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Interview zur Bürgermeisterwahl : „Ich bin der Kandidat für alle auf Sylt“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Der Morsumer Lars Schmidt hat am Donnerstag seine 135 Unterstützerstimmen für die Bürgermeisterwahl abgegeben

von
erstellt am 25.Okt.2014 | 06:10 Uhr

Herr Schmidt, Sie treten nicht als Kandidat Ihrer Wählergemeinschaft Inselliste zukunft.sylt, sondern als freier Bewerber an. Erhalten Sie zu wenig Unterstützung aus den eigenen Reihen?

Schmidt: Ich habe ohnehin keine starke Parteibindung. Ich bin meinen Prinzipien treu, nicht meinen Parteibüchern. Ich bin auch kein Kandidat einer einzelnen Partei, sondern ein Kandidat für alle auf der Insel. Deswegen halte ich es nur für konsequent, als unabhängiger Bewerber anzutreten. Das macht mich auch für andere freier und wählbarer: Trotz der Spaltung der Inselliste haben einige ehemalige Mitglieder sogar für mich unterschrieben.

Sie haben zur Wahl ein 200 Seiten starkes Buch veröffentlicht, für das Interessierte 15 Euro zahlen müssen. Hätte ein kostenloser Infoflyer nicht gereicht?

Es wird auch noch kostenlose Flyer geben. Aber die aktuelle Situation auf der Insel musste endlich mal umfassender erklärt und analysiert werden. Es kann ja nicht sein, dass man nur mit ein paar Schlagworten in den Wahlkampf zieht. Das ist genau eines der Probleme, woran es meinen Mitbewerbern mangelt. Ich will mit dem Buch auch kein Geld verdienen, sondern ich finde, es muss einmal gesagt werden: Wo stehen wir und wo könnten wir hingehen? Denn die wirkliche politische Grundlagendiskussion fehlt leider auf der Insel und die fehlt auch in den Parteien. Wir haben hier nicht das sonst Übliche, dass wir um unterschiedliche Richtungen streiten. Alle wollen zum Beispiel mehr Wohnraum – allerdings sagt keiner richtig, wie das gehen soll.

Sie sind selbständiger Unternehmer und engagierter Netzwerker. Was befähigt Sie, eine Verwaltung mit mehr als 200 Mitarbeitern zu leiten?

Ich habe mit Sicherheit nicht die Verwaltungserfahrung einiger Mitbewerber. Aber ich habe einige Semester Jura studiert – das heißt, ich kenne mich in formalen Dingen gut aus. Und ich habe eine große Kenntnis der politischen Gesamtlage der Insel. Rein technisch ist die Verwaltung nicht schlecht aufgestellt. Ich käme ja in ein funktionierendes System. Die Verwaltung muss doch nicht von Null aufgebaut werden. Wenn es nur um einen Verwaltungsfachmann ginge, müsste es keine Bürgermeister-Direktwahl geben. Es hat doch einen Grund, warum der Bürgermeister direkt gewählt wird. Es geht darum, dass die Souveränität vom Volk ausgeht. Also hat man als Bürgermeister natürlich auch ein politisches Mandat – auch, wenn gerade die Politik hier auf Sylt das immer wieder verneint.

Zur Lösung wichtiger Probleme auf Sylt, wie dem Wohnungsmangel oder der Gesundheitsversorgung, schlagen Sie die Gründung einer Bürgerstiftung vor. Was soll die funktionieren?

Bei der Stiftung geht es darum, dass die Menschen selbst aktiv werden. Also nicht sagen, die Gemeinde oder der Staat muss etwas regeln, sondern wir Bürger tun uns zusammen und versuchen, Lösungen zu organisieren. Das kann durch ehrenamtliche Leistungen allgemein oder im Rahmen konkreter Projektarbeiten geschehen. Und wer das nicht leisten kann oder will, unterstützt die Stiftung eben finanziell – das können Unternehmen und Zweitwohnungsbesitzer sein, die zum Beispiel ein Prozent vom Umsatz oder vom Immobilienwert einzahlen. Ich sehe das als Wiederherstellung eines klassisch wertorientierten Systems. Und zwar auf freiwilliger Basis, ohne jeglichen Zwang, ähnlich wie früher im Norden die Allmende.

Sie fordern auch mehr Instrumente direkter Demokratie. Wollen Sie die Macht der Volksvertreter aushebeln?

Nun ja, wenn sie nicht mehr das Ohr an ihren eigenen Wählern haben und solche Entscheidungen treffen wie jetzt mit dem Außenbecken der Sylter Welle, dann fände ich Bürgerentscheide durchaus begrüßenswert. Obwohl das für die Verwaltung mehr Aufwand bedeutet. Aber das ist gute Arbeit, weil man nur so die Bürger begeistern kann. Und wenn ein Projekt nicht die notwendige Mehrheit erhält, dann war es eben nicht gut – egal, ob es aus der Politik oder der Verwaltung gekommen ist.

Wahlberechtigt sind alle Sylter Bürger ab 16 Jahre. Wie wollen Sie Jugendliche motivieren, wählen zu gehen?

Junge Menschen haben laut Gemeindeordnung ein Recht auf Beteiligung. Aber das wird auf Sylt in keiner Weise umgesetzt. Wie oft wurden schon eine Funsporthalle oder ein neues Jugendzentrum versprochen? Eigentlich müssten die Jugendlichen bei allem, was mit längerfristigen Kreditverpflichtungen der Gemeinde zu tun hat, beteiligt wˆerden: sei es beim Schwimmbad oder bei der Feuerwache. Tun wir das nicht, schaffen wir verlorene Generationen, die dann noch weniger Bindung zur Insel haben. Unsere Jugendlichen erwarten Ehrlichkeit und einen offenen Umgang mit allen Problemen und Herausforderungen – und die sind leider viel größer, als sie von allen Mitbewerbern politischer Art bisher diskutiert werden.

Sollte der Gedanke einer Inselfusion neu aufgegriffen werden? Funktioniert Sylt in Zukunft nur als Einheit?

Ich sehe die Fusion als faktisch gescheitert. Wir werden die anderen Inselorte in das jetzt bestehende Modell definitiv nicht hineinbekommen. Ich glaube, es gibt bessere Gestaltungsmöglichkeiten wie ein Inselparlament durch einen direkt gewählten Amtsausschuss. Wir können das viel beschworene Wir-Gefühl nur erreichen, wenn nicht die Hälfte aller Bürger ausgegrenzt wird.

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