden. Das begann mit der Aufführung des ersten Werks – Haydns „Schöpfung“ – im September 2003 und ging Schlag auf Schlag weiter jedes Jahr mit großen chorsinfonischen Werken. Im April 2004 folgte zum ersten Mal Bachs „Johannispassion“, mit der Jenaer Philharmonie. Dann kamen Brahms „Requiem“ und „Stabat Mater“ von Antonín Dvorák, ein sehr schwieriges Werk. Mit der Johannispassion schließt sich jetzt auch der Sylter Kreis: Das wird mein letztes großes Konzert in St. Nicolai sein – am Karfreitag, 14. April, um 17 Uhr.

Ein ebenso wichtiger Bestandteil ihres Wirkens an St. Nicolai war die Arbeit mit der Kantorei ...

Als ich kam, habe ich einen Chor mit einem – nennen wir es mal so – „friesisch-herben Gesang“ vorgefunden. Sein Klangbild war zu laut, es gab nur geringe bis gar keine Abstufungen. Gemeinsam ist uns jedoch eine Umstrukturierung gelungen. Das war ein langer Prozess, darauf bin ich wirklich stolz. Bis heute haben wir ein sehr hohes Niveau.

Wie steht es mit der Nachwuchsarbeit? Gelingt es, junge Leute für Kirchenmusik zu begeistern?

Das ist zugegebenermaßen schwer auf Sylt: Junge Leute zu finden, aber sie vor allem auch zu halten. Viele verlassen die Insel ja spätestens mit Beginn des Studiums oder der Ausbildung. Deshalb sind fast alle, die jetzt im Chor singen, mit mir 14 Jahre älter geworden. Ebenso wichtig: Der Chor an St. Nicolai ist auch eine Art Auffangbecken. Als Leiter leistet man soziale Arbeit, man muss die Mitglieder halten und immer neu motivieren. Was mir jedoch Hoffnung macht und mich total begeistert, sind die Aufführungen des Schulprojekts „Galileo – und sie bewegt sich doch“, an dem ich mitwirken durfte. Meine Hochachtung vor den jungen Leuten und auch vor der Lehrerin, die das mit ihnen einstudiert hat. Brecht ist wahrlich nicht leicht zu spielen, aber das war textlich, musikalisch und von der Ausstattung her ein wahres Meisterwerk – wirklich einer der Höhepunkte zum Abschluss meiner Tätigkeit hier auf Sylt.

Das klingt ja nun – nach ihrem vorzeitigen und freiwilligen Abschied in den Ruhestand – so, als ob Sie Sylt doch vermissen werden?

Ach wissen Sie, ich bleibe der Insel ja zumindest zeitweise erhalten. Unabhängig von St. Nicolai werde ich das Sylter Blechbläserensemble weiter betreuen und auch selbst mitspielen. Unsere Auftrittstermine für 2017 sind bereits in Arbeit. Nur keine Sorge: Langweilig wird es mir ganz bestimmt nicht. Ich werde weiterhin viele Konzerte geben, in Deutschland, aber zum Beispiel auch in Russland. Darüber hinaus habe ich an meinem Wohnort auf dem Festland den Vorsitz des neuen Vereins übernommen, der den Langenhorner Orgelsommer veranstaltet. Das Programm für Juni bis Ende August steht schon. Außerdem habe ich seit 14 Tagen meinen weißen Schäferhund Rex. Der ist erst zehn Wochen jung und wird mich sicher viel beschäftigen.
 

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erstellt am 20.Feb.2017 | 05:02 Uhr

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