Der Körper als Waffe : Hungerstreik nach Hartz IV-Kürzung

Hungerstreik wegen Hartz IV: Auf dem Plakat von Feliks Opolski-Sobczak steht ein literarisches Zitat: Es soll Gerechtigkeit geschehen, und gehe die Welt darüber zugrunde. Foto: Kröger
Hungerstreik wegen Hartz IV: Auf dem Plakat von Feliks Opolski-Sobczak steht ein literarisches Zitat: Es soll Gerechtigkeit geschehen, und gehe die Welt darüber zugrunde. Foto: Kröger

Das Lübecker Jobcenter habe Feliks Opolski-Sobczak schikanös behandelt. Gegen die Kürzung seiner Unterstützung protestiert er jetzt mit einem Hungerstreik.

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08. Juni 2012, 10:22 Uhr

Lübeck | Es ist Tag acht. Tag acht ohne Essen für Feliks Opolski-Sobczak. So lange befindet sich der 58-Jährige im Hungerstreik, sitzt jeden Tag acht Stunden vor dem Lübecker Rathaus. Heute wird es ein Gespräch mit dem Jobcenter in der Hansestadt geben, mit dem sich der gebürtige Pole, der seit 22 Jahren Deutscher ist, im Streit befindet. "Ich bin schikanös behandelt worden, die haben meine Würde und meinen Stolz mit Füßen getreten", sagt er. Als das Jobcenter ihm wegen angeblicher Verfehlungen wiederholt die Unterstützung kürzte, habe er sich zu der "dramatischen Aktion" entschlossen. "Am Ende hatte ich nach Abzug aller fixen Kosten noch 100 Euro. Das Fass war voll." Eine Klage gegen das Jobcenter halte er nicht für aussichtsreich, sagt Opolski-Sobczak.
Der 58-Jährige fühlt sich von seiner Sachbearbeiterin schikaniert, die sei fremdenfeindlich. Er sei selbstständiger Reisejournalist, der für polnische Medien schreibe, müsse deswegen gelegentlich nach Polen reisen. "Ich habe Anspruch auf 21 Tage Urlaub im Jahr. Aber das Jobcenter genehmigt mir das mal und mal wieder nicht. Das ist Willkür", schimpft Opolski-Sobczak. Seit zehn Jahren lebt er in Lübeck, seit zehn Jahren von staatlicher Unterstützung, weil er nicht genug verdient.
"Manchmal wird mir schwindelig und schwarz vor Augen"
"In den vergangenen Jahren hat er im Höchstfall 50 Euro im Monat verdient", sagt der Chef des Jobcenters, Joachim Tag. Dazu habe er Job-Angebote ausgeschlagen. "Wir haben uns nichts vorzuwerfen", sagt Tag. Im Gegenteil, Opolski-Sobczak habe seine Mitarbeiter beschimpft, strafrechtliche Konsequenzen will Tag nicht ausschließen. Man habe von den Sanktionen nichts zurückzunehmen, nur weil "jemand eine so extreme Aktion startet". Tag will den Hartz IV-Empfänger heute erstmal "beruhigen".
Die Menschen in Lübeck reden über Opolski-Sobczak. Manche beschimpfen ihn, manche machen ihm Mut. Gesundheitlich sei er angeschlagen. "Manchmal wird mir schwindelig und schwarz vor Augen", sagt Opolski-Sobczak. Hungergefühle oder Bauchschmerzen habe er aber kaum noch. Dauerndes Hungern kann schon nach Wochen zu gesundheitlichen Beschwerden führen. Abends gehe er in seine Wohnung, sagt der Lübecker, "aber auch da esse ich nichts. Ich trickse nicht." Er ernähre sich von Gemüsesaft. Opolski-Sobczak will weiter hungern, wenn das Jobcenter die Sanktionen nicht aufhebt - "notfalls bis zum bitteren Ende".

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