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Sylter Köpfe : „Ich bin geboren für den Service“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

In der SR-Serie Sylter Köpfe erzählt Verena Fitschen, warum „Seele, Herz und Leidenschaft“ so wichtig sind, um auf Sylt erfolgreich zu sein.

Was ist funkelnden Michelin-Sternen und internationalem Renommee entgegen zu setzen, um ausgerechnet auf der Gourmet-Insel Sylt gastronomisch erfolgreich zu sein? „Seele, Herz und Leidenschaft“, sagt Verena Fitschen – Schwester der bekannten Sterneköche Dieter und Jörg Müller. Erstgenannter zählt seit langem zu den besten deutschen Köchen, Bruder Jörg gilt mit seinem Westerländer Restaurant als Mitbegründer der Sylter Sterneküche. Zur Familie aus dem Südschwarzwald zählen vier weitere Geschwister, von denen drei ebenfalls kulinarische Dienstleister sind.

„Wenn ihr etwas könnt, dann Gastronomie, hat unser Vater immer gesagt“, sagt Verena Fitschen. Das bestätigen schon wenige Blicke auf das Tun und Wirken der auf Sylt so beliebten Gastgeberin. Entwaffnend herzlich ist die Begrüßung der 57-Jährigen in ihrem idyllisch gelegenen Restaurant am Wenningstedter Dorfteich. Dort hat die temperamentvolle Schwarzwälderin mit Gästen bis weit in die Nacht gefeiert. Dennoch wirkt die vierfache Mutter frisch und wach. Hier noch ein Kännchen Sahne zum Kaffee, dort noch schnell frische Blumen auf den Tisch gestellt. Liebe Stammgäste schauen nach einem Strandspaziergang kurz rein, am nächsten Abend haben sie einen Tisch im Fitschen reserviert. „Wir freuen uns sehr auf euch“, sagt Verena Fitschen – wahrscheinlich wird es morgen Abend also wieder spät.

„Sterneküche war nie unser Ziel – diesen Stress möchten wir uns nicht antun“, sagt die Restaurantchefin. Hochwertige regionale Küche, Wohlfühl-Service und Geborgenheit – diese Qualitäten machen so viele Gäste des Familienbetriebs zu Stammgästen. „Kuschelig soll es sein, so wie zuhause“, betont Verena Fitschen. Dafür sorgen auch Ehemann Manfred als Küchenchef sowie mehrere Töchter und schon ein Schwiegersohn im Familien-Team. „Die Küche ist nichts für mich, ich bin geboren für den Service, für die Nähe zum Gast.“ Das unterscheidet Verena Fitschen von ihren beiden berühmten Brüdern.

Ein wenig Konkurrenz unter den beiden gebe es natürlich schon. „Es wäre nicht gut, wenn auch noch Dieter ein Restaurant auf Sylt haben würde“, verrät die Schwester über ihre Brüder. Beide seien Meister in der Küche, aber als Menschen ganz unterschiedliche Typen. Dieter Müller liebe den Auftritt, das Kochen vor und die Nähe zu genussfreudigen Menschen, wie beim Show-Kochen auf luxuriösen Kreuzfahrtschiffen. Dagegen sei „der Jörg“ fast schüchtern. „Klar macht er auch seine Runde durchs Restaurant, da die Gäste bei Müller den Müller auch sehen möchten. Aber am liebsten würde er wohl ganz und gar in seiner Küche wirken“ sagt Verena Fitschen über den Sternekoch mit dem berühmten Schnauzbart. Beim Gourmet-Festival vor zwei Jahren holte die Fitschen-Chefin ihren mit drei Sternen dekorierten Bruder Dieter als Gastkoch in ihre Küche. „Das war wunderbar – einfach eine tolle, harmonische Stimmung in der Küche und im Restaurant.“

Doch Jörg Müller war es, der seine Schwester vor 25 Jahren nach Sylt holte – mit vier kleinen Kindern im Gepäck und gleich mitten ins Geschehen. Und zwar ins Moby Dick, das die Fitschens schon bald komplett von Jörg Müller übernahmen. Ein uriger, Reet gedeckter, versteckt gelegener und bis heute wohl unerreichter gastronomischer Geheimtipp am Munkmarscher Watt – nur wenige Meter entfernt vom heutigen Fährhaus des Sternekochs Holger Bodenhof. „Das hatte schon Privat-Atmosphäre, das waren wunderbare Jahre – auch zusammen mit den Petersens , die gegenüber mit der Blaumuschel auch als Familienbetrieb sehr beliebt waren“, erinnert sich Verena Fitschen. Doch beide Restaurants gibt es nicht mehr. Vor sechs Jahren lief der Pachtvertrag fürs Moby Dick aus. Die Traum-Immobilie wurde zum Verkauf angeboten, zu wirtschaftlich für die Fitschens nicht darstellbaren Bedingungen.

Auf die extrem hohen Sylter Immobilienpreise blickt Verena Fitschen mit Sorge. Immer mehr junge Sylter verkaufen die älteren Einfamilienhäuser ihrer Eltern an Immobilienspekulanten, die diese Häuser abreißen und durch schmucke Ferienwohnungen ersetzen, die sich kaum ein Sylter als Urlaubsdomizil leisten könnte. „Dieser Verlockung sollten die Einheimischen widerstehen. Nicht nur Dauerwohnraum, ein Stück Heimat geht durch jeden Verkauf für immer verloren“, bedauert die Frau, für die Sylt zum Zuhause geworden ist. „Immer wenn ich zurück auf die Insel fahre, bekomme ich schon auf dem Autozug Herzklopfen vor Freude.“ Sylt noch einmal zu verlassen, ist für die Schwarzwälderin undenkbar.

Es wäre schön, wenn in ein paar Jahren die Kinder die Regie im Betrieb übernehmen, Verena Fitschen mehr Zeit hätte für lange Strandspaziergänge, Urlaube, Enkel oder einen Hund. Zumal sich nach dem Moby Dick auch das ehemalige Hinkfuss am Dorfteich mit Restaurant, acht Zimmern und idyllischer Kaffeeterrasse am See zu einem Glücksgriff entwickelt hat – und zum Zentrum für die Großfamilie, die dieses Jahr die Hochzeit einer Fitschen-Tochter fast vollzählig auf Sylt feierte – mit einem Gastkoch in der Küche, „damit alle, auch meine Brüder das Fest genießen konnten“, sagt Verena Fitschen. Auch Weihnachten geht die Familie vor. Im Gegensatz zu vielen anderen Sylter Restaurants hat das Fitschen am 24. Dezember Ruhetag. Dann wird Familienleben mit drei Generationen genossen – mit Fondue auf dem Tisch. Dafür hätten die Gäste volles Verständnis. Auch das ist ein Teil des besonderern und erfolgreichen Weges, den Verena Fitschen als Schwester von zwei der bekanntesten Köche Deutschlands auf Sylt gefunden hat.

 

Am 3. und 4. November ist das Schleswig-Holstein Gourmet Festival zu Gast bei Fitschen am Dorfteich. Gastkoch Michael Röhm aus Lüneburg ist dann in der Küche am Start: Der 47-Jährige wird neben seiner Interpretation der neuen deutschen Kücheauch gern mediterrane Akzente. Infos unter www.gourmetfestival.de


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erstellt am 08.Okt.2013 | 06:00 Uhr

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