Geburtenstation : „Hut ab vor den Sylter Hebammen“

Dr. Horst Ostertag.
Dr. Horst Ostertag.

Viele schwangere Sylterinnen gehen schon heute für die Geburt in die Diako in Flensburg. Der dortige Chefarzt äußert sich zur Sylter Geburten-Debatte im Interview.

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30. November 2013, 12:00 Uhr

Dr. Horst Ostertag ist seit 2004 Chefarzt der Frauenklinik der Diakonissenanstalt (Diako) in Flensburg. Im Interview spricht der 56-Jährige über seine Einschätzung zur Debatte um die Sylter Geburtenstation.

Auf Sylt wird die Diskussion um den Erhalt der Geburtenstation in der Asklepios Nordseeklinik sehr emotional geführt – heute findet eine Demonstration Schwangerer statt, die Gemeinde sammelt Unterschriften für den Erhalt. Können Sie diese Emotionalität nachvollziehen?

Dr. Ostertag: Ja, denn ich sehe es in einem Flächenland wie Schleswig-Holstein schon als problematisch an, wenn Geburtenstationen geschlossen werden. Dass bei normal verlaufenden Schwangerschaften wohnortnah entbunden werden kann, finde ich sehr wichtig – gerade auch auf Sylt, das ja durch seine Insellage in einer besonderen Position ist.

Warum?

Zum einen, weil Sie ja nie genau wissen, wann die Wehen einsetzen: Laut Statistik irgendwann im Zeitraum zehn Tage vor der Geburt oder 14 Tage danach. Wenn die Frau in dieser recht langen Zeitspanne von ihrem Wohnort weg muss, um sich in der Nähe der Klinik aufzuhalten, ist das schwierig, besonders, wenn sie vielleicht kleine Kinder zu Hause hat. Und gerade bei dem zweiten Kind geht die Geburt häufig sehr schnell – dann noch 50 Kilometer über die Landstraße zu fahren, finde ich problematisch.

Bisher entbinden Sylter Frauen mit Risikoschwangerschaften ohnehin schon bei Ihnen in Flensburg. Sollte die Geburtenstation in der Nordseeklinik geschlossen werden – gäbe es eine Möglichkeit, auch die anderen Schwangeren in dem Zeitraum um den Geburtstermin herum in Flensburg unter zu bringen?

Wir haben nahe der Klinik ein Appartementhaus, da könnten wir theoretisch auch allen risikolosen Schwangeren eine Unterkunft anbieten. Dass das die Krankenkasse finanzieren würde, bezweifle ich allerdings.

Die Nordseeklinik hat den Inselhebammen angeboten, dass sie die Räume der Geburtenstation als Hebammen-geführtes Geburtshaus nutzen können, Chirurgen würden im Notfall bei Kaiserschnitten einspringen. Die Hebammen lehnen dieses Konzept ab - zu Recht?

Da sage ich: Hut ab vor den Hebammen! Sie scheinen sehr risikobewusst zu arbeiten. Denn es kann bei jeder Schwangerschaft zu Komplikationen kommen. Dann brauche ich als Hebamme einen erfahrenen Gynäkologen an meiner Seite. Einen Kaiserschnitt kann ich als Chirurg sicher lernen. Aber es gibt ja auch Zangen- oder Sauggeburten, vaginal-operative Eingriffe – da braucht es einen erfahrenen Arzt. Man muss sich wirklich klar machen, dass es auch bei scheinbar risikolosen Schwangerschaften zu Komplikationen kommen kann – wenn das beherrscht wird, geht die Geburt in der Regel sorglos für Mutter und Kind über die Bühne. Und das Hauptziel ist ja: Wir wollen gesunde Kinder. Allerdings befasse ich mich als Chefarzt auch mit der Personalplanung. Ich kann also nachvollziehen, dass es gerade auf Sylt schwierig ist, Beleg-Gynäkologen zu finden. Als sich die Versicherungssumme in der Geburtshilfe auf 30 bis 40 000 Euro erhöht hat, haben auch niedergelassene Flensburger Gynäkologen aufgehört, als Belegärzte zu arbeiten, weil es sich für sie einfach nicht mehr lohnt.

Die Nordseeklinik argumentiert damit, dass bei rund 80 Geburten im Jahr auf Sylt die Sicherheit nicht mehr gewährleistet sei, weil dem Gynäkologen die Erfahrung fehlt. Teilen Sie diese Bedenken?

Gut, bei uns gibt es zwei Ärzte, die sich um nichts anderes als um die Geburten kümmern. Aber bei einem Arzt und 80 Geburten würde ich mir auch noch keine Sorgen machen, dass er aus der Übung kommt. Bei Dreien oder Vieren, die 80 Geburten untereinander aufteilen, schon eher. Und man bräuchte ja eigentlich drei oder vier Belegärzte auf Sylt, um die Geburtenstation am Laufen zu halten. Das ist also schwierig, da beißt sich die Katze in den Schwanz.

Von Seiten der Politik kommen massive Forderungen, die Geburtenstation zu erhalten – ist das in dieser Situation gerechtfertigt?

Die Politik fordert immer viel – es muss aber auch finanziert werden. Und zwar nicht nur die Versicherungen für die Hebammen. Eine Geburtshilfe kostet einfach viel Geld, die Kosten für Versicherungen gehen durch die Decke, das trifft in Deutschland alle Krankenhäuser, besonders die, die eine Geburtenstation haben. Die neue Bundesregierung soll sich gerne damit auseinander setzen, wie hier vom Bund geholfen werden kann.

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